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Wolfgang Thierse zu Kassiererin-Urteil: "Die Reaktion war nicht kalkuliert"

Das Urteil über die Berliner Kassiererin, die Pfandbons unterschlagen haben soll, sorgt weiter für Diskussionen: Nach seiner harschen Kritik am Urteil wehrt sich Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Thierse im stern.de-Interview gegen Rücktrittsforderungen, erzählt, wie es zu seinem Wutausbruch kam, und bekräftigt: "Das war unbarmherzig und gnadenlos."

Das Berliner Landesarbeitsgericht hat mit seinem Urteil gegen eine Kassiererin bundesweit für Aufregung gesorgt. Sie soll zwei Pfandbons im Wert von 1,30 Euro unterschlagen haben. Kaisers entließ die Frau daraufhin fristlos. Vor Gericht wurde die Entlassung bestätigt. Allerdings kündigte der Anwalt der 50-Jährigen am Freitag an, vor dem Bundesverfassungsgericht zu klagen. Er argumentiert, die Bedeutung und Tragweite der Grundrechte der Kassiererin seien verkannt worden.

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) hatte das Urteil des Landesarbeitsgericht zuvor scharf kritisiert: "Das ist ein barbarisches Urteil von asozialer Qualität". Das Landesarbeitsgericht wies die Kritik von Thierse in ungewöhnlich scharfer Form zurück. "Diffamierungen der Gerichte, zumal von einem der höchsten Repräsentanten unseres Landes, sind in keiner Weise hinnehmbar", schrieb Gerichtspräsidentin Karin Aust- Dodenhoff in einer Erklärung.


Herr Thierse, der Berliner Anwaltsverein hat nun Ihren Rücktritt gefordert. Was sagen Sie Ihren Kritikern?


Ach Gott, Rücktrittsforderungen lassen sich leicht erheben. Die Wortwahl, die ich in meiner Empörung getroffen hab, war wohl übertrieben. Aber ich bleibe dabei: Ich halte das Urteil für unbarmherzig und gnadenlos. Es muss das Gerechtigkeitsgefühl eines einigermaßen sozial empfindsamen Menschen beleidigen, wenn eine Frau, die 30 Jahre in einem Betrieb gearbeitet hat und dann einen kleinen Fehler im Wert von nicht einmal einem Laib Brot macht, in die Arbeitslosigkeit entlassen wird. Gleichzeitig verspielen Bankmanager und Wirtschaftsbosse ganze Unternehmen und gefährden Arbeitsplätze. Und die werden sogar noch mit Abfindungen oder Boni bedacht. Dieses Missverhältnis muss Thema der öffentlichen Debatte sein.

Wäre Ihre Reaktion anders ausgefallen, wenn es die Bonuszahlungen nicht gegeben hätte?

Das ist der Zusammenhang. Mir geht es doch so wie ganz durchschnittlichen Leuten. Man hat beides zugleich im Kopf. Beides zugleich berührt einen. Dass die Kleinen hart bestraft werden - wegen kleiner Fehler eines Vertrauensbruchs - und andere sogar mit Boni und Abfindungen davonkommen, ist eine grobe soziale Ungerechtigkeit. Ich habe ja nicht gesagt, dass das Urteil rechtswidrig sei. Aber es wäre auch ein anderes möglich gewesen - eine Abmahnung etwa. Man muss nicht mit dieser harten Konsequenz urteilen. Gerade wenn am anderen Ende der sozialen Skala Menschen mit gröbsten Fehlern zulasten anderer sehr, sehr gut wegkommen.

Die Kassiererin wurde aufgrund eines Verdachts gekündigt. Anders als im Strafrecht gilt im Arbeitsrecht nicht: Im Zweifel für den Angeklagten. Unter Juristen ist dies umstritten. Wie finden Sie das?

Ich habe gehört, dass dieses Urteil in der Tradition vieler Arbeitsgerichtsurteile steht. Im Unterschied zum Strafrecht muss man im Arbeitsrecht seine Unschuld offenbar beweisen. Das halte ich für ein elementares Rechtsproblem. Wenn ich über Sie öffentlich sage: Sie prügeln Ihre Frau!, dann können Sie nicht beweisen, dass Sie das nicht machen. Beim Arbeitsgericht reicht offenbar ein begründeter Verdacht. Aber das ist doch das Problem: Man braucht nur zwei Kollegen, die einen nicht leiden können, die ein - etwa von oben geleitetes - Interesse haben, einen zu verdächtigen. Wie soll man sich dagegen wehren? Ich verstehe, dass eine Kassiererin eine besondere Vertrauensstellung hat. Aber die Verletzung des Vertrauens muss sehr stark begründet sein.

Ein Arbeitsrechtler, der häufig Arbeitnehmer in vergleichbaren Fällen vor Gericht vertritt, sagte stern.de: Die Gerichte würden zwar sehr genau prüfen, ob ein Fehlverhalten vorliege oder nicht. Ob sie aber aus bestimmten Gründen - etwa der Teilnahme an Streiks - in Verdacht gerieten, werde nicht mit der gleichen Sorgfalt geprüft.

Das kann ich nicht selber bewerten. Ich kann nur beurteilen, was ich gehört habe.

Wie kam es zur Ihrem Urteil?

Meine Reaktion war nicht kalkuliert. Ich habe zu Hause und bei Freunden und Bekannten eine große Betroffenheit und Erregung festgestellt. Aber in den Zeitungen wurde ganz kühl über den Vorgang berichtet. Später habe ich mit einer Redakteurin gesprochen: Das ist doch ein empörendes Urteil! Da sind die starken Formulierungen gefallen. So etwas berechne ich nicht.
Wir wissen aus unserer Geschichte: Wenn das Gerechtigkeitsgefühl von vielen massiv verletzt wird, dann wird das Vertrauen in die Demokratie und den Rechtsstaat erschüttert. Und dann wird es gefährlich.

Dieser Fall hat auf stern.de zu sehr vielen Leserkommentaren geführt. Meinen Sie, das ist ein Thema, welches die Politik unterschätzt, die Bürger aber bewegt?

Da bin ich mir sicher. Ich habe - ohne das ich es wollte - unheimlich viele E-Mails bekommen. Von den Juristen und politischen Konkurrenten werde ich öffentlich beschimpft. Aber die Bürger scheinen das komplette Gegenteil zu denken. Ich bin doch offensichtlich ein ziemlich normaler Mensch.

Interview: Axel Hildebrand