Wort des Jahres Bitte gib mir nur ein Wort!


Jedes Jahr wird das Wort des Jahres gewählt, nach Schönheit, sprachlichem Witz und inwieweit es den Zeitgeist ausdrückt. Bei der Suche ist die deutsche Bevölkerung mit Begeisterung dabei.

Es begann mit "heiße Höschen", später folgten Begriffe wie "Glasnost" und "Viagra", und für 2005 wurde "Bundeskanzlerin" zum Wort des Jahres gewählt. Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden listet seit 1970 Begriffe und Wendungen auf, die aus ihrer Sicht prägende Entwicklungen eines Jahres widerspiegeln, Ausdruck des Zeitgeistes und möglichst auch sprachlich interessant sind. So wirft die Anrede "Bundeskanzlerin" für Angela Merkel (CDU) als erste Frau an der Spitze einer deutschen Regierung die Frage auf, ob es denn Bundeskanzlerinnenamt oder weiter Bundeskanzleramt heißt.

Die Sprachwissenschaftler freuen sich über die enorme Resonanz ihrer Listen in der Öffentlichkeit und betrachten ihre Arbeit mit robustem Selbstbewusstsein. "Wenn wir nichts Gedrucktes im Deutschen hätten, nur die Wörter des Jahres, dann könnte man daraus eine kleine Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland schreiben", sagte GfdS-Vorsitzender Prof. Rudolf Hoberg am Freitag in Wiesbaden zur Vorlage der jüngsten Liste. Zehn Begriffe wählen die Mitarbeiter der GfdS jeweils aus, das erste wird zum "Wort des Jahres" erklärt.

Gammelfleisch schlägt Fleischskandal

Die wissenschaftlichen Mitarbeiter suchen die Begriffe ein Jahr lang in Tageszeitungen und Zeitschriften, aber auch im Internet. Außerdem gibt es Anregungen von Bürgern. Sei einigen Jahren schicke beispielsweise der Leistungskurs einer Schule Listen ein, berichtete die GfdS-Mitarbeiterin Anja Steinhauer. Sie hat die Liste für 2005 erstellt. 200 Vorschläge - einzelne Wörter oder ganze Listen - trafen bei den Sprachwissenschaftlern in Wiesbaden diesmal ein, 2000 bis 2500 Anregungen gab es insgesamt.

Die in diesem Jahr ausgewählten zehn Begriffe - dazu können auch ganze Sätze gehören - reichen von "Bundeskanzlerin" über "Wir sind Papst" und "Gammelfleisch" bis zum Titel der Imagekampagne zur Fußball-Weltmeisterschaft "FC Deutschland 06". Interessant sind aber auch Vorschläge, die es aus Platzgründen nicht in die Liste geschafft haben. Hoberg nennt als Beispiele "Reichensteuer", "Vogelgrippe", "Britenrabatt" für die Diskussion um die EU-Finanzen und "CIA-Flüge" für die Diskussion über mögliche Geheimflüge der CIA mit Gefangenen. Auch der Slogan "Du bist Deutschland" schaffte es nicht.

Ausgewählt werden im Zweifelsfall Begriffe, die auch sprachlich pfiffig sind oder zu Sprachspielen reizen. So konnte sich der Vorschlag "Fleischskandal" nicht gegen "Gammelfleisch" durchsetzen. Im vergangenen Jahr kam der Begriff "Hartz IV" für die Arbeitsmarktreform an die Spitze der Liste, weil er Bürger zu Wortbildungen wie "verhartzer Sommer", "hartzlose Bürokratie" und "Hartz-Infarkt ist tödlich" animiert hatte.

Ein Spiel, aber ein ernstes

Das Interesse an Sprache sei in der Bevölkerung enorm, sagte Hoberg zur Resonanz auf die Wörter oder Unwörter des Jahres und anderen Listen. So schickten die Bürger 22 000 Vorschläge ein, als der Deutsche Sprachrat, an dem die GfdS beteiligt ist, im vergangenen Jahr nach dem "schönsten Wort" der deutschen Sprache gesucht hatte. "Habseligkeiten" wurde schließlich gekürt. Aber auch ohne solche Aktionen wenden sich pro Jahr etwa 12 000 Bürger an die GfdS mit Fragen und Anregungen zur Sprache. Genau für solche Kontakte zum Bürger ist die vom Bund und den Ländern getragene und finanzierte Gesellschaft da.

Die Suche nach Wörtern des Jahres hat nach Darstellung Hobergs übrigens keinen wissenschaftlichen Anspruch: "Das ganze ist ein Spiel", sagte er - wenngleich ein ernstes.


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