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ZDF: Maybrit Illner entert Youtube

Maybrit Illner 2.0: Mit einem eigenen Kanal auf Youtube schmeißt sich die ZDF-Moderatorin an das jugendliche Publikum ran. Es soll auch mitmachen dürfen und per Video Fragen an Illners Gäste stellen. Eine Idee mit nur mäßigem Erfolg.

Von Mandy Schünemann

Wolfgang Klein grinst in die Kamera. Ob das schon seine dritten Zähne sind? Egal. Sicher ist: Der Mann ist um die 60 Jahre alt, trägt graue Haare und hat eine riesige, runde Brille auf der Nase. Auch sonst wirkt er nicht jugendlich. Trotzdem hat er nur ein Ziel: neues Publikum zu werben, das möglichst jung ist. Denn Klein ist der Redaktionsleiter von "Maybrit Illner", der wöchentlichen Polit-Talkshow im ZDF. Und die hat ein Problem: Mit nur 4,7 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen lag "Maybrit Illner" 2008 klar hinter den Konkurrenten Kerner, Will, Maischberger, Beckmann und Plasberg. Das soll sich jetzt ändern.

Junges Publikum gesucht

Dafür legt sich Klein kräftig ins Zeug. "Alle mal herhören", wirbt er für die neue Sendung. "Münte" sei am Donnerstag zu Gast, außerdem "zwei junge Wilde" von den Grünen und der FDP. Während er spricht, schwenkt die Kamera vor und zurück, ganz wie bei MTV. Wir sind aber nicht bei MTV - wir sind auf Youtube, dem weltweit größten Videoportal im Internet. Seit zwei Wochen betreibt Maybrit Illner hier einen eigenen Kanal, um an junge Menschen heranzukommen. Das Video mit Redaktionsleiter Klein ist direkt auf der Startseite platziert. Im Gespräch mit stern.de sagt Illner: "Mit unserem Youtube-Kanal haben wir eine neue und vielleicht zeitgemäße Form des Kontaktes gefunden." Eine gute Idee. Doch die Realität zeigt: Um Jugend zu begeistern braucht es schon mehr Street-Credibility.

Das offenbaren zumindest die rund 200 Kommentare zu Illners Kanal. "Auf ZDF in Youtube kann ich verzichten", kritisiert "MorokMorok" im Forum. Der 33-jährige User "Heinolore" schreibt: "Ein ziemlich verzweifelt anmutender Versuch neue beziehungsweise verlorene Zielgruppen zu gewinnen." Ein Großteil der Beiträge ist negativ, viele sind weit unter der Gürtellinie. Illner stört das offiziell nicht. "Wir wissen alle, dass im Netz die Hemmschwelle niedriger ist, unreflektiert loszupoltern", sagt sie. "Sie ist aber eben auch niedriger für gute Ideen und für konstruktive Kritik. Um letztere zu kriegen, muss man Ersteres ertragen."

Illner in der Höhle des Löwen

Ob die 44-Jährige das auf Dauer durchhält? Seitdem sie auch auf der Startseite von Youtube.de Werbung für ihren Kanal macht, ist in ihrem Forum die Hölle los. "Denkt ihr, dass die Jugend mit einer Internetplattform käuflich ist?", wird dort gefragt. "Also meine Stimme kriegt ihr jedenfalls nicht." Hans Christian Dastich, ein Student aus Dresden, kann solche Reaktionen verstehen. Zwar habe sich der 18-Jährige extra bei Youtube angemeldet, um ein Video mit seiner Frage an Müntefering online zu stellen. Ein regelmäßiger Zuschauer von "Maybrit Illner" sei er aber nicht.

"Die Jugend interessiert sich nicht für die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, weil ihnen ein Jugendprogramm völlig fehlt", sagt Dastich im Gespräch zu stern.de. "Daran muss sich was ändern." Ein Youtube-Kanal allein könne das Image des ZDF kaum aufpolieren. "Mehr Themenvielfalt wäre der erste Schritt, um seine Sendung interessanter zu machen. Indem man mal über Themen redet, mit denen die Jugend auch wirklich konfrontiert wird, könnte man auch eine andere Zielgruppe ansprechen." Zum Beispiel? "Situationen an Hochschulen", sagt er. "Oder warum unsere Politiker einen so hohen Altersdurchschnitt haben." Auf diesem Weg könnte sich Illner von den "ganzen anderen Polit-Talks" abheben.

Müntefering zieht nicht

Illner selbst ist mit ihrem Youtube-Kanal zufrieden: Mit 53.000 Klicks, fast 250 Abonnenten und 30 Videobotschaften seien ihre Erwartungen sogar "weit übertroffen" worden, sagt die Moderatorin zu stern.de. Doch die Zahl trügt: Einige Videos sind nur ein Fake, weitere wurden wieder gelöscht. Andere beinhalten Fragen, die so allgemein sind, dass sie beliebig wirken. Zudem sind nicht alle Aufnahmen qualitativ akzeptabel. Für die aktuelle Sendung, bei der Müntefering befragt werden soll, bleiben vielleicht eine Hand voll brauchbarer Videos übrig.

Zum Vergleich: Illner erhält pro Sendung mehrere hundert Leserbriefe, in denen ihre Zuschauer - davon hat sie immerhin fast 2,5 Millionen - schon seit Jahren ihre Fragen an die Runde stellen. Die läppische Zahl an Videobotschaften ist damit kaum vergleichbar. Um den Youtube-Kanal "Mitreden bei Illner" überhaupt am Leben zu erhalten, müsste die Redaktion nun zumindest beweisen, dass sie es ernst meint - und an diesem Donnerstagabend ein paar Videos einspielen. In der vergangenen Woche ist das noch nicht geschehen. Da war Illner noch Illner 1.0.

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