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Und jetzt ... Django Asül Das Wörterbuch: Ausländer - Sarrazin


Kommt ein Bundesbanker zum Dönerladen - und muss sich ausgiebig von Türken beschimpfen lassen. Der Grund: nichts als Missverständnisse.
Eine satirische Übersetzungshilfe von Django Asül

Je unruhiger der Rhythmus dieser Welt und je phlegmatischer der Versuch von ohnmächtigen Mächtigen, für nachvollziehbare Ruhe zu sorgen, desto stärker wird die Rückbesinnung einfacher Menschen auf das, was man kennt. Das klingt jetzt vielleicht sehr gestelzt bis umständlich formuliert. Ist es aber auch. Wird aber dadurch nicht unwahrer. Genau deshalb entdecken immer mehr Leute die Heimatregion als ideale Urlaubsdestination. Das Schweifen in die Nähe gibt einem Halt. Gerade im Urlaub ist es wichtig zu wissen, wo man her kommt, weil dadurch die Gefahr, im Restaurant was Falsches zu bestellen oder vom Taxifahrer genarrt zu werden, gegen null tendiert.

Ähnliche Gedanken mögen letzte Woche auch Thilo Sarrazin zu einem netten Ausflug nach Kreuzberg geführt haben. Ein Urlaubstag in einer fremden Welt mitten in seiner Heimatstadt. Allein vom ökologischen Aspekt her ist das eine grandiose Idee. Exotik und Klimaneutralität schließen sich sonst eher aus. So wie sich Sarrazin und politische Neutralität ausschließen. Ein eindringlicheres Bekenntnis zur Heimat hätte Thilo gar nicht liefern können. Zumal die friedliche Absicht der Mission überdeutlich war. Sarrazin wurde nämlich nicht von einem SPD-Schlägertrupp begleitet, sondern von einem Kamerateam des ZDF.

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Zur Erinnerung: Vor nicht allzu langer Zeit schrieb Sarrazin ein Buch mit dezenten Hinweisen auf diverse Fehlentwicklungen in der deutschen Gesellschaft. Und zwar alles sauber unterminiert mit wasser- und blutdichten Daten und Fakten aus den Bereichen Genetik, Tragik und Stochastik. Da er sich ordentlich Mühe gegeben hatte bei dem Erstellen seiner Anleitung für ein gesundes Gemeinwohl, ging er folgerichtig davon aus, dass vor allem die besprochene Klientel sich seine Gedanken zu Herzen nehmen und daraus Konsequenzen ziehen würde. Sarrazins Sorge gilt und galt ja stets dem Migranten, der sich mehrheitlich ignorant bis dämlich anstellt. Da die verkaufte Auflage seines Bestsellers in etwa so hoch ist wie die Zahl der Problemausländer, war Sarrazin stiller Hoffnung, dass das Buch zu annähernd hundert Prozent in den richtigen Händen und Hirnen landen würde. Wer also sich vergewissern will, ob und wie die positive Saat des Buches aufgegangen ist, muss sich zwangsweise nach Kreuzberg begeben.

Um es gleich mal vorweg zu nehmen: Wahrscheinlich hat sich Sarrazin eine bessere Resonanz vorgestellt. Er wurde dort hauptsächlich von Türken bepöbelt, beschimpft und des Lokals verwiesen. Das lässt nur eine Vermutung zu: Sarrazin ließ scheinbar tatsächlich Raum für Missverständnisse in seinem Buch. Oder aber der Ausländer an sich kombiniert seinen Mangel an differenziertem Denken mit Umgangsstandards, die sich vielleicht innerhalb einer schwarzgelben Koalition, nicht aber unter vernünftigen Menschen geziemen. Damit gibt der Fremdling den Sarrazinschen Thesen quasi auch im Nachhinein Recht.

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Schade nur, dass Thilo diese Attacken nicht cool abprallen, sondern sich zu merkwürdigen Solidaritätsbekundungen hinreißen ließ. Er sei Demokrat, ließ er die Pöbelrotte wissen. Klingt auf den ersten Blick hilflos bis armselig, entwickelt aber im größeren Kontext erst seine volle Tragweite. Gut sechzig Jahre nach Kriegsende haben die Demokratien der westlichen Welt einen herausragenden Status erreicht: Matt, zerschlissen von unzähligen faulen Kompromissen, regiert von führungsschwachen Opportunisten, wirtschaftlich den Chinesen ausgeliefert, finanziell den Banken und energietechnisch den Russen. Also Spielball von Diktaturen. Der Demokrat von heute ist sozusagen nicht mehr Herr seines Schicksals. Diese Gemeinsamkeit teilt er mit dem Problemausländer, der auf den Goodwill von deutschen Sozial- und Nervensystemen angewiesen.

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Leider erkannte der migrantische Kreuzberger nicht, dass hier einer versucht, eine gemeinsame Ebene zu dokumentieren und ihm die Hand zu reichen. Deshalb muss die Frage erlaubt sein: Was haben Menschen, die Sarrazin weder verstehen noch schätzen, in diesem Land verloren? Zu allem Übel haben mittlerweile viele Integrationsverweigerer einen deutschen Pass. Deutschland kann sich somit seiner Problemausländer nicht so leicht entledigen wie weiland Bayern seines Problembären. Und bevor die Politik verlässliche Regularien zustande bringt, bezahlt eher Griechenland seine Auslandsschulden. Es bleibt folglich wieder mal alles an Sarrazin hängen. Da bleibt nur zu rufen: Thilo, hau in die Tasten! Deutschland braucht ein neuen Bestseller: Langenscheidts Sarrazin-Ausländer/Ausländer-Sarrazin. Wo Zusammenfinden gescheitert ist, hilft nur noch Zusammenraufen.


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