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stern-Chefredakteurin Gretemeier Wir werden erst aufhören können, uns Sorgen zu machen, wenn das Virus beherrschbar wird

Ein Schild vor dem Impfzentrum in Halle an der Saale weist den Weg zum Eingang
Ein Schild vor dem Impfzentrum in Halle an der Saale weist den Weg zum Eingang. Aber nur wenn weltweit umfassend geimpft wird, kann der Kampf gegen das Coronavirus gewonnen werden, meint stern-Chefredakteurin Anna-Beeke Gretemeier.
© Hendrik Schmidt / DPA / stern
Viele Menschen in Deutschland hadern wegen des "späten" Impfstarts und des Mangels an Vakzinen mit der Politik. Doch stern-Chefredakteurin Anna-Beeke Gretemeier warnt: "Ein 'Impfnationalismus' würde uns am Ende alle zu Verlierern machen."

Was wurde in den vergangenen Wochen in Deutschland gemeckert, kritisiert und besser gewusst. Der kollektive Groll über den "späten" Impfstart und den Mangel an Vakzinen (inzwischen räumt auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Fehler bei der Beschaffung ein) mag aus nationaler und auch persönlicher Sicht verständlich sein. Man wünscht sich, dass die Eltern und Großeltern versorgt sind und dass es der eigenen Familie gut geht.

"Eine Pandemie muss mit den eigenen Waffen bekämpft werden"

Das ist total menschlich. Und greift trotzdem zu kurz. Beim Blick aufs große Ganze wird klar: Wir werden erst aufhören können, uns Sorgen zu machen, wenn das Virus beherrschbar wird. Wenn genug Menschen auf der gesamten Welt immun gegen Sars-CoV-2 sind und sich die Seuche nicht länger unkontrollierbar ­ausbreiten kann.

"Niemand ist sicher, bis wir nicht alle sicher sind", sagt WHO-Direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus. Und meint damit, dass das gerade einsetzende Wettspritzen völlig unangebracht ist.

Denn das Wesen einer Pandemie besteht darin, dass sie, im Gegensatz zu ihrer kleinen Schwester Epidemie, weltumspannend tobt. Wie mein Kollege Michael Streck in unserer Titelgeschichte schreibt: "Eine Pandemie muss mit den eigenen Waffen bekämpft werden, nämlich: global, flächendeckend, bis in den letzten Winkel."

Es geht nicht um den Sieg einer Nation. Welches Land seine Bevölkerung zuerst durchimpft, hat es nicht automatisch richtig gemacht – wie das Beispiel Israel (derzeit Spitzenreiter bei der Impfquote mit 64 Prozent Geimpften) und Palästina (Impfquote: 0,04 Prozent) zeigt. Nirgendwo sonst liegen in Zeiten der Pandemie die Gegensätze ­zwischen Überfluss und Engpass, zwischen Wohlstand und Armut, zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit so nah beieinander wie in diesen zwei benachbarten Ländern. Israel ist das Test­labor für die Menschheit, Palästina das Territorium der Zurückgelassenen.

Schnellstens und weltweit impfen

Diese Art von "Impfnationalismus" würde uns am Ende alle zu Verlierern machen: Die womöglich noch über Jahre ungeschützten Regionen der Erde wären ideale Brutstätten für neue Virus-Mutanten. Und die wiederum könnten auch dort erneut gefährlich werden, wo schon massenhaft geimpft wurde. Je länger Vakzine und Tests nicht flächendeckend in allen Ländern eingesetzt werden, desto schneller werden weitere Varianten des Virus entstehen, und die Gefahr wird wachsen, dass die vorhandenen Impfstoffe keinen Schutz mehr bieten. Je weniger Gelegenheit das Virus bekommt, sich evolutionär an neue Bedingungen anzupassen, desto mehr Zeit gewinnen wir, die Lage in den Griff zu bekommen.

stern-Chefredakteurin Gretemeier: Wir werden erst aufhören können, uns Sorgen zu machen, wenn das Virus beherrschbar wird

Das heißt: schnellstens und weltweit impfen. Alles andere wäre nicht nur aus humanitärer Sicht unverantwortlich, sondern auch aus ­wissenschaftlicher Perspektive töricht. Und keine Nation kann das allein schaffen – egal, wie reich, egal, wie gut aufgestellt sie ist. Es geht um unsere gemeinsame Verantwortung für uns als Menschheit. Das ist – so wie bei der Klimakrise – ein globaler Kampf, den wir nur Hand in Hand ­gewinnen können.

mad

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