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FÄLSCHUNG: Eine Art sinnlicher Höhepunkt

SPIEGEL- Herausgeber Rudolf Augstein über die STERN- Pleite mit den gefälschten Hitler-Tagebüchern.

SPIEGEL- Herausgeber Rudolf Augstein über die STERN- Pleite mit den gefälschten Hitler-Tagebüchern

Häufig werde ich nach der Faszination gefragt,die von gefälschten oder auch nicht gefälschten Hitler-Tagebüchern ausgehen konnte oder könnte.Wirklich fasziniert hätte man nur von echten Tagebüchern Hitlers sein können. Ich kenne außer Goebbels und Speer keine deutschen Macht- oder Spitzenpolitiker, die sich mit Tagebuchschreiben befaßten. Bismarck hat nach seinem Ausscheiden »Gedanken und Erinnerungen« niedergeschrieben, aber es waren eben nur Erinnerungen. Nur ungern komme ich auf die im STERN 1983 veröffentlichten Hitler-Tagebücher zu sprechen. Damals habe ich meinem engen Freund Henri Nannen vorgeworfen, er hätte sich als Vorstandsmitglied des Gruner+ Jahr-Verlages mit der Sache gründlich vertraut machen müssen, zumal er der einzige war, darin seinem Verlag noch Einblick in das System der Nationalsozialisten gehabt hatte. Henri Nannen hat generös wie immer - diesen Vorwurf eingesteckt; auch meinen Scherz: »Einen Preis für gelungene Fälschung wirst du nicht bekommen.«

Damals war er aber schon, vielleicht kann man das sagen, geistig in Emden, wo er mit seiner späteren Frau Eske die dortige Kunsthalle plante. Im STERN war nicht bekannt, daß Nannen gegenüber seinem damaligen Vorstandsvorsitzenden Bedenken geltend gemacht hatte, weil die Wohnung des Reporters Heidemann zu glitzerig ausgestattet sei. Nannen ließ sich aber abfertigen. Er dazu später: »Hätte ich meinen Vorstandsposten unter Protest niedergelegt, wäre die Veröffentlichung unterblieben.« Ob mit oder ohne ihn - die Tagebücher wären auch so von G+J erworben worden.

Man kann eigentlich nur die kritische Frage stellen:Wie konnte eine angesehene Redaktion diesem von seiten des Verlages erhofften Millionengeschäft so wenig mißtrauen? Die Antwort darauf heißt leider: Für die damals Verantwortlichen in Redaktion und Verlag muß es eine Art sinnlichen Höhepunkt gegeben haben, allein das »Leder« eines solchen Tagebuchbandes berühren zu können. Der Gedanke, das war »ER«, muß ihnen heiß durch die Glieder gefahren sein.

Warum der SPIEGEL seinerzeit die angeblichen Hitler-Tagebücher nicht gekauft hat, ist einfach zu erklären. Erstens wurden sie ihm nie angeboten, und zweitens hatte er in mir einen Chefredakteur, der zwanzig Minuten gebraucht hätte, um die Kladden als Falsifikate zu erkennen. Ich hatte genügend zeithistorisches Wissen, um solch einen Fehler zu vermeiden. Von der Zeit des Nationalsozialismus wußte ich sicherlich mehr als die Verantwortlichen bei Gruner + Jahr. Schon am Inhalt eines einzigen der 60 Tagebuch-Bände hätte man erkennen können, daß hier vor allem kein Hitler im Spiel war.

Für die Veröffentlichung der Hitler-Tagebücher war nach meiner Kenntnis nicht redaktionelle Verantwortung, sondern das Geschäftsgebaren des Verlages ausschlaggebend. Dennoch: Weder der SPIEGEL noch der STERN sind in ihrer Grundhaltung je von Geschäftsleuten oder Geschäftemachern in die Mangel genommen worden. Beim SPIEGEL wäre diese Mangel ja ich gewesen.

Seit über 50 Jahren bin ich nun als Journalist tätig. Sicher ist, es lohnt sich, richtigen und guten Journalismus ohne Schielen nach rechts und links zu machen und auch fortzuführen. Der SPIEGEL und seine Gesellschafter legen keinen Wert auf die Neugründung von Blättern, die in Wahrheit nur Anzeigenplantagen sind. Die lange Jahre einzige, auch wichtigste Konkurrenz des SPIEGEL war immer der STERN. Kurioserweise versucht die Zeitschrift FOCUS, die als Konkurrenz des SPIEGEL auftreten wollte (»Montag ist FOCUS-Tag«), eher dem STERN und sich selbst mehr zuzusetzen als uns.

Wenn ich eingangs gesagt habe, daß ich nur sehr ungern über die Hitler-Tagebücher spreche, so liegt das an dem Gründervater des STERN, Henri Nannen, der vor eineinhalb Jahren gestorben ist und der von Anfang bis Ende ein enger Freund war. Er hatte Ideen, die ich nicht hatte. Er war wie geschaffen für sein Blatt, was nicht wunder nehmen kann, weil er es eben auch geschaffen hatte, Ich konnte nicht, was er konnte; er konnte nicht, was ich konnte.

Auf dieser Basis haben wir beide, als es 1972 um die Wurst ging, um die Ostverträge Willy Brandts, einträchtig und ohne jedes Konkurrenzdenken zusammengearbeitet . Wir waren in dieser Hinsicht ein gutes Team. Schon 1967, während des Parteitages der FDP in Hannover, waren wir gemeinsam als Provokateure aufgetreten und hatten die Partei nach links geschoben. Diese Freundschaft konnte natürlich auch nicht durch die Veröffentlichung von falschen Hitler-Tagebüchem, an der er nicht direkt beteiligt war, getrübt werden.

Ich bewunderte ihn für seinen Elan, mit dem er Großprojekte durchzog, etwa das sehr bewährte, heute noch existierende »Jugend forscht« oder die Hilfe für das damals (und auch heute) hungernde Äthiopien. Er schickte einfach einen Teil seiner Redaktion zur Kontrolle in das Land, um zu verhindern, daß die von ihm gesammelten 19 Millionen Mark versickerten. Ich hingegen brachte es nur zu einer Hilfsaktion für den von der Flut verwüsteten Stadtteil Hamburg-Wilhelmsburg. Der Umgang mit unangenehmen Realitäten war nicht unbedingt Nannens Stärke, er war phantasievoll und kreativ in bestem Sinne. Und doch konnte er in Details genau und realistisch sein: Ein gemeinsamer Urlaub in meinem Ferienhaus auf Sylt wäre beinahe gescheitert, weil er darauf bestand, seine Telefongespräche selbst zu bezahlen.

RUDOLF AUGSTEIN