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Annette Schavan: Bildungsministerin vor der Kernschmelze

Sie kämpft um Titel, Amt und Ehre. Aber hinter den Kulissen werden bereits Nachfolger gecastet. Schavans Lage am Tag 1 ihrer No-Doc-Ära.

Von C. Bartlau, L. Kinkel, T. Schmoll, H. P. Schütz

Es geht für sie um alles. Um ihren Titel, ihren Posten, ihr Lebenswerk, ihre Ehre. "Es trifft mich. Es trifft mich im Kern. Es trifft den Kern von dem, was mir wichtig ist", sagte Annette Schavan schon vor Wochen zu den Vorwürfen, sie sie habe sich ihren Doktortitel erschwindelt. Nun hat ihr die Universität Düsseldorf den Titel entzogen. Eine Ministerin vor der Kernschmelze.

Schavan will kämpfen, das entspricht ihrem Naturell. Sie hat angekündigt, gegen den Beschluss des Düsseldorfer Fakultätsrats gerichtlich vorzugehen. So hat es auch FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin getan. Deren Verfahren läuft seit gut eineinhalb Jahren, ein Ende ist nicht abzusehen. So würde es mutmaßlich auch im Fall Schavan sein, zu erwarten ist eine langwierige, zähe Hängepartie. Für die Kanzlerin, die so gerne von der "Bildungsrepublik Deutschland" redet, ist das ein Desaster. Ausgerechnet im Wahljahr 2013 fällt die Bildungsministerin politisch aus. Sie wird unter Akademikern kaum Stimmen für die CDU sammeln können. Im Gegenteil.

Sollte Schavan zurücktreten?

Das Guttenberg-Syndrom

Schavan weiß, dass die Frage, ob sie ihr Amt behalten kann, nicht mehr davon abhängt, ob ein Gericht ihr in ferner Zukunft den Titel wieder zuerkennt oder nicht. Sondern von der politischen Kosten-Nutzen-Rechnung, die nun im Kanzleramt angestellt wird. Deswegen konnte sie an diesem Mittwoch auf ihrer Dienstreise in Südafrika nicht sagen: Ich bleibe Ministerin. Sie ließ es offen. Ihre politische Karriere ist nun in den Händen Dritter. Vor allem: der Kanzlerin.

Die Begleitumstände sind für Schavan bedrohlich. Denn zumindest zwei Player haben eine Rechnung mit ihr offen: die "Bild" und die CSU. Schavan hatte damals, als Karl-Theodor zu Guttenberg im Kreuzfeuer der Kritik stand, gesagt, sie würde sich für dessen wissenschaftliche Arbeit nicht nur heimlich schämen. Später kursierten Fotos von ihr und Merkel, wie sie auf der Cebit gut gelaunt eine SMS lesen - in der "KT" offenbar seinen Rücktritt ankündigte. Seitdem gilt Schavan bei den Fans des Freiherren als Verderberin des größten politischen Talents, das Bayern jemals hervor gebracht hat. Und so ist es kein Zufall, dass die "Bild" Schavan in dieser Mittwochsausgabe ausgiebig an Guttenberg erinnert - und ihr damit ziemlich unverhohlen den Rücktritt nahe legt.

Potentielle Nachfolger: Gröhe, McAllister

Offiziell hält die CDU (noch) an ihr fest, in der Münchner Parteizentrale der CSU heißt es: abwarten. Niemand will dort auch nur den Hauch des Eindrucks erwecken, es ginge um eine Revanche. Gleichwohl ist hinter den Kulissen die Diskussion um ihre Nachfolge längst entbrannt, fast ein Dutzend Namen sind im Spiel.

Immer wieder genannt wird der bisherige niedersächsische Ministerpräsident David McAllister, dem ein sehr gutes Verhältnis zu Merkel nachgesagt wird. Unklar ist aber, ob McAllister antreten würde - er hat keine ausgewiesene bildungspolitische Expertise. Die eher wahrscheinliche Variante: Der jetzige CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe wechselt auf Schavans Stelle, McAllister würde dann Generalsekretär werden. Auf diesen Posten wollte ihn Merkel schon 2005 berufen. Dem alerten Halbschotten wird zugetraut, dass er die CDU nach außen markanter vertreten könnte als der bedächtige Gröhe.

Die Opfer-Strategie

Ebenfalls im Gespräch: Roland Wöller, ehemaliger Kultusminister in Sachsen, sowie Bernd Althusmann, bisher Kultusminister in Niedersachsen. Das Problem bei beiden Kandidaten: Auch ihre Doktorarbeiten wurden angezweifelt, wenngleich sie ihre Titel behalten durften. Spekuliert wird zudem über Marion Schick, ehemals Kultusministerin in Baden-Württemberg, und Johanna Wanka, die sehr angesehene bisherige Ministerin für Kultur und Wissenschaft in Niedersachsen. Die Auswahl eines Kandidaten ist für die CDU nicht einfach: Bei der Besetzung eines Ministerpostens geht es auch um den Proporz der Landesverbände und die richtige Mischung zwischen männlichen und weiblichen Kabinettsmitgliedern. Zudem stellt sich die Frage: Wer lässt sich für eine nur sieben Monate währende Restlaufzeit als Minister in die Pflicht nehmen?

Schavan mag sich derzeit an die Vorstellung klammern, sie könnte vielleicht doch noch Ministerin bleiben. Ihre Verteidigungsstrategie ist komplex. Sie selbst behauptet, unschuldig zu sein, also nur Schusseligkeiten begangen, aber nicht getäuscht zu haben. Ihre Anwälte werfen der Uni Düsseldorf Verfahrensfehler vor, Beweisanträge seien übergangen, ein externes Fachgutachten nicht eingeholt worden. Und ihre Parteifreunde sprechen von einer "politischen Kampagne". Darin steckt der Vorwurf, im sozialdemokratisch regierten Nordrhein-Westfalen werde mit einer christdemokratischen Ministerin natürlich nicht fair umgegangen. So wird aus der Täterin ein vermeintlich bedauernswertes Opfer, das auf eine Wende in der öffentlichen Meinung spekuliert. Ein Muster, das Politiker in Krisensituationen immer wieder zeigen.

Erfolg damit haben die wenigsten.