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20 Jahre Wackersdorf: Die blutige Schlacht am Bauzaun

Der Streit um die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf löste vor 20 Jahren eine der größten Protestaktionen der Umweltgeschichte aus. Bei einer Demonstration eskalierte die Situation - Protestanten und Polizei gingen aufeinander los.

Es gab mehrere tote Demonstranten und einen toten Beamten, hunderte Verletzte und tausende Strafverfahren. Es standen sich tausende Polizisten - ausgestattet mit Reizgas und dutzenden Wasserwerfern - sowie zigtausende Atomgegner gegenüber. Der Streit um die Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) im oberpfälzischen Wackersdorf erreichte in den 80er Jahren eine in der Bundesrepublik einmalige Dimension und führte zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Die 5000-Seelen-Gemeinde wurde für die noch junge Umweltbewegung zum Synonym für die Gefahren der Atomtechnik. Wenn von "WAAhnsinn" die Rede war, wusste landauf landab jeder, was gemeint war.

Vor 20 Jahren begann die deutsche Atomindustrie mit dem Bau ihres damaligen Prestigeobjekts, das wenige Jahre später für immer zu den Akten gelegt wurde. Als an dem geplanten Standort im Taxöldener Forst am 11. Dezember 1985 die ersten Bäume fielen, war dies auch der Startschuss für die heiße Phase der Anti-WAA-Aktionen. Allerdings hatte es bereits zuvor zahlreiche Demonstrationen in Ostbayern gegeben, seitdem im September 1981 entschieden wurde, dass die WAA in den Landkreis Schwandorf kommen soll.

Blutzoll auf beiden Seiten

Die Proteste forderten nicht nur auf beiden Seiten Blutzoll, sie führten auch zu einer großen gesellschaftlichen Diskussion. Die Debatte wurde noch angeheizt, als sich im April 1986 in der Sowjetunion die Tschernobyl-Katastrophe ereignete. Für Hubert Weinzierl, damals WAA-Widerständler und heute Präsident des Deutschen Naturschutzrings, war die Auseinandersetzung der Bürger mit dem Thema sehr wichtig. Sein Fazit: "Die Zivilgesellschaft darf mitreden, es gibt kein Monopol der Parteien für Politik."

Die deutschen Energiekonzerne hielten zunächst ungeachtet der Proteste an der mindestens sieben Milliarden Mark teuren Fabrik fest, um im eigenen Land die verbrauchten Brennelemente aus den Kernkraftwerken aufarbeiten zu können. Tatkräftige Schützenhilfe bekamen die Unternehmen von Bayerns Staatsregierung, der Freistaat ließ nicht nur massive Polizeikräfte in Wackersdorf aufmarschieren.

"Lex Schuierer"

Als der Schwandorfer Landrat Hans Schuierer (SPD) das Projekt mit all seiner Macht boykottieren und die Baupläne nicht abzeichnen wollte, wurde kurzerhand eine neue Vorschrift erlassen. Die "Lex Schuierer" wurde berühmt und der widerspenstige Landrat, eine der Galionsfiguren des Widerstands, von der CSU entmachtet. Fortan war die Kreisbehörde nicht mehr für die Atomfabrik zuständig.

Dreieinhalb Jahre dauerte der erbitterte Kampf zwischen den Befürwortern und den Gegnern. Im Mai 1989 wurde der Bau eingestellt, die Stromkonzerne schlossen Verträge mit den Aufarbeitungsanlagen im britischen Sellafield und in La Hague in der Normandie. Die Wackersdorfer WAA wurde in einem Jahrzehnt Planungs- und Bauzeit zum Milliardengrab.

Größter Erfolg der Umweltgeschichte

Etwa zwei Milliarden Mark wurden sinnlos verbaut, allein der Sicherheitszaun rund um das WAA-Gelände verschlang eine zweistellige Millionensumme. Zur Entschädigung bekam Wackersdorf ein gigantisches Industriegebiet, in dem sich insbesondere Autozulieferer niedergelassen haben. Mehr als 3000 Arbeitsplätze wurden geschaffen.

"Wenn es darauf ankäme, würden die Bürger heute genauso gegen so eine menschenverachtende Plutoniumfabrik kämpfen wie damals", glaubt Ex-Landrat Schuierer rückblickend. Auch Naturschutzpräsident Weinzierl sieht Wackersdorf als einen der größten Erfolge der Umweltbewegung an. "Die Politiker haben erkannt, dass sie nicht am Volk vorbeiregieren können." Letztlich hätten aber ökonomische Gründe den Ausschlag gegeben. Die Stromkonzerne hätten gemerkt, dass die WAA nicht rentabel gewesen wäre, meint Weinzierl. "Die Wirtschaftsseite kann eben besser rechnen als die Politik."

Ulf Vogler/DPA / DPA