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Was mich bewegt: Der Fluch der Odenwaldschule

Kinderporno-Ermittlungen gegen einen Lehrer erschüttern erneut den Ruf der Odenwaldschule. Der böse Geist scheint im südhessischen Hambachtal festzusitzen. Höchste Zeit für Konsequenzen.

Von Holger Witzel

Bei jeder anderen Schule wäre es keine Nachricht wert. An jeder anderen Schule wird es auch Lehrer geben, die heimlich Kinderpornografie konsumieren oder nur unter solchem Verdacht in aller Stille entfernt werden. Die Odenwaldschule aber ist nicht wie jede andere Schule. Wollte es nie sein. Stattdessen diente das Musterinternat bis in die 1980er-Jahre führenden Reformpädagogen der Bundesrepublik als eine Art Kinderbordell mit Selbstbedienung – gedeckt von Kollegen, einem sich selbst reproduzierenden Eliteruf und dem Zeitgeist.

Nachdem ehemalige Schüler 1998 erstmals offen darüber gesprochen hatten, vergingen zwölf Jahre, bis sich die Schule zögerlich ihrer Vergangenheit stellte und herauskam, dass über die Jahrzehnte mehr als 130 Kinder und Jugendliche missbraucht, vergewaltigt und für ihr Leben beschädigt worden waren. Danach wollte man wieder Elite sein, Musterschule für Prävention, besonders sicher.

Doch wie ein Fluch scheint der böse Geist im südhessischen Hambachtal festzusitzen. Und auch deshalb habe ich Verständnis für den Ruf nach Schließung der Schule, wie er nun von Opfervertretern nach dem Kinderporno-Fall erneut kommt: Für ihre qualvollen Offenbarungen haben ihnen damals alle auf die Schulter geklopft. Viel mehr geschah nicht. Weder wurden die Opfer angemessen entschädigt noch Verjährungsfristen geändert. Verbitterung ist ihr gutes Recht - leider das einzige.

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