Terrorabwehr Gefahr am Himmel?


Fachverbände und Experten bezweifeln, ob schärfere Kontrollen für die Luftfahrt tatsächlich mehr Sicherheit für die Bürger bringen. Von einem Kleinflugzeug gehe weniger Gefahr aus als von einem Auto.

Nach dem Absturz eines Ultraleichtflugzeuges vor dem Reichstag verlangen zahlreiche Politiker noch schärfere Kontrollen für die Luftfahrt. Ob diese Pläne tatsächlich mehr Sicherheit für Piloten und Bürger bringen, bezweifeln Fachverbände und Experten. "Wenn ein Kleinflugzeug über einer Stadt abgeschossen wird, gibt es zahlreiche Opfer durch die Trümmer", kritisiert Volker Thomalla, Chefredakteur der Fachzeitschrift "Flug Revue". Eine Flugverbotszone über Berlin ist nach Einschätzung des Deutschen Aero Clubs (Daec) kein Schutz vor Terrorangriffen: "Kurzschlussreaktionen gaukeln nur Sicherheit vor", sagt Club-Präsident Gerhard Allerdissen.

Gefährliche Kleinwagen

Von einem Kleinflugzeug geht nach Einschätzung der Experten weniger Gefahr aus als von einem Auto. Das zeige zum Beispiel ein Gewichtsvergleich: In ein Kleinflugzeug wie die Cessna 172 können zusätzlich zum Piloten nur noch rund 150 Kilogramm Ladung an Bord genommen werden. Jeder Kleinwagen bietet mehr Platz und Zuladung.

Außerdem müssen sich Privatpiloten seit Anfang des Jahres einer speziellen Sicherheitsüberprüfung unterziehen. Diese ähnelt Kontrollen, die auch Mitarbeiter an großen Flughäfen absolvieren müssen. Bei dem Verfahren soll die Zuverlässigkeit auf Basis von Abfragen bei Verfassungsschutz und Nachrichtendiensten geprüft werden. "Was passiert denn, wenn ein Terrorist seine Lizenz nicht verlängert? Das Fliegen hat er doch nicht verlernt", bemerkt dazu die Vizepräsidentin des Pilotenverbandes Aopa in Deutschland, Sibylle Glässing-Deiss.

Der Daec hat die im Bundestag vertretenen Parteien in Gesprächen und Briefwechseln zu einer Stellungnahme zu den Kontrollen aufgefordert. Vom SPD-Innenexperten Frank Hofmann bekam der Dachverband als Antwort: "Es darf nicht verkannt werden, dass Zuverlässigkeitsüberprüfungen selbstverständlich keinen 100-prozentigen Schutz gegen Angriffe auf die Sicherheit des Luftverkehrs bieten, gleichwohl aber eine wichtige präventive Komponente darstellen."

"Populistischer Aktionismus"

FDP und PDS lehnen die Kontrolle der Luftsportler in der derzeitigen Form ab. "Wir wenden uns entschieden gegen populistischen Aktionismus, der zu mehr Bürokratie führt, aber keinen Sicherheitsgewinn bringt", teilte die PDS-Abgeordnete Petra Pau dem Daec mit. Der FDP-Abgeordnete Ernst Burgbacher schrieb dem Flugsportverband: "Sprengstoffe können auch in Kraftfahrzeugen problemlos versteckt werden. Bislang ist noch niemand auf die Idee gekommen, Führerscheininhaber einer Zuverlässigkeitskontrolle zu unterziehen. Das Herausgreifen der Luftsportler erscheint daher willkürlich und damit unangemessen."

Die Grünen-Abgeordnete Silke Stokar sprach sich für das Beibehalten der Zuverlässigkeitsprüfungen aus. Sie forderte aber, pragmatischere Konzepte mit den Betroffenen zu entwickeln: "Flieger sind näher am Flughafen als die Politiker." Scharfe Kritik kommt von der CDU. Das Luftsicherheitsgesetz, seit Jahresanfang in Kraft, sei "ein schlecht gemachtes und in weiten Teilen unbrauchbares Gesetz", teilte CDU-Innenexperte Clemens Binninger dem Daec mit. Als Nachbesserung fordert er einen Mechanismus, der Vereine, Verbände und Piloten selbst zur Meldung von Auffälligkeiten verpflichtet.

Vorbild "Airport-Watch-Projekt"

Ein ähnliches Konzept gibt es bereits in den Vereinigten Staaten. Das so genannte Airport-Watch-Projekt, bei dem Behörden, Pilotenverbände und Flugsportverbände kooperieren, setzt auf Selbstkontrolle. Dabei geht es nicht um Schnüffelei im Stasi-Stil, sondern um eine Art Nachbarschaftshilfe mit Unterstützung durch die Sicherheitsbehörden. In dieser Eigenverantwortung sieht Daec-Sprecherin Uschi Kirsch eine der effektivsten Antiterrormaßnahmen: "Uns Flugsportlern ist daran gelegen, die Sicherheit zu verbessern, aber es muss sinnvoll sein."

Heiko Stolzke/DPA DPA

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