STREITGESPRÄCH »Hatten die Opfer eine Chance?«


Die Therapeuten Anne Lipps aus Stuttgart und Dieter Speck aus Viersen diskutieren darüber, ob die Gerichte angemessen bestrafen, wie Sexualstraftätern geholfen werden kann - und ob sie überhaupt eine Chance verdienen.

Die Therapeuten Anne Lipps aus Stuttgart und Dieter Speck aus Viersen diskutieren darüber, ob die Gerichte angemessen bestrafen, wie Sexualstraftätern geholfen werden kann - und ob sie überhaupt eine Chance verdienen

Männer, die sich an kleinen Kindern vergreifen, sind nicht therapierbar und müssen für immer weggeschlossen werden. So sieht es Bundeskanzler Gerhard Schröder. Wie denken Sie als Therapeuten darüber?

LIPPS: Ich war zunächst empört. Der sagt derartige Unverschämtheiten, ohne sich vorher zu informieren, habe ich gedacht. Gut finde ich aber, dass dadurch auch was in Bewegung geraten ist. Viele Leute fangen an, über das Thema nachzudenken.

SPECK: Schröder hat früher als Strafverteidiger gearbeitet, schon alleine deshalb dürfte er mit der Materie vertraut sein. Zudem denke ich, dass jetzt das Justizministerium erst mal in der Pflicht steht.

Nämlich?

SPECK: Die Verfahren sind zu beschleunigen. Bis zum Prozessauftakt dürften höchstens sechs Monaten vergehen. Es ist unerträglich, dass die Opfer oft jahrelang warten müssen, bis es endlich losgeht. Und wenn ich dann diese laschen Urteile sehe, wird mir ganz anders. Die Richter müssen endlich aufhören, sexuellen Missbrauch als Kavaliersdelikt zu werten. Das klassische Strafmaß ist zwei Jahre auf Bewährung, selten mehr als vier Jahre. So ist beispielsweise ein Pfarrer aus Krefeld

davongekommen, der wegen wiederholten Missbrauchs verurteilt wurde. Oder ein Briefträger aus Essen, der kleine Mädchen befummelt hat. Die Übergriffe seien spielerischer Natur gewesen, argumentierte der Richter. Das ist eine Verhöhnung der Opfer. Diese Dinge müssen als ganz massives Verbrechen geahndet werden. Und wenn die Täter nicht einsichtig sind, dann sind sie wegzusperren. Für immer und ewig. Da folge ich Herrn Schröder voll und ganz.

LIPPS: Ich denke, das muss man differenzieren. Die Dunkelfeldforschung sagt, dass jedes vierte Mädchen und jeder siebte Junge im Verlauf seiner Kindheit und Jugend irgendwann einmal Opfer von sexuellen Übergriffen wird - das geht von einer verbalen Belästigung bis hin zur Vergewaltigung. Diese Masse an Tätern, die können wir doch gar nicht wegsperren.

SPECK: Und weil es so viele sind, lassen wir sie laufen?

LIPPS: Nein, nun hören Sie doch mal zu! Es sind viele, viele, viele Täter. Ich arbeite mit einem 78-jährigen Mann, der hat Kinder im Bus oder irgendwo auf der Straße angequatscht, und der war schon leicht senil, lebte in seiner eigenen Fantasiewelt. Der hat dann Kinder gefragt: Wie lang ist denn deiner? Und wie machst denn du das? Und der ist verurteilt worden dafür.

SPECK: Gott sei Dank.

LIPPS: Das waren doch leichte Übergriffe. Es gibt eine riesige Bandbreite. Bis hin zu dem Jura-Professor in Mainz, der sich umgebracht hat, als aufflog, dass er seine Stiefkinder missbraucht hat. Das muss nicht sein, dass man sich da umbringt. Da muss es auch therapeutische Hilfe geben.

SPECK: Mir kommen die Tränen!

LIPPS: Es geht doch nur darum, dass man einmal den Kontext erfasst. Wir müssen genau schauen, womit wir es hier zu tun haben, bevor wir über Strafen nachdenken. Ich arbeite zum Beispiel mit einem 16-Jährigen, der seine zehnjährige Schwester über Monate vergewaltigt hat. Einfach weg, das geht nicht. Der Junge ist zuvor doch selbst missbraucht worden.

SPECK: Natürlich müssen wir differenzieren. Aber am Ende reden wir nur noch über den armen Täter und seine verpfuschte Kindheit. Ich habe Mädchen behandelt, die einmal betatscht worden sind und über Jahre traumatisiert waren. Die Täter müssen knallhart bestraft werden, sage ich. Erst dann schreckt das ab. Schließlich ist ein Missbrauch doch keine Naturkatastrophe - rumms, unvorhersehbar -, sondern es gibt den Punkt der Entscheidung. Den Moment, wo die Täter bewusst ja sagen zum Missbrauch. Ich habe Männer erlebt, die sich an der Angst ihrer Opfer weiden, die regelrechte Drehbücher über die Qualen der Kinder führen. Da soll man mir erst einmal zeigen, wie man solche Leute therapieren will. Das geht nicht.

LIPPS: Das sind aber ganz wenige Fälle.

SPECK: Das sind eben nicht wenige. Das ist die Spitze eines Eisbergs. Zur Therapie gehören Einsichtsfähigkeit und Reue. Dafür müsste man freiwillig kommen. Das macht aber fast kein Täter, die werden vom Gericht geschickt. Dann denken die sich, ich verarsche den Therapeuten, ich weiß genau, was der hören will. Aber: Wenn ich merke, ich habe Triebdruck, wenn ich merke, ich stehe auf Kinder, warum lasse ich mich eigentlich dann nicht behandeln? Im Vorfeld. Und wer erwischt wird, leugnet dann noch. Von Reue keine Spur.

LIPPS: Natürlich geht jeder Tat eine Entscheidung voraus. Und wer merkt, seine Phantasien gehen in Richtung Gewalt oder Kinder, müsste eigentlich Hilfe suchen. Aber Sexualstraftäter kommen nie freiwillig, sie schaffen es einfach nicht. Die meisten könnten psychisch nicht überleben, wenn sie sich ihre Verbrechen eingestehen würden. Also leugnen sie so lange, wie es eben geht. Erst in der Therapie können sie lernen, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen oder Mitgefühl für ihr Opfer zu empfinden. Das kann doch nicht am Anfang stehen. Da muss hart dran gearbeitet werden, denn irgendwann kommen die Leute doch wieder raus aus dem Knast.

SPECK: Das ist die Frage, ob die rauskommen sollen. Wenn keine Reue, Betroffenheit, Mitgefühl für das Opfer vorhanden ist, dann ist die Rückfallgefahr zu groß. Wenn überhaupt, dürfen die nur wieder auf die Menschheit losgelassen werden, wenn drei Gutachter unabhängig voneinander ein Rückfallrisiko ausschließen. Und in dem Moment, wo bei diesen

Schmuddelbrüdern tätige Reue da ist, müssen auch Taten folgen. Das heißt, es müsste so etwas wie einen neuen Täter-/Opferausgleich geben. Der Täter müsste die vollen Kosten übernehmen. Der muss was tun. Der muss lebenslänglich unter Aufsicht gestellt bleiben. Der muss lebenslänglich unter Therapie sein. Die Opfer haben schließlich auch lebenslänglich.

LIPPS: Das verstößt gegen ethische und rechtsstaatliche Prinzipien. Banal gefragt: Wo haben Sie denn die vielen Leute, die dann beaufsichtigen?

SPECK: Wollen Sie sagen, nur weil wir die nicht haben, lassen wir die Täter rumlaufen? Warum machen wir es nicht wie in Amerika? Die Gemeinde wird informiert.

LIPPS: Entsetzlich. So jemand hat doch dann keine Chance.

SPECK: Hatten denn die Opfer eine Chance?

Halten Sie brutale Gewalttäter wie Rolf Diesterweg für therapierbar?

LIPPS: Natürlich. Schon aus humanitären Gründen muss jeder die Chance haben, für sich was zu verändern. In meinem

Berufsleben habe ich mit etwa 200 Tätern gearbeitet. Da waren auch einige drunter, die ich nicht erreichen konnte. Ein anderer Therapeut findet aber vielleicht den Zugang. Ich bin doch nicht die Einzige, die ihm helfen kann. Ich würde mir auch niemals anmaßen, darüber zu entscheiden, ob der Betroffene sich verändern kann oder nicht. Zudem ist Täterarbeit immer auch Opferarbeit. Ich arbeite mit den Tätern, um neue Opfer zu verhindern.

SPECK: Humanitär? Welche Chancen hatte denn das Opfer? Bei solchen Kerlen ist bei mir Feierabend. Die gehören lebenslänglich weggesperrt. Das Risiko, die mal rauszulassen, wäre mir zu groß. Niemand kann das verantworten. Wo ist Ihre Härte, Frau Lipps?

LIPPS: Ich rede knochentrocken mit meinen Klienten. Da gibt es keine pflaumenweichen Gespräche, da lullt mich keiner ein. Aber der Konfrontation setze ich immer voraus, dass ein menschlicher Kontakt da ist. Sonst könnte ich überhaupt nichts erreichen.

Welchen Therapieansatz halten Sie denn für geeignet, Herr Speck?

SPECK: Knallharte Konfrontationstherapie, wo der Täter erst einmal begreifen muss, was er angerichtet hat. Etwa in Gruppentherapie mit Opfern. Nicht mit denen, die er vergewaltigt hat, sondern mit anderen Vergewaltigungsopfern, die freiwillig mitmachen. Es gibt Frauen, denen das ein Herzensanliegen ist.

LIPPS: Für mich wäre wichtig, dass die entlassenen Strafgefangenen endlich klare Therapieauflagen bekommen. Mindestens über zwei Jahre, wöchentliche Anwesenheitspflicht. Wenn jemand psychisch krank ist, dann kommt der in die Forensische Psychiatrie. Die Leute, mit denen wir es in der ambulanten Nachsorge zu tun haben, die sind nicht krank. Das sind ganz normale Männer, die so etwas tun. Aber die können lernen, mit ihren Fantasien umzugehen. Die können lernen, sich anders zu entscheiden.

SPECK: Mir wird schlecht. Viele diese Täter sind nicht therapierbar. Das sind hochgradig Kriminelle . . .

LIPPS: . . . die ich für behandelbar halte. Dafür brauchen wir viel mehr Therapeuten, wissenschaftliche Begleitforschung und vor allem finanzielle Mittel. Aber die Politiker produzieren nur Schlagzeilen.

Nahezu die Hälfte aller Missbrauchsdelikte werden von Tätern im Familien- oder Bekanntenkreis begangen. Da gibt es noch ein riesiges Dunkelfeld.

LIPPS: Die Kinder wollen meist nicht, dass der Vater angezeigt wird. Der Papa soll wieder ein ganz normaler Papa werden. Die Kinder fühlen sich verantwortlich, wenn der Vater in den Knast gehen und die Familie plötzlich von Sozialhilfe leben muss. Das ist zu viel für die Kleinen, das kann man ihnen nicht zumuten. Wir können nur den Männern zumuten, damit aufzuhören.

SPECK: Ich finde das ungeheuerlich, was Sie sagen. Man muss die Täter dingfest machen. Sonst hört das doch nie auf. Bei meiner Arbeit habe ich oft erfahren, dass die Kinder es als Befreiung empfinden, wenn der Alte endlich abgeholt wird.

Moderation: Gerd Elendt und Detlef Schmalenberg


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