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Und jetzt... Django Asül Alles schön macht der Mai


Sinkende Preise, keine Krawalle am Tag der Arbeit, und selbst die Billiglöhner aus Europas Osten lassen uns offenbar in Ruhe. Ist im schönen Monat Mai wirklich alles Friede, Freude, Eierkuchen?
Eine satirische Bestandsaufnahme von Django Asül

Gar Traumhaftes spielt sich seit einer Woche an den Rohstoffbörsen ab: Die Preise kennen nur noch eine Richtung. Und zwar die richtige. Egal ob Öl, Gold, Silber, Nussecken oder Kamele, alles wird nicht nur erschwinglich, sondern zum Teil sogar bezahlbar. Da wird so manch einem nordafrikanischen Revolutionär natürlich der Kragen platzen vor Wut. Schließlich ging ja der ganze Ärger los, weil Brot auf einmal so teuer wurde wie ein Wintergarten und ein Liter unsubventionierte Milch sich preislich ein Kopf-an-Kopf-Duell lieferte mit Single und Double Malt Whiskey.

Hätten die Radaubrüder nur mal gewusst, dass die Gaddafis und Hadschi Alef Omars gar nichts für die Preisentwicklung können und eigentlich nur in Ruhe ihrem Diktatorendasein frönen wollen. Dann wären sie nämlich drauf gekommen, dass die Investoren die Übeltäter sind, weil die weit mehr Weizen und Haferflocken kauften und horteten als für den täglichen Bedarf von Ärzten und Immobilienmaklern empfohlen. Weil Investoren aber nicht bis zur nächsten Mahlzeit, sondern nur bis zur nächsten Gesellschafterversammlung denken, bleibt die Vernunft auf der Strecke und somit auch die vernünftige Preisbildung. Das Ende vom Lied: Ein Boom, der irgendwann bumm macht.

Vielleicht war das auch der Grund, weshalb der sogenannte Westen die zu Recht so genannten Aufständischen nur halbherzig unterstützt hat. Denn im Westen weiß man, wie schnell sich manche Preistreiberei ins Gegenteil verkehrt. Und deshalb gibt es im Westen auch keine Revolutionen mehr, sondern nur Schadenfreude für Spekulanten und Häme für die paralysiert zuschauende Politik. Was mittelfristig natürlich weit weniger Tote und Elend heraufbeschwört als die traurigen Gemetzel südlich von Europa.

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Damit lässt sich auch erklären, wieso der 1. Mai diesmal mehr oder weniger krawallfrei war. Wogegen will man denn auch groß protestieren? Gegen billigere Lebensmittel? Oder eventuell sinkende Spritpreise? Nein, das deutsche Volk war seltsam vereint und ruhig, weil nämlich pünktlich zum Monatsbeginn eine andere Art von Rohstoff drohte: Der ausländische Billiglöhner, getarnt als polnischer Neo-Arbeiter. Analog zum deutschen Kolonialismus des 19. Jahrhunderts wurde das Gespenst des Polonialismus an die Wand gemenetekelt. Die Aktion nennt sich EU-weite Arbeitsfreizügigkeit für die Völker im Osten. Auf Wunsch von Deutschland und Österreich waren sie nämlich sieben Jahre lang in Quarantäne, obwohl sie eigentlich richtig voll und satt drin waren in der EU. Also klassischer Fall von mittendrin, aber nicht dabei.

Eine große Angst plagte nämlich die damals rot-grüne Koalition unter Schröder: Wenn der Pole nach Deutschland kommt, dann will er nicht Geld verdienen, sondern arbeiten. Und zwar um jeden Preis. Während der Deutsche, so die ökologisch-sozialdemokratische Auffassung, lieber das Geld nimmt und notfalls auf Arbeit verzichtet. Die Gefahr eines ethnisch-gordischen Knotens auf dem Arbeitsmarkt zu vermeiden hatte also oberste Priorität für die Regierung Schröder. Denn auch Schröder war ja bestenfalls sekundär Sozialdemokrat und mindestens primär Patriot. Daher auch der Wunsch, innerhalb der EU soliden Protektionismus zu betreiben. Das war eine bundes- und parteipolitisch vertretbare Angelegenheit. Schließlich gehört es zur SPD-Genetik dazu, dass man versucht, Unmögliches möglich zu machen und am Ende dafür Mögliches unmöglich macht. Die Realität hatte aus eben diesem Grund auch nie was mit Sozialdemokraten am Hut, sondern konzentrierte sich lieber auf die Wirklichkeit.

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Und die Wirklichkeit sorgte am 1. Mai für verdatterte Gesichter: Weder überfüllte Sonderzüge aus Breslau noch klapprige Doppelstockbusse aus den Karpaten waren zu sehen. Plötzlich dämmerte es dem arbeitsmarktpolitisch interessierten Bürger: Hat der Pole womöglich längst begriffen, dass es einen relativ konkreten Zusammenhang zwischen Arbeit und Bezahlung gibt? Tatsächlich deuten etliche Parameter darauf hin. Deutschland ist den osteuropäischen Arbeitswütigen zu billig geworden. Er geht lieber in die Länder, wo Arbeit nicht nur ideell geschätzt, sondern auch entsprechend honoriert wird.

Was jetzt wie ein Witz klingt, ist scheinbar auch ein Witz: Für Billiglöhner ist Deutschland uninteressant. Das sorgt natürlich für kollektives Aufatmen in der SPD und den ihr nahestehenden Gewerkschaften und ähnlichen Selbsterfahrungsgruppen. Und wer als Deutscher vernünftig verdienen will, dem bleibt nur zu raten: Dann geh' halt rüber! Die Richtung ist mehr oder weniger egal. Mehr Geld für Arbeit gibt es mehr oder weniger überall. Gefährlich wird es erst wieder, wenn der Pole zum Investor wird.


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