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Initiative von Sarah Wagenknecht: Aufstehen. Kann das klappen?

Die Rechte dominiert die Debatten, der neoliberale Mainstream die Politik. So sieht es Sahra Wagenknecht. Sie hält eine linke Bewegung für überfällig und nennt sie "Aufstehen". Kann das klappen?

Sahra Wagenknechts neue Bewegung "Aufstehen": Was steckt dahinter?

Ihre Welt sind Talkshows und Vorträge – Parteiversammlungen eher nicht. "Das abzustreiten wäre töricht", sagt Sahra Wagenknecht.

Es gibt eine Frage, mit der man in diesen Tagen sehr schön das aktuelle Standing von Sahra Wagenknecht in ihrer Partei, der Linken, ausloten kann. Man muss die Genossen nur fragen, welches Geräusch sie mit ihr verbinden. Als Antwort kommt dann: "Das Klackern ihres Rollkoffers."

Wagenknecht reist viel. Und viele glauben: Sie sucht das Weite.

Sie sitzt in Talkshows, sie ist auf Lesungen, bei öffentlichen Debatten. Vor allem: Sie ist dort in ihrem Element.

Sie lässt bei solchen Gelegenheiten ihre Sahra-Wagenknecht-Aura wirken. Mittlerweile ist sie meilenweit entfernt von jener postkommunistischen Betonhaftigkeit der ersten Nachwendejahre. Sie hat an ihren Auftritten gefeilt. So beherrscht und makellos, wie sie dasitzt, sieht sie aus wie eine wertvolle Statue, die man nicht berühren darf. Sie verharrt, den Rücken durchgedrückt, die Haare straff nach hinten, hoch konzentriert und regungslos so lange in ihrer Position, bis ihr Gegenüber ausgeredet hat. Dann legt sie los. Messerscharf, brillant in ihrer Rhetorik, kein überflüssiges Wort. Das geben sogar ihre Gegner zu – und davon gibt es in diesen Tagen mehr als genug. Nein, nicht jeden überzeugt die Linke, auch nicht mehr jeden Linken; aber die, die nicht überzeugt sind, sind intellektuell herausgefordert. Wenigstens das.

Sahra Wagenknecht wird das Gesicht von "Aufstehen" sein

An einem Berliner Sommertag sitzt Wagenknecht in ihrem Fraktionsvorsitzendenbüro im Jakob-Kaiser-Haus und gibt unumwunden zu, dass ihr Lesungen und öffentliche Debatten mehr Spaß machen als langatmige Parteiversammlungen mit den ewig gleichen Abwehrritualen. "Das abzustreiten wäre töricht", sagt sie in ihrer typischen Diktion.

Bisweilen weigert sie sich, auf Parteivorstandssitzungen zu erscheinen, dort werde sie eh nur beschimpft, klagt Wagenknecht. In einem Brief an ihre Abgeordneten schrieb sie vor einiger Zeit, sie sehe "keinen Sinn darin, meine Kraft und meine Gesundheit in permanenten internen Grabenkämpfen ... zu verschleißen".

Wagenknecht war vier Jahre lang bis 2014 Stellvertretende Parteivorsitzende der Linken. Seit Oktober 2015 führt sie gemeinsam mit Dietmar Bartsch die Bundestagsfraktion

Wagenknecht war vier Jahre lang bis 2014 Stellvertretende Parteivorsitzende der Linken. Seit Oktober 2015 führt sie gemeinsam mit Dietmar Bartsch die Bundestagsfraktion

Sie, die Linke, hat es nicht leicht mit der Linken.

Suchte man dieser Tage nach einem geeigneten Soundtrack, um das Rollkoffer-Geräusch der Wagenknecht zu begleiten, dann wäre das der Song von The Clash – "Should I stay or Should I go?"

Gehen oder bleiben? – Am vergangenen Dienstag hat Wagenknecht vor der Bundespressekonferenz in Berlin diese Frage fürs Erste auch nicht beantwortet. Aber sie hat die von ihr maßgeblich mitinitiierte Bewegung "Aufstehen" vorgestellt.

Deutschland hat nun, nach den USA, Frankreich, Spanien, Italien und Großbritannien, ganz offiziell auch wieder eine Bewegung von links. Sie ist von oben ausgedacht. Und soll von unten aufgefüllt werden.

Manche halten das für überfällig, viele für überflüssig, weil das deutsche Wahlrecht, anders als beispielsweise in Frankreich, die Teilnahme von Bewegungen an Wahlen unmöglich macht. So oder so, Sahra Wagenknecht wird – jedenfalls bis auf Weiteres – das Gesicht von "Aufstehen" sein. Es sei, sagt eine Vertraute der Fraktionschefin, auch der Ausbruch aus immerwährender Selbstzufriedenheit.

Skepsis bei den Arrivierten

Der Mensch richtet sich selbst im größten Unglück ein – und der/die Linke an sich auf der Oppositionsbank. Wie festgenagelt, einerseits. Andererseits – man hat es sich irgendwann auch bequem gemacht auf diesen sicheren Bundestagssesseln. Das "Aufstehen" der Unzufriedenen soll da noch einmal aufrütteln, soll Stimmen und Lebensgefühle bündeln, auch und gerade im Netz, wo die Rechte den Kampf um die Deutungshoheit schon lange viel engagierter führt. "Aufstehen" soll eine Alternative für dieses Deutschland sein – eben von links.

Es ist der womöglich für lange Zeit letzte Versuch, noch einmal Lärm zu machen, etwas anzufangen mit dem ständig geringer werdenden Potenzial der Linken, bevor es rechnerisch zu spät ist. Der Genosse Trend weist seit Langem nur in eine Richtung: nach unten.

SPD: 20,5 Prozent, Linke: 9,2 Prozent. Grüne 8,9 Prozent. Das waren die deprimierenden Ergebnisse der letzten Bundestagswahl. Seitdem ist es auf dem politischen Meinungsmarkt nicht rosiger geworden für die Parteien links der Mitte. Man muss sich nur die aktuellen Umfragen ansehen. Das, was man mal linkes Lager nannte, vereinigt nur noch deutlich weniger als 40 Prozent auf sich. Es ist Ausdruck einer strukturellen Verkarstung dieses politischen Milieus. Denn die Summe der Menschen, die Sympathie für linke Ideen hegen, dürfte deutlich höher sein.

Katja Kipping ist seit 2012 gemeinsam mit Bernd Riexinger Vorsitzende der Linken. Sie sitzt seit 2005 im Bundestag. Ihr Verhältnis zu Wagenknecht gilt als zerrüttet

Katja Kipping ist seit 2012 gemeinsam mit Bernd Riexinger Vorsitzende der Linken. Sie sitzt seit 2005 im Bundestag. Ihr Verhältnis zu Wagenknecht gilt als zerrüttet

Besser also: mal "Aufstehen". Keine Partei soll das sein und auch keine werden. Aber schon beim zweiten Teil des Satzes sind sich viele nicht sicher.

Seitdem die "Aufstehen"-Pläne aus dem Wagenknecht-Dunstkreis gezielt durchsickerten, herrscht jedenfalls Aufbruch im Internet und Skepsis bei den Arrivierten.

Denn Sahra Wagenknecht wird alles zugetraut. Vor allem aber wird ihr nicht vertraut – und die, die ihr im eigenen Laden am meisten misstraut, ist Linken-Chefin Katja Kipping. Das Einzige, was die beiden Frontfrauen verbindet, ist die über Jahre gewachsene, tiefe Abneigung für die jeweils andere. Kipping hat mal versucht, Wagenknecht als Fraktionschefin zu verhindern. Sie hat versucht, sich als Doppelspitze neben ihr im Bundestagswahlkampf zu installieren. Sie hat versucht, Wagenknechts Befugnisse als Fraktionschefin zu beschneiden – mit allem ist sie gescheitert.

Königin von Saba

Seit Wagenknecht in der Migrationsfrage eine Position eingenommen hat, die mit der Argumentation der Rechten zumindest eine deutliche Schnittmenge hat, ist der Graben zwischen beiden noch tiefer geworden. Und neue Zweifel sind aufgetaucht, ob die Fraktionschefin sich mit ihrer neuen außerparlamentarischen Bewegung nicht in erster Linie Unterstützung für ihren umstrittenen linken Populismus organisieren will.

"Aufstehen"? Dafür? Bloß nicht, findet Kipping. Eine Einladung zum Mitmachen – wie ernst gemeint sie auch immer gewesen ist – hat die Linken-Chefin schon vor Monaten abgelehnt. Das Verhältnis hat sich seitdem nicht eben verbessert. Auch andere Linke sind skeptisch. Das Potenzial an Unversöhnlichkeit ist in dieser Partei von alters her schier unerschöpflich. Kippings Co-Vorsitzender Bernd Riexinger distanzierte sich umgehend: "Es ergibt keinen Sinn, dafür auch noch Menschen einzusammeln, die ohnehin schon in einer ähnlichen Richtung Politik machen."

Und auch Klaus Ernst, der frühere Parteichef, hat Sahra Wagenknecht unlängst in der Fraktion außergewöhnlich scharf attackiert. Sie solle endlich ihre Alleingänge beenden. "Du bist nicht die Königin von Saba!", rief er – wahrscheinlich eher aus lautmalerischen denn aus inhaltlichen Gründen.

Wie unter einem Brennglas werden die internen Querelen in der Linken nun, zur Geburtsstunde von "Aufstehen", wieder sichtbar – und weisen auf die Schwierigkeiten, welche die Sammlungsbewegung auch bei großen Teilen von SPD und Grünen haben wird.

Noch ist die Teilnahme an der Bewegung nur ein virtuelles Bekenntnis, ein Mausklick, mehr nicht. Über 100.000 Menschen sollen sich bislang mit Namen online registriert haben. "Wir haben bis heute, Stand acht Uhr, 101.741 Anmeldungen", verkündet Wagenknecht in der Bundespressekonferenz.

Ist das nun viel? Oder nur viel Wind?

Wird Wagenknecht nur ein bisschen mehr reisen? Oder wird sie, verheiratet mit dem notorischen Spalter Oskar Lafontaine, selbst zur Spalterin?

Ist sie Anführerin – oder Aufrührerin?

"Unbeugsames Frankreich"

Sahra Wagenknecht sagt: "Was wir auf den Weg bringen, ist bewusst keine neue Partei, sondern ein Angebot an alle, die mit der herrschenden Politik unzufrieden sind und sich eine Erneuerung des Sozialstaates und eine friedliche Außenpolitik wünschen, egal, ob sie Mitglied einer Partei sind oder nicht."

Das ist, Stand jetzt, die Abteilung Wind. Es wird nun darum gehen, ob dieser Wind auch tatsächlich Bewegung erzeugen kann. Vielleicht gar Druck? Wagenknecht nennt ihr Ziel: "die Überwindung des neoliberalen Mainstreams". Der linke Blick in den vermeintlich linken Parteien auf die Probleme dieser Welt sei zunehmend verstellt durch großkoalitionäre Zwänge oder Anbiederei. Solange SPD und Grüne nichts wesentlich anderes wollten oder machten als Angela Merkel, so lange seien sie keine Alternative.

Aber reicht das? Wohin soll das führen? "Wir sammeln noch", sagt die Linken-Bundestagsabgeordnete und Wagenknecht-Vertraute Sevim Dagdelen. Man wolle zunächst mal das Internet und die Straße erobern, kreativ sein, witzig sein, den politischen Diskurs auf diese Weise bestimmen. Man hat dazu Campaigner aus den USA an der Angel, ist in engem Austausch mit dem französischen Linken Jean-Luc Mélenchon, der dort die Bewegung "Unbeugsames Frankreich" ins Leben gerufen hat, und knüpft Kontakte zum britischen Labour-Chef Jeremy Corbyn. Ein zentraler strategischer Punkt werde auch sein, durch "Aufstehen" denjenigen in den Parteien mehr Gewicht und Statur zu verleihen, die dort mit ihren Positionen auf verlorenem Posten kämpften.

SPD-Linken wie dem Bundestagsabgeordneten Marco Bülow aus Dortmund zum Beispiel, der kürzlich mit Dagdelen und der früheren grünen Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer im "Spiegel" einen gemeinsamen Text veröffentlicht hat, in dem die Notwendigkeit für eine Sammlungsbewegung beschrieben wird: "Eine wichtige Aufgabe besteht darin, einen Raum für eine wirklich offene Debatte zu schaffen darüber, wie das Gegenkonzept zum herrschenden Politikmodell der vergangenen 30 Jahre aussehen könnte." Hauptanliegen der Bewegung, heißt es weiter im Text, sollte es sein, "andere Themen und Positionen in die öffentliche Debatte und in die Medien zu bringen als die monokulturelle Hauptagenda der vergangenen Jahre."

Das klingt schwer nach: gut, dass wir mal wieder darüber reden werden. Wird das reichen? Vor allem: Reicht das für den hohen Anspruch, den Sahra Wagenknecht vor sich herträgt? Sie selbst sagt: "Ich bin nun mal nicht die geborene Anführerin." Ein Leben als Parteichefin schließt sie allein schon deshalb aus, weil sie dann auch auf den letzten Rest an Selbstbestimmung verzichten müsste. Doch es könnte sein, dass sie, die als Kind schon in der DDR eine Außenseiterin war, weil sie anders war, weil sie anders aussah, weil ihr Vater Iraner war – dass gerade sie auch dieses Mal scheitert. Weil sie sich in dieser Rolle von jeher eingerichtet hat.

Das bessere Argument

Als Mädchen hatte Sahra Wagenknecht sich geweigert, in den Kindergarten zu gehen, aus Angst, die anderen würden sie nicht mögen. Sie verkroch sich in ihrer Welt, wollte nicht spielen, sondern immer nur lesen. Sie brachte es sich als Kind selbst bei, las alles, was ihr in die Finger kam, lernte mit 16 Jahren den "Faust" auswendig. Später dann machte sie mit einem ausgeklügelten Lektüreplan weiter: Hegel, Marx, Descartes, Goethe, Thomas Mann.

Sahra Wagenknecht hat in ihrer Gier nach intellektueller Nahrung auch Kants "Kritik der reinen Vernunft" gelesen – nicht aber Machiavellis "Der Fürst". Sie will um Macht nicht kämpfen müssen. Sie hofft noch immer, dass am Ende das bessere Argument gewinnt.