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Tauber Politiker: Die Macht der Stille

Martin Zierold ist der erste taube Politiker Deutschlands. Ihm fehlt sein wichtigstes Instrument: die Stimme. Dennoch setzt er sich in der Berliner Bezirkspolitik durch - auf seine Weise.

Von Friederike Ott, Berlin

Martin Zierold sitzt in der ersten Reihe, aufrecht, die Wangen gerötet, mit weit geöffneten Augen. Immer wieder dreht er seinen Kopf nach hinten, Richtung Tür, als erwarte er jemanden. Der Sitzungssaal der Bundesgeschäftsstelle der Grünen in Berlin-Mitte ist voll mit Menschen, sie sitzen lässig auf ihren Stühlen, sie besprechen sich, zu zweit, in kleinen Gruppen, sie tauschen Papiere aus. Sie machen Politik.

Zierold bekommt davon nichts mit. Ihm fehlt der Zugang zu der Welt, von der er jetzt ein Teil ist. Als hätte jemand den Ton abgedreht. Um ihn herum läuft ein Stummfilm ab. Zierold, ein Mann mit großer dunkler Hornbrille, Sweatshirt, Jeans und schwarzen Chucks, schaut noch einmal auf sein Telefon. Es ist schon nach 19 Uhr, gleich beginnt die Bezirksgruppensitzung, und seine Gebärdendolmetscherin ist noch nicht da. Sie hat Verspätung. Sie steckt noch irgendwo in den verstopften Straßen von Berlin. Ohne sie ist Zierold ein Politiker, dem sein wichtigstes Instrument fehlt - die Stimme. Ohne sie ist er außer Gefecht gesetzt.

Martin Zierold ist der erste Politiker Deutschlands, der nicht hören und deshalb ohne Gebärdendolmetscher auch nicht sprechen kann. Bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin Ende September zog der 26-Jährige über Listenplatz 14 für die Grünen in die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) in Berlin-Mitte ein.

Der Mann, der vorn am Pult sitzt und die Sitzung leitet, beginnt zu reden. Die Grünen in Mitte müssen heute den Bezirksstadtrat wählen. Der Mann am Pult wartet nicht darauf, dass die Dolmetscherin eintrifft. Zierold tippt auf seinem Handy herum. Er kann der Sitzung nicht folgen.

Flüstern als Instrument

Endlich geht die Tür auf, und eine Frau mit blonden kurzen Haaren eilt herein. Sie setzt sich Zierold gegenüber und lässt ihre Arme durch die Luft wirbeln. Sie übersetzt die Worte der anderen in Gebärdensprache und Zierolds Gebärden in Worte. Zierold ist wieder da, er ist verbunden mit der Welt.

Zierold ist von Geburt an taub, so wie seine Eltern und seine Großeltern. Er hat sich daran gewöhnt, dass kaum ein Gespräch mit Hörenden unter vier Augen stattfinden kann. Dass er nichts im Verborgenen tun, keine Intrige spinnen, kein Gerücht streuen kann. Taube können nicht flüstern, aber Flüstern ist ein Instrument der Politik. Martin Zierold ist Politiker, dem wichtige Waffen fehlen.

Wenn Zierold etwas sagen will, ist seine Stimme mal schrill, mal sanft, mal hoch, mal tief, mal männlich, meistens weiblich. Zehn verschiedene Dolmetscher arbeiten für ihn, drei Männer und sieben Frauen. Dass ihm meistens Frauen eine Stimme geben, ist längst zu einem Teil von ihm geworden. Für ihn sind Dolmetscher Werkzeuge ohne Geschlecht, Dienstleister, die nicht von seiner Person ablenken sollen. Er möchte auch nicht, dass ihre Namen veröffentlicht werden. Es würde ihn kleiner machen.

Die Dolmetscher arbeiten mit höchster Konzentration, sie sind schnell erschöpft. Deshalb sitzen in der BVV und in den Ausschüssen jeweils drei Dolmetscher gleichzeitig. In Fraktionssitzungen sind es zwei. Sie wechseln sich alle 15 bis 20 Minuten ab. Sie müssen gut vorbereitet sein, Fachbegriffe wie "Produktsummenbudget" oder "struktureller Handlungsbedarf" in die Sprache der Tauben übersetzen, ohne lange überlegen zu müssen. Sie müssen politisch informiert sein, Zusammenhänge erkennen. Sie kosten viel Geld: Pro Stunde sind es pro Dolmetscher etwa 55 Euro. In der BVV, den Ausschüssen und den Fraktionssitzungen übernimmt das Bezirksamt die Kosten, in der Bezirksgruppe die Partei.

"Schmatz ich eigentlich beim Essen?"

Wenn sie gut sind, sind Zierolds Dolmetscher nicht nur Übersetzer. Politik ist auch die Kunst der Sprache, die mal laut ist und mal leise, mal emotional und mal kühl, mal ernst und mal humorvoll. Die Dolmetscher müssen lesen können, welchen Stimmung Martin Zierold gerade rüberbringen möchte. Sie müssen manchmal zu ihm selber werden.

Nach der Bezirksgruppenversammlung sitzt eine kleine Runde aus der Fraktion im "Speisenkombinat" um die Ecke in der Chausseestraße. Es ist das erste Mal, dass Zierold mit den anderen in eine Kneipe geht, die Fraktion hat sich gerade erst gebildet, keiner in dieser Runde hat schon einmal mit einem Tauben zusammen gearbeitet, gemeinsam Politik gemacht. "Brauchtest Du einen Gebärdendolmetscher bei der Abstimmung?" fragt einer. "Ja", sagt Zierold. "Ich verstehe sonst kein Wort." Dann erklärt er seinen Kollegen, warum er es nicht mag, wenn man ihn gehörlos nennt oder taubstumm. "Gehörlos klingt, als würde mir etwas fehlen, und stumm bin ich auch nicht."

Während Zierold gebärdet, redet die Dolmetscherin immer schneller. Ihre Sätze rasen, denn Gebärden sind kürzer als gesprochene Sprache. Sie hört sich an wie ein Tonband, das vorgespult wird. "Wie fandest Du die Kandidatinnen für den Stadtrat?", will jemand wissen. "Die Angelika hatte eine komische Stimme", sagt Zierold. "Ich hatte den Eindruck, ihrer Mimik nach." Angelika ist eine kleine Frau mit einer piepsigen Stimme, deren Leitspruch "Turne bis zur Urne" ist. Weil sie auch im Sport tätig ist, wie sie sagt. Sie bekam bei der Abstimmung die schlechteste Punktzahl

Zierold steckt sich Pommes Frites in den Mund und fragt: "Schmatz ich eigentlich beim Essen? Das müsst ihr mir sagen, ich merke es nicht."

Zierold hat sich schon früh als Tauber diskriminiert gefühlt. Er wuchs in einem Ort zwischen Zwickau und Chemnitz auf, in der DDR wurde die Gebärdensprache "Affensprache" genannt. In dem Internat, in das er schon als kleines Kind ging, war sie verboten. Als die Mauer fiel, war Zierold vier, doch die Einstellung der Menschen zu Gehörlosen änderte sich kaum. Noch heute können Taube in Deutschland kein Abitur in Gebärdensprache machen. "Dabei ist das unsere Muttersprache", sagt Zierold. Er selbst hat einen Realschulabschluss gemacht. Weil er es mühsam fand, anderen immer von den Lippen abzulesen, hatte er keine Lust, auf diese Weise Abitur zu machen. "Ich will erreichen, dass auch Taube Abitur in ihrer Sprache machen können, so wie jeder andere auch." Er will noch mehr. Er will, dass andere seine Sprache lernen.

Montags sieht die Fraktion aus wie eine Gymnastikgruppe

An einem Montagnachmittag steht Zierold in einem Saal im Rathaus Mitte und schreibt Begriffe auf ein Flipchart, so wie jedes Mal zu Beginn einer Fraktionssitzung: Demo, Grillverbot, Begrüßung, Sitzung, verstehen, Wie geht es Dir, Diskussion. Zierold ist im Hauptberuf Gebärdensprachdozent an Universitäten und Volkshochschulen, die Kurse montags in der Fraktion macht er kostenlos. Er zeigt erst auf einen Begriff auf dem Flipchart, dann übersetzt er den Begriff in Bewegungen, die Fraktionskollegen sehen ihm dabei zu und versuchen, ihn nachzumachen. Montagnachmittags sieht die Fraktion der Grünen für ein paar Minuten aus wie eine Gymnastikgruppe.

Dann setzt sich Martin Zierold auf seinen Platz, es ist jetzt Zeit für Politik. Neben ihm sitzt eine kleine, rundliche Frau mit kurzen grauen Haaren, freundlichen Augen und einer tiefen Stimme. Es ist Jutta Schauer-Oldenburg, sie teilt sich den Fraktionsvorstandsposten mit Ex-Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer. Zierold sitzt immer neben Schauer-Oldenburg, er sagt, sie sei eine Art Mama für ihn. Mit 73 ist sie eine der ältesten in der Fraktion.

Sie passt auf Zierold auf. Sie tätschelt ihm die Schulter und nennt ihn manchmal Goldstück. Sie stößt ihn auch vorsichtig an, wenn seine Geräusche zu laut werden. Die Fraktionsmitglieder essen Salzbrezeln und trinken Wasser. Sie hängen in ihren Stühlen, nur Zierold sitzt aufrecht, sein Gesicht glüht. Zwei Dolmetscherinnen gebärden jedes Wort, das gesprochen wird. Zierold nickt jedes Mal, wenn er verstanden hat.

Er ist Mitglied in drei Ausschüssen. Er will, dass sich Behinderte ohne Barrieren bewegen können. Er möchte, dass Menschen, die wie er, nichts hören, nicht von der Gesellschaft ausgeschlossen werden, sondern er will, dass sich die Gesellschaft ihnen anpasst. Eines Tages möchte er ins Abgeordnetenhaus. Noch ist Politik neu für ihn, noch ermüden ihn die Sitzungen. Dann versteht Zierold nicht, warum hier so viel Zeit verschwendet wird mit leeren Worthülsen. Was ihm seine Dolmetscher übersetzen, kommt bei ihm oft als leere Floskel an. Er ist Teil von Politik, aber er mag ihre Rituale nicht. "Manchmal wird so viel geredet ohne dass es eine Kernaussage gibt. Man könnte doch einfach klar und zielgerichtet argumentieren."

Seine Taubheit könnte Zierold zu einem Politiker machen, den sich die Bürger wünschen, zu einem, der handelt. Zu einem, dem es um Inhalte geht, nicht um Taktik. "Wenn ich etwas sage, dann komme ich schnell zum Punkt", sagt er. "Vielleicht habe ich einfach eine andere Diskussionskultur."

Lesen Sie auf der zweiten Seite, wie fachpolitischer Sprecher wurde - und wie er seinen Alltag organisiert

Manchmal ertrinkt er im Meer der Worte

Manchmal, wenn der politische Betrieb heiß gelaufen ist, wenn zu viele Worte von zu vielen Menschen in zu kurzer Zeit durch den Raum rauschen, wird Martin Zierold zum Ausgegrenzten in seiner eigenen Partei. Dann ertrinkt selbst seine Dolmetscherin im Meer der Worte, der Zwischenrufe, der vielen Stimmen, die gleichzeitig reden, dann kommt er nicht mehr hinterher.

In der Sitzung an diesem Montag war das so. Er sollte in dieser Sitzung ein Amt bekommen, fachpolitischer Sprecher für Soziale Stadt werden, so hatte er es verstanden. Dann wurde es turbulent, die Dolmetscherin kam nicht mehr mit, es wurde eine Liste verteilt und Zierold stand nicht darauf, sondern eine Kollegin, Dorina Kunzweiler-Holzer. Sie hatte die Sitzung geleitet.

Als alles vorbei war, ging er zu ihr und fragte: Bin ich denn jetzt eigentlich gewählt worden? Sie sah ihn lange an. Da habe es wohl eine Missverständnis gegeben, sagte sie dann, und schließlich: "Dann geh ich eben wieder runter von der Liste und bin deine Stellvertreterin." Zierold nahm das Angebot an. Es war ein Moment, in dem die Regeln der Politik außer Kraft gesetzt wurden.

"Bei mir hätte sie das nicht gemacht, Dorina war anständig." Jutta Schauer-Oldenburg sitzt im Rathauscafé in Berlin Tiergarten und trinkt einen Tee. Die gelernte Krankenschwester war 29 Jahre lang in der SPD, 2004 wechselte sie zu den Grünen und nahm ihr Mandat in der BVV mit. Sie kennt Zierold seit April. "Ich habe mich maßgeblich dafür eingesetzt, dass er auf einen listensicheren Platz gekommen ist. Er soll bei der nächsten Wahl wieder auf die Liste kommen. Ich möchte nicht, dass er eine Eintagsfliege ist."

"Er muss wissen, wo die Arschlöcher sitzen"

Sie macht sich ein wenig Sorgen, denn sie weiß, was ihn erwartet. Sie weiß, wie es ist, wenn Zierold in den Ausschüssen auf die Mitglieder anderer Parteien stößt. "Er muss mehr kämpfen", sagt sie. "Wie eine Frau in der Politik muss er sich mehr profilieren, um nach oben zu kommen." Ihre Hoffnung ist, dass Taubheit ein Schutz sein kann. "Es kann im politischen Geschäft von Vorteil sein", sagt sie und ihre tiefe Stimme klingt ein wenig konspirativ. "Man würde ihn öffentlich nicht unterbrechen oder hart angehen. Es würde sich nach außen niemand den Anschein geben, ein unanständiger Mensch zu sein, der jemanden nicht ernst nimmt, der nicht hört", sagt sie. "Nach innen muss er aber wissen, wo die Arschlöcher sitzen."

An einem Donnerstagmorgen sitzt Zierold im ersten Stock des Rathauses Berlin-Mitte in Zimmer 107. Er trifft sich mit seiner Arbeitsassistentin, einer hübschen Frau Anfang 30 mit blondem Zopf und aufgeweckter Stimme. Auch ihren Namen möchte Zierold nicht in der Zeitung lesen, schließlich geht es ja um ihn und nicht um seine Dolmetscherin. Deshalb soll sie hier Vanessa Schulz heißen. Der Raum ist vollgestellt mit Aktenordnern, auf dem langen Tisch stehen eine grüne Gießkanne und mehrere Töpfe mit Amaryllis. Hier sieht es noch nach grünen Wurzeln aus. Schulz und Zierold kennen sich gut. Die Gebärdendolmetscherin war von Anfang an dabei, hat Zierold während des Wahlkampfes begleitet. Er vertraut ihr. Etwa fünf Stunden pro Woche hilft sie ihm. Sie erledigt nicht nur Anrufe für ihn, sondern hilft auch beim Verfassen von Mails. Deutsch ist für Zierold eine Fremdsprache, die eine andere Grammatik hat als die Gebärdensprache, seine Muttersprache.

Schulz nimmt ihr Handy und schaut auf die To-Do-Liste, die Zierold vorbereitet hat. Er möchte sich bei den Quartiersmanagements vorstellen. Das sind Stellen, die sich um Projekte für die Stärkung des sozialen Zusammenhaltes eines Stadtteils kümmern. Schulz ruft beim Quartiersmanagement Tiergarten Süd an.

"Hallo, mein Name ist Martin Zierold", sagt Schulz. "Ich bin Mitglied bei den Grünen und Sprecher für Soziale Stadt. Ich bin taub, meine Dolmetscherin übersetzt für mich am Telefon."

"Wie ist der Name?" fragt die Person am Telefon. Mit der linken Hand gebärdet Vanessa Schulz, was der Gesprächspartner gesagt hat.

"Martin Zierold."

"Sie sind Martin Zierold?"

"Nein, nein. Ich bin nur die Dolmetscherin. Ich spreche für Martin Zierold."

"Ach so. Können Sie am Donnerstag um zehn Uhr?"

"Ja, Pohlstraße 91 in Tiergarten."

"Super, dann freue ich mich auf das Gespräch."

Zierold lächelt. "Jetzt habe ich vier Termine für diesen Monat in verschiedenen Quartiersmanagements. Das reicht erstmal."

Zierold fuchtelt mit den Armen. "Stopp!"

Ein paar Tage später sitzt er im Rathaus Mitte, zu einer neuen Fraktionssitzung. Er isst eine Mandarine. Er schmatzt. Heute passt niemand auf. Jutta Schauer-Oldenburg kann nicht neben ihm sitzen, sie leitet die Sitzung. Es gibt eine Diskussion darüber, wie die Homepage der Grünen in Mitte gestaltet werden soll, wer das bezahlt und ob sie auf der Seite der Bundespartei integriert werden soll oder nicht. Alle reden durcheinander, die Stimmen werden lauter. Zierold droht wieder im Meer der Worte unterzugehen.

Plötzlich reißt Zierold die Arme in die Höhe, seine Gebärden werden wild. Die Geräusche, die er ausstößt, werden laut und aufgeregt.

"Was ist mit der Redeliste", schreit die Dolmetscherin in den Raum. Zierold fuchtelt mit den Armen. "Stopp!", ruft die Dolmetscherin.

Jutta Schauer-Oldenburg beobachtet ihn von ihrem Platz aus, sie möchte ihn beruhigen, sie möchte erklären, dass er gerade nicht dran ist. Sie ruft: "Jemand anderes hat einen Antrag auf Gegenrede gestellt."

Aber Martin Zierold reagiert nicht, er ist jetzt in Rage, seine Gebärden werden immer erregter, die Geräusche, die er von sich gibt, lauter, unkontrollierter. Er steht auf, die Dolmetscherin sagt: "Es ist ein Chaos, bitte einer nach dem anderen sprechen. Ich weiß nicht, wer hier redet, das kann doch nicht so schwer sein."

"War das jetzt Dein Redebeitrag?" fragt Schauer-Oldenburg. Zierold atmet aufgeregt.

"Nein. Ich wollte noch sagen, dass wir uns die Homepage in Kreuzberg zum Vorbild nehmen sollten. Die ist schön und mit der Bundesseite verknüpft. Dann ist es öffentlichkeitswirksamer."

Plötzlich ist es ruhig im Saal. Martin Zierold steht jetzt einfach nur noch da, er ist erschöpft, er bewegt sich nicht mehr. Seine Kollegen sehen ihn einen Moment lang durch die Stille hindurch an. Dann klopfen sie auf ihre Tische.