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Schwarz-Grün: Mehr als ein Flirt

Rot-Grün ist ausgebrannt - Ökos und Konservative mögen sich immer mehr. 2004 könnte zum Jahr von Schwarz-Grün werden.

Alle denken daran - aber keiner redet so richtig gern darüber. Fragt man grüne Politiker nach Koalitionen mit der CDU, sagen sie: "Das ist eine hochinteressante Geschichte. Aber offiziell werde ich mich nur negativ dazu äußern." Etwas Verklemmtes, Verdruckstes liegt über dem Thema - immer noch.

Doch neuerdings kommt Bewegung in die "hochinteressante Geschichte". Schwer leiden die Grünen in Berlin an ihrem roten Koalitionspartner: Der Dauerstreit um Zuwanderungspolitik und Atomexporte frustriert, hinzu kommen desaströse Umfragewerte für die SPD. "Der Genervt-heitsgrad über die Genossen nimmt auf allen Ebenen zu", konstatiert ein Mitglied des grünen Parteirates.

Immer mehr Gemeinsamkeiten mit der CDU

Gleichzeitig entdecken die Ökos mehr und mehr Gemeinsamkeiten mit den Konservativen. Inhaltlich, persönlich und strategisch bewegen sich Schwarze und Grüne in hohem Tempo aufeinander zu. Hält die Schwindsucht der SPD auch im "Superwahljahr" an, so könnte es 2004 das erste schwarz-grüne Bündnis in einem Bundesland geben. Chancen dafür sehen Strategen beider Parteien vor allem dort, wo relativ liberale CDU-Landesfürsten regieren und die SPD schwächelt: Im Saarland, in Thüringen - und in Hamburg, wo dieses Wochenende gewählt wird.

Verpasst CDU-Bürgermeister Ole von Beust dort die absolute Mehrheit, liegt Schwarz-Grün nahe. An freundlichen Signalen des CDU-Mannes hat es nicht gefehlt - und die Grünen bedanken sich artig: "Wir wollen eine rot-grüne Mehrheit erreichen", sagt die Landesvorsitzende Anja Hajduk. "Aber wenn es dafür nicht reicht, dann müssen wir neu beraten, ob wir auch mit der CDU reden." Die Beweglichkeit ist jetzt da. Jahrelang gab es für jeden Grünen, der sich mit der Union einlassen wollte, zwei Gründe, davon lieber die Finger zu lassen. Erstens: Ärger mit der eigenen Anhängerschaft. Zweitens: Ärger mit Joschka.

Der erste Grund zieht nicht mehr so recht, wie eine Forsa-Umfrage für den stern belegt: 56 Prozent der Grünen-Anhänger können sich auf Länderebene eine Zusammenarbeit mit der Union durchaus vorstellen.

Koalitionsspielereien seiner Parteifreunde

Auch Ärger mit dem "heimlichen Parteivorsitzenden" Joschka Fischer ist nicht mehr unbedingt zu befürchten. Zwar versucht der Obergrüne jetzt, mit feierlichen Erklärungen in Interviews die Koalitionsspielereien seiner Parteifreunde wieder einzufangen: "Ich bin ein Rot-Grüner, und zwar aus Überzeugung." Aber alles, was die angeschlagene SPD nicht offen provoziert, lässt Fischer durchaus zu.

Wenn sich 2004 die Möglichkeit für schwarz-grüne Bündnisse eröffne, müsse man sich in Ruhe "die Sache anschauen", so Fischer unlängst auf der grünen Fraktionsklausur. Damit seine nebulösen Andeutungen auch richtig ankamen - nämlich als vorsichtige Öffnung in der schwarz-grün-Frage -, schickte Fischer sogar seine Büchsenspanner los, die Botschaft unter Journalisten zu verbreiten. Früher war Joschka wesentlich unlockerer. Als Parteifreunde 2001 ausgerechnet in seiner politischen Heimat Frankfurt mit den Schwarzen anbändeln wollten, bestellte er extra die "Frankfurter Rundschau" ein, um die "hochgefährlichen" Pläne per Interview zu durchkreuzen.

Lange Zeit schien es undenkbar, dass Schwarze und Grüne je zueinander finden. Als die ersten Grünen 1983 mit Vollbart und Blumentopf in den Bundestag einzogen, waren die Feindbilder noch festgefügt. "Für die waren wir eine linksradikale Unterwanderungsbewegung, die Sitte und Moral auflösen will", erinnert sich Hubert Kleinert, grüner Abgeordneter der frühen Jahre. "Umgekehrt waren die für uns Symbol?guren der Vätergeneration, an ihnen hing gleichsam noch der autoritäre Mief der Adenauer-Jahre."

Die schrillen Töne sind vorbei

Das hat sich geändert. Die schrillen Töne sind vorbei, die erbitterten Schlachten von 68 bis zum Nato-Doppelbeschluss längst geschlagen. Ausfälle wie der von CSU-Mann Michael Glos gegen die "Ex-Terroristen und Öko-Stalinisten" Fischer und Trittin werden auf beiden Seiten eher amüsiert zur Kenntnis genommen.

Schon im Herbst 2001 stellte die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung in einer Analyse über Schwarz-Grün "ein Fundament programmatischer Einigkeit" fest. Auch lebensweltliche Annäherungen wurden registriert: "Lockere Kleidung ist bei CDU-Veranstaltungen gang und gäbe, bei den Grünen dominiert nicht mehr der Alternativlook. Man trifft sich sowohl beim Rockkonzert als auch in der Oper."

Inzwischen herrscht sogar unverkrampfte Normalität. In Berlin kann man CDU-Chefin Angela Merkel immer mal wieder beim gemütlichen Plausch mit Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt beobachten. In NRW lassen sich die grüne Umweltministerin Bärbel Höhn und CDU-Spitzenmann Jürgen Rüttgers beim Spaziergang durchs winterliche Bonn fotogen in Szene setzen. Und von Joschka Fischer ist überliefert, dass er den niedersächsischen CDU-Regierungschef Christian Wulff sehr schätzt.

Beide misstrauen dem vulgärliberalen FDP-Individualismus

Zunehmend stellen Schwarze und Grüne Gemeinsamkeiten fest. Sie wollen unter dem Leitbegriff der "Nachhaltigkeit" die Haushalte sanieren und die Sozialsysteme zurückschneiden. Beide misstrauen der gewerkschaftlichen Funktionärswirtschaft - ebenso wie dem vulgärliberalen FDP-Individualismus. In ihrer Skepsis gegen Gentechnik und Biomedizin sind sich christdemokratische Schöpfungsbewahrer und grüne Naturschützer sogar näher als alle anderen Parteien.

Andererseits grenzen sie sich ab gegen die Staatsgläubigkeit der SPD, die Grüne regelmäßig in tiefe Verzweiflung stürzt. Ob Ausbildungsabgabe oder Emissionshandel - "der klasssische Glaube des Genossen ist: Wir lösen das Problem durch 'ne neue Behörde", bilanziert einer aus der ersten grünen Reihe in Berlin die Erfahrungen.

Zwar bleiben zwischen Union und Grünen Reizthemen wie Atomausstieg, Datenschutz, Homo-Gleichberechtigung oder Zuwanderung. Wenig spricht aber dafür, dass die Union das heikle Atom-thema wieder aufrollen wird. Und ansonsten haben es Grüne mit SPDlern wie Innenminister Otto Schily mindestens so schwer wie mit der CDU.

"Die SPD hat uns lange nicht verziehen"

Gegensätze scheinen zwischen Schwarzen und Grünen zudem oft leichter überbrückbar. "Rot-grüne Koalitionen sind mit den Erwartungen eines historischen Projekts überfrachtet", analysiert Ralf Fücks, Chef der grünen Heinrich-Böll-Stiftung. "Das macht sie besonders anfällig für Enttäuschungen. Auch hat die SPD uns lange nicht verziehen , dass es uns gibt. Wir waren für die immer die verirrten Söhne und Töchter der Sozialdemokratie."

Einblicke ins rot-grüne Beziehungsdrama bekommen Journalisten in Nordrhein-Westfalen. Regelmäßig rufen Grüne aus der Landeshauptstadt an und erzählen vom Leidensdruck: "Es ist so schrecklich mit der SPD, ihr glaubt gar nicht, wie schrecklich es ist." Schwarz-grüne Allianzen schleppen weit weniger Ballast mit sich herum - das zeigen Erfahrungen in Kommunen, wo man schon fleißig miteinander koaliert. Allein in NRW gibt es mehr schwarz-grüne als rot-grüne Bündnisse.

So regieren CDU und Grüne in Köln seit einem Jahr. Konflikte wie der um einen Hochhausbau in Nähe des Doms werden professionell entschärft: Weil die CDU unbedingt bauen wollte, machten die Grünen mit - ließen sich aber zusichern, dass die Pferderennbahn nicht bebaut wird, sondern "grüne Lunge" bleibt.

"Es läuft auch menschlich außerordentlich gut"

Angetan voneinander ist man auch in Kassel oder Kiel. "Mein Fazit fällt erstaunlich gut aus", sagt der Kieler CDU-Fraktionschef Hein-Peter Weyher. "Es läuft auch menschlich außerordentlich gut." Jüngere Grüne schätzen an ihren Unionskollegen altbürgerliche Tugenden wie gesunde Distanz und Verlässlichkeit. Umgekehrt geht ihnen der klassische Genosse auf die Nerven: Er erinnert sie an die unangenehme Aufdringlichkeit sozialdemokratischer Gemeinschaftskundelehrer, die schon in der Schule ständig geduzt werden wollten. Mit leiser Ironie stellt der Bremer Historiker Paul Nolte fest, mit Schwarzen und Grünen fänden nun "die Kinder des Bürgertums" zueinander.

Aus dem Flirt könnte jedoch schnell politischer Ernst werden. Bestätigen die Wähler bei den NRW-Kommunalwahlen im Herbst die vielen schwarz-grünen Bündnisse, steigt der Reiz, es im Frühjahr 2005 nach den Landtagswahlen auch in Düsseldorf miteinander zu versuchen. Schwarz-Grün im Stammland der SPD - das wäre eine beispiellose Provokation für die Genossen. Schon ätzt der neue SPD-Chef Franz Müntefering intern über die Lockerungsübungen des Berliner Koalitionspartners. Die Grünen, so Müntefering, seien wohl auf dem Wege zur "Funktionspartei" - ganz in der Tradition der früheren FDP.

Tilman Gerwien, Mitarbeit: Andreas Hoidn-Borchers / print