Zwischenruf Der Glücks-Fall Merkel


Nach oben geschafft hat sie es durch außerordentlich günstige Umstände - als Kanzlerin muss Angela Merkel beweisen, was in ihr steckt: Mut zu völlig Neuem. Aus stern Nr. 35/2005

Die Frau hat Glück, atemraubendes Glück. Zu Beginn ihrer politischen Karriere stieg die Physi kerin in den Wirren der Wende zur stellver tretenden Sprecherin der ersten frei gewählten DDR-Regierung und Begleiterin von Regierungschef Lothar de Maizière auf, weil ihr Vorgesetzter unter Flugangst litt und buchstäblich unter ihr zurückblieb. Helmut Kohl holte sie nach der Einheit in sein Kabinett, weil er ein junges, weibliches und vermeintlich ungefährliches Geschöpf aus dem Osten suchte.

An die Spitze der CDU gelangte sie, weil erst Kohl und dann Wolfgang Schäuble von ihren Spendenaffären aus der Bahn geworfen wurden - und die Trümmerfrau auf den Partei-Ruinen gerade recht kam. Zur Kanzlerkandidatin wurde sie ausgerufen, weil Gerhard Schröder urplötzlich Neuwahlen verkündete und ihren Rivalen keine Zeit mehr blieb für die insgeheim schon geplante Personaldebatte. Kanzlerin wird sie nun werden, weil die Linkspartei Schröder und der SPD den Machtfaden abschneidet.

Das hat es noch nie gegeben: Die Herausforderin im Kampf ums Kanzleramt kann gar nicht mehr verlieren - jedenfalls, solange der Himmel nicht einstürzt -, weil die Union stärkste Kraft sein wird und keine regierungsfähige Koalition gegen sie gebildet werden kann. Obgleich die Kandidatin den Wählern noch immer ein Buch mit sieben Siegeln ist. Obgleich sie Frau und Ostdeutsche ist. Obgleich sie kein Charisma entfaltet. Obgleich sie nicht mitreißend reden kann.

Die unglaubliche Glückssträhne der Angela Merkel hat viel von ihr verdeckt, ihre Schwächen wie ihre Stärken. Und ihre Konkurrenten, ihre Neider, ihre Gegner zu schwer wiegenden Fehleinschätzungen verleitet. Zuletzt Edmund Stoiber, der es einfach nicht begreifen wollte. Für den diese Frau ein einziges, unlösbares Rätsel ist. Der vermutlich immer noch überzeugt ist: Sie kann's nicht.

In jenen Tagen, als er den Wahlkampf der Union mit seinen Tiraden gegen den Osten an sich zu reißen versuchte, war sie in Berlin selbstbewusst, entspannt, fast fröhlich zu erleben. Sie wusste: Der bringt sich politisch um. Dafür hat er alles getan. Weil er dachte, sie bringt sich um, hat er ihr Kompetenzteam bis an die Grenze offener Verweigerung geschnitten. Er will nicht mit haften, falls es schief geht. Also durfte Michael Glos nicht ins Team. Also gab er nur Günther Beckstein aus der ersten Riege der CSU frei und schickte Gerda Hasselfeldt aus dem dritten Sturm aufs Eis. Also wird er nach der Wahl am Rand stehen, weil es nicht sein Sieg ist, sondern der Merkels. Die scheinbar starken Männer der Union konnten immer nur um eine Ecke denken, höchstens, die Physikerin der Macht um zwei oder drei.

Sie blieb einsam, diese Frau. Und misstrauisch. Und ihr Misstrauen verstärkte ihre Einsamkeit. Wie ihre Schwächen. Loyalität geht ihr vor Kompetenz, Friedrich Merz muss dafür büßen. Das hat ihren Weg zur Gratwanderung gemacht, immer wieder haarscharf entlang am Absturz. Sie belauerte die Unionsmänner, die sie belauerten, weil sie das Erbe Kohls unter sich aufteilen wollten - und vermutlich immer noch darauf hoffen. Sie zog sich zurück, isolierte sich, holte sich nicht den Rat der Besten, weil sie denen nicht vertraute und keine Schwäche offenbaren wollte, sondern Rat hier und da und überall her.

Ihre Reden waren Patchworks zusammengeflickter Ideen und Stichwörter - von zufällig entdeckten Beratern, die nicht voneinander wussten und keine Linie durchzusetzen vermochten. Mit einem Wort: Ihr politisches Umfeld war willig und ergeben, aber einer Führungsfigur in dieser Lage, vor dieser Aufgabe nicht angemessen.

War? Sie ist Analytikerin genug, um die Gefahr zu erkennen, die sie für sich selbst bedeutet. Mit der Nominierung Horst Köhlers zum Staatsoberhaupt hat sie sich zum ersten Mal aus der Belagerung der Männer befreit, die sie aushungern wollen. Und klar gemacht, dass sich jene täuschen, die sie nur als Glücks-Fall interpretieren - und übersehen, dass ausdauernder, zupackender Wille dazugehört, um aus Chancen etwas zu machen. Die Berufung des Kompetenzteams, ihres Teams, ist die zweite Befreiung. Wulff und Koch entschwanden am selben Tag in die zweite Reihe.

Denn mit dem Überraschungskandidaten Paul Kirchhof beginnt das Potenzial einer Kanzlerin Merkel zu leuchten. Die Frau aus dem Osten ist nicht in den Denk- und Machtkartellen des Westens gefangen, sie könnte Mut und intellektuelle Freiheit zu systemsprengender Kreativität beweisen. Die Gesundheitsprämie war das erste Exempel, Kirchhofs Steuertraum könnte das zweite sein.

Das starre, brave Wahlprogramm der Union, mit der CSU in Kompromissbeton gegossen, war nur zementierter Augenblick. Der Kompetenzler Kichhof redet seither munter daran vorbei und reißt andere mit. Seine Berufung, dem das Ministeramt folgen muss, ist ein Versprechen: Nach der Wahl drängt Fantasie an die Macht. Das wäre der Glücksfall Merkel.

Hans-Ulrich Jörges print

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