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Vorwürfe gegen FDP-Vorzeige-Politikerin: Wo Silvana Koch-Mehrin abgeschrieben hat

Silvana Koch-Mehrin steht unter Druck: Die FDP-Europapolitikerin hat bei ihrer Doktorbeit mehrere Passagen abgeschrieben. stern.de dokumentiert einige Fundstellen.

Von Carsten Heidböhmer

Das "schöne Gesicht der FDP" steht unter einem hässlichen Verdacht: Die Internetplattform "Vroniplag Wiki" wirft der Europa-Politikerin Silvana Koch-Mehrin vor, auf mehr als 30 von 227 Seiten ihrer Doktorarbeit abgeschrieben zu haben, ohne die Quellen entsprechend zu nennen. stern.de-Recherchen ergaben, dass in einem Drittel der aufgelisteten Fälle tatsächlich aus anderen Quellen ganze Absätze übernommen wurden, ohne deren Herkunft in den in der Wissenschaft üblichen Quellenangaben transparent zu machen. Bislang wollte Koch-Mehrin die Vorwürfe nicht kommentieren.

Silvana Koch-Mehrin hat 2000 ihre Dissertation mit dem Titel "Historische Währungsunion zwischen Wirtschaft und Politik: die Lateinische Münzunion 1865 - 1927" an der philosophischen Fakultät der Uni Heidelberg eingereicht. Darin geht sie unter anderem der Frage nach, ob die Münzunion, zu der sich sich Ende des 19. Jahrhunderts fünf europäische Staaten zusammengeschlossen hatten, ein Vorläufer der Europäischen Währungsunion war. Die Arbeit wurde mit "cum laude" bewertet, was einem "Gut" entspricht und nach "summa cum laude" und "magna cum laude" die drittbeste Zensur ist.

Doch die Note spielt heute keine Rolle mehr. Die Arbeit wird von der Universität Heidelberg überprüft, weil die Betreiber von VroniPlag ihre Funde dort gemeldet und den Verdacht geäußert hatten, Teile der Arbeit seien ein Plagiat. Ob es sich bei den Passagen nun um Schlampigkeiten beim Schreiben der Doktorarbeit oder um eine Täuschung handelt, wird die Uni prüfen müssen.

Einem Bericht des "Tagesspiegel" zufolge befasst sich inzwischen auch die Staatsanwaltschaft Heidelberg mit der Doktorarbeit. "Wir haben am Montag von Amts wegen ein Vorprüfungsverfahren wegen Verdacht auf Urheberrechtsverletzungen eingeleitet", sagte eine Behördensprecherin der Tageszeitung. Die zuständigen Staatsanwälte prüften dabei auch eine mögliche Verjährung, da die Dissertation bereits vor zehn Jahren veröffentlicht worden sei.

stern.de dokumentiert einige offensichtliche Stellen.

Koch-Mehrin, S. 42

"Je näher Unternehmer und Verbände der Regierung standen, desto lautloser und erfolgreicher konnten sie Einfluß nehmen, desto schwerer ist eben dieser Einfluß aber auch für den Historiker zu dokumentieren. Gespräche in Klubs und Privathäusern schlugen sich selten in Akten nieder, und Bankiers legten schon damals Wert darauf, daß ihre Vorschläge vertraulich behandelt wurden. Wenn Agitationsverbände ihre Meinung schrill in der Öffentlichkeit vorbrachten, so ist das ein Hinweis auf ihre tatsächliche Machtlosigkeit, ihre Ferne zu aktuellen Regierungsentscheidungen. Es konnte gelegentlich aber auch bedeuten, daß Vertreter in der Regierung oder Opposition glaubten, sich innerhalb der Bürokratie und der Parlamente besser durchsetzen zu können, wenn sie den Druck der öffentlichen Meinung und der Verbände auf ihrer Seite wußten."

Handbuch der europ. Wirtschafts- und Sozialgeschichte, S. 205

"Je näher Unternehmer und Verbände der Regierung standen, desto lautloser und erfolgreicher konnten sie Einfluß nehmen, desto schwerer ist er aber auch für den Historiker zu fassen. Gespräche in Klubs und Privathäusern schlagen sich selten in Akten nieder, und Bankiers legen Wert darauf, daß ihre Vorschläge vertraulich behandelt werden. Wenn Agitationsverbände ihre Meinung schrill in der Öffentlichkeit vorbringen, so kann das ein Hinweis auf ihre Machtlosigkeit, die Ferne zu aktuellen Regierungsentscheidungen sein. Es kann aber auch bedeuten - und dies war beim deutschen Flottenverein der Fall -, daß Vertreter in Regierung und Militär sich innerhalb der Bürokratie und Parlamente besser durchsetzen zu können glauben, wenn sie den Druck der öffentlichen Meinung und der Verbände auf ihrer Seite wissen."

Nicht immer übernimmt Koch-Mehrin in ihrer Arbeit die gesamte Passage in den Text, sondern führt sie teils auch in der Fußnote fort. So in dieser Fundstelle von Lothar Gall, "Europa auf dem Weg in die Moderne".

Koch-Mehrin, S. 43

"Das konservative Preußen, das liberale England und das napoleonische Frankreich fanden hier mehr und mehr zu einer gemeinsamen Linie. 126
126 Sie führte schließlich über den sogenannten Cobden-Vertrag von 1860 zwischen England und Frankreich und den preußisch-französischen Handelsvertrag von 1862, der zugleich den Zollverein mit einbezog, zur Bildung einer weite Teile West- und Mitteleuropas umfassenden Freihandelszone."
Lothar Gall, S. 40

"Das hochkonservative Preußen, das liberale England und das napoleonische Frankreich fanden hier mehr und mehr zu einer gemeinsamen Linie. Sie führte schließlich über den sogenannten Cobden- Vertrag von 1860 zwischen England und Frankreich und den preußisch-französischen Handelsvertrag von 1862, der zugleich den Zollverein mit einbezog, zur Bildung einer weite Teile West- und Mitteleuropas umfassenden Freihandelszone."

Koch-Mehrin, S. 57


"Ergebnis ist, daß Geld nur als eine Ware fungieren kann, die wegen ihres Eigenwertes geschätzt wird. Geld hat demnach selbständigen Gebrauchswert. Damit eine Ware zu Geld werden kann, muß sie besondere Eigenschaften aufweisen, dies ist zuerst die Fähigkeit zur Wertaufbewahrung in der Zeit. Außerdem muß das betreffende Gut allgemein wertgeschätzt sein, damit es Gebrauchswert sowie Repräsentationswert besitzt, ferner muß es dauerhaft, unverderblich und schließlich von Natur aus knapp sein. Diese Eigenschaften weisen in der notwendigen leicht fungiblen Form nur die Edelmetalle auf. Deshalb gingen diese Theorien auch unter der Bezeichnung Metallismus in die Dogmengeschichte ein. "
Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaften, S. 376

"Diese Theorien laufen darauf hinaus, daß als Geld nur eine Ware fungieren könne, die wegen ihres Eigenwertes geschätzt wird, d.h. also, einen unabhängig von der Geldqualität existierenden selbständigen Gebrauchswert hat. Die besondere Eigenschaft, die eine Ware zum Geldgebrauch geeignet macht, und die auch historisch diese Rolle gespielt hat, war die Fähigkeit zur Wertaufbewahrung in der Zeit. Diese Eigenschaft ist vor allem in der allgemeinen Wertschätzung des betreffenden Gutes, die auf seinem Gebrauchswert oder seinem Repräsentationswert beruht, ferner in seiner Dauerhaftigkeit bzw. Unverderblichkeit und schließlich in seiner natürlichen Knappheit begründet. Diese Eigenschaften weisen in der für eine moderne Verkehrswirtschaft notwendigen leicht fungiblen Form nur die Edelmetalle auf. Deshalb gingen diese Theorien auch unter der Bezeichnung Metallismus in die Dogmengeschichte ein."

Koch-Mehrin, S. 69

"Bei der Silberproduktion trat bereits während der 30er Jahre des 19. Jahrhunderts eine Veränderung ein. 225 [...] 225 Die Silbergewinnung im ehemals spanischen Amerika nahm nach der Beendigung der Unabhängigkeitskämpfe allmählich wieder einen größeren Umfang an, vor allem in Mexiko, das gegen Ende der 60er Jahre wieder den höchsten Stand seiner früheren Produktion erreichte und sogar noch darüber hinaus schoß. Außerdem begann Chile, erhebliche und rasch wachsende Mengen von Silber zu liefern. Dazu kam seit den 60er Jahren ein Gebiet, das bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts überhaupt kein Silber produziert hatte, das aber nun in rascher Entwicklung an die Spitze aller Silberproduktionsländer trat: die Vereinigten Staaten. Bis in die zweite Hälfte der 90er Jahre behaupteten die USA unbestritten die erste Stelle. [...]
Karl Helfferich: "Das Geld", S. 100-101

"5. Periode: 1831 bis zur Gegenwart - Während der 30er Jahre des 19. Jahrhunderts trat eine neue Wendung in der Entwicklung der Silberproduktion ein. Die Silbergewinnung im ehemals spanischen Amerika nahm nach der Beendigung der Unabhängigkeitskämpfe allmählich wieder einen größeren Umfang an, vor allem in Mexiko, das gegen Ende der 60er Jahre wieder den höchsten Stand seiner früheren Produktion erreichte, um ihn im Lauf der folgenden Jahrzehnte um ein Vielfaches zu übertreffen. Außerhalb der alten amerikanischen Produktionsgebiete begann in den 30er Jahren Chile erhebliche und rasch wachsende Mengen von Silber zu liefern. Dazu kam seit den 60er Jahren ein Gebiet, das bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts überhaupt kein Silber produziert hatte, das aber nun in rascher Entwicklung an die Spitze aller Silberproduktionsländer trat: die Vereinigten Staaten. Ihre Jahresproduktion von Silber betrug in den 50er Jahren durchschnittlich nicht viel mehr als 7000 kg. Infolge der Entdeckung von Silberminen, die an Reichhaltigkeit selbst die Minen von Potosi übertrafen, nahm die Produktion rapid zu: sie betrug in der ersten Hälfte der 60er Jahre im Durchschnitt bereits 174.000 kg, in der zweiten Hälfte der 70er Jahre erreichte sie nahezu 1 Millionen kg und überholte damit die Silbergewinnung aller anderen Länder. Bis in die zweite Hälfte der 90er Jahre haben die Vereinigten Staaten unbestritten die erste Stelle behauptet."

Koch-Mehrin, S. 70

"Mit Veränderungen in der Edelmetallproduktion allein ist der Preissturz des Silbers jedoch nicht zu erklären, der sich ohne wesentliche Unterbrechung von 1871 bis in das neue Jahrhundert hinein vollzog. Ebenso fällt auf, daß der Silberpreis sich nicht erholte, als von 1894 an die Goldproduktion nach einem mehr als zwanzigjährigen Rückgang wieder zunahm und der Anteil des Goldes an der Gesamtgewinnung dann auf etwa das Doppelte anwuchs."

Otto Veit: "Grundriss der Währungspolitik", S. 381

"Mit Veränderungen in der Edelmetallproduktion allein ist auch der Preissturz des Silbers nicht zu erklären, der sich ohne wesentliche Unterbrechung von 1871 bis in das neue Jahrhundert hinein vollzog. Ebenso fällt auf, daß der Silberpreis sich nicht erholte, als etwa vom Jahre 1894 an die Goldproduktion nach einem mehr als zwanzigjährigen Rückgang wieder beträchtlich zunahm, und der Anteil des Goldes an der Gesamtgewinnung dann auf etwa das Doppelte wuchs."

Koch-Mehrin, S. 71

"Für die französische Währung war das Jahr 1851 wesentlich, weil die am Edelmetallmarkt bestehende Relation das dem französischen Doppelwährungssystem zugrunde liegenden Gold/Silber-Wertverhältnis von 1 zu 15 unterschritt."

Veit, S. 391

"Für die französische Währung ist das Jahr 1851 bedeutungsvoll gewesen, weil in diesem Jahr die am Edelmetallmarkt bestehende Relation das dem französischen Doppelwährungssystem zugrundeliegende Wertverhältnis unterschritt."