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Videos zeigen Übergriffe: Wachpersonal misshandelt Flüchtlinge in Halberstädter Unterkunft

Skandal in der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber im sachsen-anhaltischen Halberstadt: Videoaufnahmen zeigen, wie Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsunternehmens auf Bewohner einprügeln. Erste Konsequenzen wurden bereits gezogen, weitere sollen folgen.

Halberstadt: Wachleute haben Geflüchtete im Camp offenbar misshandelt

In der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber (Zast) im sachsen-anhaltischen Halberstadt haben Wachleute offenbar zwei Bewohner schwer misshandelt.

Dies zeigen mehrere bereits im April auf Youtube hochgeladene Videos, die das Innenministerium in Magdeburg nach einer ersten Bewerung als "real" einschätzt, wie ein Sprecher auf stern-Anfrage sagte. Den Behörden sei das Geschehen erst im Laufe dieses Freitags bekanntgeworden.

Aufnahmen zeigen brutale Szenen in Halberstadt

Die Aufnahmen zeigen, wie zwei mutmaßliche Bewohner der Unterkunft im Freien von zwei in schwarz gekleideten mutmaßlichen privaten Sicherheitsleuten zu Boden gestoßen werden und einer der Männer von mindestens einem Wachmann heftig mit Tritten und Schlägen traktiert und mit der Faust bedroht wird. Bis zu sieben umstehende Personen, die nach der Kleidung ebenfalls dem Sicherheitsdienst zuzurechnen sein dürften, schreiten nicht ein. Wer die Sequenzen ins Internet gestellt hat, ist nicht bekannt. Der entsprechende Youtube-Kanal wurde offenbar eigens zur Verbreitung der Aufnahmen eingerichtet, andere Inhalte finden sich dort nicht. Was vor und nach den insgesamt rund 90 Sekunden langen Sequenzen geschehen ist, ist ebenfalls nicht bekannt. Ebenso ist unklar, wann die Aufnahmen entstanden sind.

Halberstadt: Wachleute haben Geflüchtete im Camp offenbar misshandelt

Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht zeigte sich entsetzt über den Vorfall. "Auf der einen Seite erwarten wir von denen, die zu uns kommen, dass sie sich an die Regeln und an unsere Gesetze halten. Das gilt aber auch für diejenigen, die in den Einrichtungen als Deutsche unterwegs sind", sagte der CDU-Politiker in Magdeburg. "Es gibt hier keinen Freibrief, jemanden, der hilfesuchend zu uns kommt, ohne Relevanz zu schlagen oder zu Boden zu werfen." Stahlknecht sagte, der Inhalt der Videos sei "von erheblicher strafrechtlicher Relevanz".

Der Sprecher seines Hauses teilte mit, dass eine sechsköpfige Ermittlungsgruppe des Ministeriums die mögliche Misshandlung der Schutzsuchenden aufklären soll. Zudem haben die zuständige Polizeiinspektion Magdeburg und die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufgenommen. In Frage kommen dabei Körperverletzungsdelikte, aber auch die Untätigkeit der Umstehenden könnte strafrechtlich relevant sein. Auch die Polizei habe eine Ermittlungsgruppe eingerichtet, teilte eine Sprecherin dem stern mit. Vier Verdächtige seien namentlich bekannt, nun gehe es unter anderem darum, die Geschädigten zu ermitteln. Die Beamten arbeiteten "mit Hochdruck" an dem Fall, hieß es.

Sicherheitsunternehmen "verurteilt diese Handlungen"

Bei dem in der Zast eingesetzten Sicherheitsunternehmen handelt es sich um die "City Schutz GmbH" aus Schönburg bei Naumburg. "Wir verurteilen diese Handlungen auf das Schärfste und distanzieren uns in aller Deutlichkeit davon", teilte das Unternehmen dem stern mit. "Die im Video abgebildeten Mitarbeiter sind unverzüglich und mit sofortiger Wirkung vom Dienst suspendiert worden." Die Verantwortlichen der Firma hätten den Behörden "jede nur mögliche Unterstützung bei einer lückenlosen Aufklärung des Sachverhalts und uneingeschränkte Zusammenarbeit" zugesagt.

Das Unternehmen blickt bereits auf eine rund 20-Jährige Geschichte zurück und führt seine Sicherheitsdienstleistungen nach eigenen Angaben für eine Vielzahl von – auch bekannten – Auftraggebern aus. Zu den Kunden gehörten beispielsweise die Deutsche Bahn oder die Stadt Naumburg, aber auch weitere Flüchtlingsunterkünfte. Die Firma beschäftige rund 1000 Menschen, die Wachleute verfügten allesamt über einen Zuverlässigkeitsbescheid und eine bestandene Sicherheitsüberprüfung. Zudem seien die in der Zast eingesetzten Mitarbeiter speziell geschult und belehrt.

Der Vorfall aus den Videos könnte indes nur einer von mehreren sein. Die Behörden gehen Hinweisen von Mitarbeitern des Bundesamtes für Migration und Flüchtlingen nach, wonach es in der Vergangenheit in der Zast bereits häufiger Übergriffe des Wachdienstes auf Geflüchtete gegeben haben soll. Das Ergebnis der Prüfung steht jedoch noch aus.

Die Zentrale Anlaufstelle für Asylbewerber in Halberstadt wird vom Land Sachsen-Anhalt betrieben. Sie bietet Platz für insgesamt 1000 Menschen. Dort befinden sich unter anderem Außenstellen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge und des Gesundheitsamtes, aber auch Hilfseinrichtungen, zum Beispiel von der Caritas.