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Sylt-Sause des Bundespräsidenten: Wie in einem schlechten Film

Neue Folge der Bussi-Bussi-Soap: Ein Filmbuddy soll 2007 für Wulff die Hotelkosten eines Sylt-Trips bezahlt - und das nachher verschleiert haben. Die SPD ist empört, die Staatsanwaltschaft alarmiert.

Von Lutz Kinkel

Die Sozialdemokraten halten sich mit Rücktrittsforderungen an Bundespräsident Christian Wulff seit Wochen zurück. Der Grund ist simpel: Es ist sinnlos, einen Rücktritt zu fordern, wenn der Betreffende an seinem Stuhl klebt und politisch kein Lösungsmittel zur Hand ist. Aber: Thomas Oppermann, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD, verschärfte an diesem Mittwochvormittag die Gangart. "Man glaubt es kaum", sagte er über die neuen Vorwürfe, die die "Bild"-Zeitung publiziert hatte. "Ich glaube, hier muss die Staatsanwaltschaft ermitteln."

Konkret geht es um einen Trip in die Sylter Luxusbleibe Hotel Stadt Hamburg (HSH), wo Wulff und Gattin Bettina zwischen dem 31. Oktober und 3. November 2007 nächtigten. Die Rechnung bezahlte einer aus seiner Wirtschaftsgang, der Filmunternehmer David Groenewold. Wulff zahlte das Geld nach Angaben seines Anwalts Gernot Lehr beim Auschecken zurück - und zwar cash. Im Nachhinein, so die "Bild", habe Groenewold versucht, den gemeinsamen Sylttrip zu verschleiern. In einer To-do-Liste des Empfangs, die das Blatt als Faksimile abdruckt, heißt es unter dem Datum des 17. Januar 2012: "Hr. David Groenewold hat gestern angerufen, wir sollen keinerlei Infos über ihn rausgeben! Er war 2007 mit Hr. Wulff im HSH und hat den gesamten Aufenthalt übernommen … Falls also Bild oder Spiegel anruft, wir wissen von nichts!" Pikant: Zur gleichen Zeit drehte im niedersächsischen Landesparlament die Frage hoch, welche Geschäftsbeziehungen es zwischen der Regierung Wulff und Groenewolds Firmen gibt. Die Antwort: Die neugegründete Waterfall Productions, an der Groenewold beteiligt war, erhielt Ende 2006 die Zusage über eine Ausfallbürgschaft des Landes in Höhe von vier Millionen Euro. Diese kam jedoch nicht zum Tragen, da die Firma nie richtig in die Gänge kam.

Das Schreiben des Hoteldirektors

Groenewold, der sich auf stern.de-Anfrage nicht persönlich äußern wollte, ließ seine Anwälte um 11:17 Uhr mitteilen, dass die Sylt-Geschichte alt sei - was nicht stimmt, weil der NDR am 26. Januar nur ein Bruchstück der Story bereits veröffentlicht hatte. Außerdem habe es keine Vermischung privater und geschäftlicher Interessen gegeben. Insbesondere habe Groenewold nicht versucht, Informationen zu vertuschen. Als Beweis legte die Kanzlei ihrem Fax ein Schreiben des HSH bei, das allerdings das genaue Gegenteil zu beweisen scheint. Demnach hat Groenewold am 16. Januar im Hotel angerufen, um Rechnungskopien zu erhalten. "Sie baten des Weiteren um vertrauliche Behandlung Ihrer Unterlagen insbesondere gegenüber Journalisten", schreibt der Hoteldirektor. Da sein Haus keine Rechnungskopien zusenden mochte, reiste Groenewold am 19. Januar persönlich an, um sie abzuholen. Eine Aufforderung, Unterlagen zu manipulieren oder zu vernichten, habe es nicht gegeben, heißt es in dem HSH-Schreiben.

Auch Wulff reagierte prompt - allerdings in einer anderen Tonlage. Um 12:26 Uhr verschickte sein Anwalt Lehr eine Pressemitteilung, die auch auf den Vertuschungsvorwurf eingeht. Der Wortlaut: "Christian Wulff hatte von den heute berichteten Kontakten des Herrn David Groenewold zu dem Hotel auf Sylt keine Kenntnis. Er wusste nicht, dass Herr Groenewold das Hotel aufsuchte und dort angeblich darauf drängte, anfragenden Medien keine Auskunft zu geben sowie Unterlagen über einen Aufenthalt im Jahr 2007 auszuhändigen. Christian Wulff hielte eine solche Vorgehensweise in jeder Hinsicht für falsch."

Ein Bündel Scheine

Das ist kein besonders freundliches Urteil über einen Mann, der Wulff das Leben offenbar gerne erleichterte. Groenewold hatte dem damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten nicht nur die Kosten für die Sylt-Sause im November 2007 vorgestreckt (Kosten: 774 Euro), sondern auch die Miete von dessen Sylter Ferienwohnung im August 2008 (Kosten: 1540 Euro) sowie das Honorar für ein Kindermädchen im Luxushotel "Bayerischer Hof" (Kosten 110 Euro). Laut Anwalt Lehr zahlte Wulff diese Ausgaben in allen Fällen stehenden Fußes zurück - bar. Angst vor Dieben hatte Wulff offenbar nie, dafür aber immer ein Bündel Scheine in der Tasche.

Diese offizielle Version ist schon bizarr: Ein mitreisender Freund, der aber auch wirtschaftliche Interessen in Hannover hatte, fungierte als eine Art Zwischenfinanzierer für einen Ministerpräsidenten, der es vorzieht, bereits bezahlte Rechnungen cash zurückzuzahlen statt sie einfach selbst zu begleichen. Oppermann jedenfalls sagte, er hätte es nie für möglich gehalten, dass ein deutscher Ministerpräsident in einem solchen Umfeld aus Vergünstigungen, Gratisflügen und Luxusurlauben agiere. Wulff sei aufgrund der Affäre nicht mehr in der Lage, sein Amt korrekt auszuüben. Die Staatsanwaltschaft Hannover will die neuerlichen Vorwürfe gründlich untersuchen.

Noch zögert die Staatsanwaltschaft Hannover, ein förmliches Ermittlungsverfahren gegen Christian Wulff einzuleiten. Die Entscheidung darüber wiegt schwer: Denn Wulff kann zwar moralische und politische Anwürfe an sich abperlen lassen - juristische allerdings nicht.