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Vorwurf von Joe Biden Donald Trump mag ein Rassist sein, der erste im Weißen Haus ist er sicher nicht


Ist Donald Trump wirklich der erste Rassist, der das Amt des US-Präsidenten bekleidet? Trump-Herausforderer Joe Biden hat das behauptet. Doch da hat es sich der Demokrat im Eifer des Wahlkampfs zu leicht gemacht.

Joe Biden hat einen rausgehauen. Donald Trump, so hat der designierte Präsidentschaftskandidat der Demokraten behauptet, sei der erste Rassist, der es ins Weiße Haus geschafft habe. Genauer: "Wir hatten Rassisten, es gab sie. Sie haben versucht, sich zum Präsidenten wählen zu lassen. Er ist der Erste, der es gemacht hat", sagte Biden in einem virtuellen Gespräch mit Mitarbeitern der Gewerkschaft Service Employees International Union am vergangenen Mittwoch – so ist es in einem Video zu sehen, das die "New York Times" auf ihren Internetseiten zeigt.

Sicher: Trump hat sich – entgegen seiner Beteuerungen – des Rassismus immer wieder mehr als nur verdächtig gemacht: Für die Proteste der "Black Lives Matter"-Bewegung hat er sichtlich kein Verständnis. Stattdessen fürchtet er um das historische Erbe der einstigen Konföderation, die im Bürgerkrieg für die Erhaltung der Sklaverei kämpfte. Er verharmloste die Gewalt ultrarechter Täter bei der Konfrontation in Charlottesville (2017) und ließ sich dafür von Ku-Klux-Klan-Veteran David Duke feiern. Er zeigte mehrfach seine Verachtung für Latinos und Migranten und gilt der weißen Alt-Right-Bewegung als unterstützenswerter Präsident usw. usw. Ja, man kann Donald Trump einen Rassisten nennen, doch der erste Rassist im Präsidentenamt ist Trump nun wahrlich nicht.

Selbst Lincoln war nicht für Gleichberechtigung

Historische Vergleiche haben häufig den Pferdefuß, dass sie heutige Maßstäbe an die Vergangenheit anlegen – und dabei nicht selten außer Acht lassen, was vor Jahrhunderten ganz selbstverständlich war. Selbst der heute als Sklavenbefreier und Begründer des modernen Amerika gefeierte Abraham Lincoln (Präsident von 1861 bis 1865) war "tief verwurzelt in rassistischen Vorurteilen seiner Zeit", wie die Historikerin Britta Waldschmidt-Nelson in einem Interview mit dem Deutschlandfunk konstatierte. Noch in Wahlkampf-Reden in den 1850er-Jahren habe Lincoln immer wieder betont, dass er "auf keinen Fall je dafür wäre, die Schwarzen politisch oder sozial gleichzustellen", so Waldschmidt-Nelson. Auch im Bürgerkrieg ging es dem damaligen Präsidenten in erster Linie darum, die Union zu retten und nicht darum, die Sklaverei abzuschaffen – dokumentiert in einem offenen Brief Lincolns vom August 1862.

Im Grunde wird Joe Bidens Behauptung schon durch die Nummer 1 der langen Liste von US-Präsidenten widerlegt: George Washington (1789 bis 1797 im Amt). Der Gründervater der Vereinigten Staaten hatte in seinem einstigen Amtssitz in Philadelphia einen unterirdischen Tunnel, durch den seine neun schwarzen Sklaven unbemerkt ein- und ausgehen konnten. "Wer den Hort der Freiheit betritt, muss buchstäblich durch die Hölle der Sklaverei hindurch", kommentierte ein Anwalt aus Philadelphia den geheimen Zugang, der 2007 bei archäologischen Arbeiten freigelegt wurde.

Jefferson: "All men are equal" und 600 Sklaven

Oder Thomas Jefferson, die Nummer 3 unter den Präsidenten und von 1801 bis 1809 im Amt. Von ihm sind die Worte "all men are created equal" ("Alle Menschen sind gleich geschaffen") überliefert, die Eingang in die Unabhängigkeitserklärung von 1776 gefunden haben. Und doch besaß er in seinem Leben mehr als 600 Sklaven und ist damit Rekordhalter unter den Sklaverei betreibenden US-Präsidenten. Jefferson ist auch ein Beispiel dafür, wie heikel es seinerzeit gewesen sein muss, sich gegen die Unterdrückung und Ausbeutung von Schwarzen zu positionieren. Hatte er sich vor seiner Wahl noch klar für eine Beschränkung des Sklavenhandels ausgesprochen, vermied er das Thema während seiner Präsidentschaft völlig.

Von den ersten 18 Präsidenten der USA besaßen zwölf in ihrem Leben Sklaven, acht sogar während ihrer Amtszeit. Bedeutet also: Rund 25 Prozent aller bisherigen US-Präsidenten waren Sklavenhalter. Doch man muss gar nicht so weit in der Geschichte zurückgehen, um zumindest begründete Zweifel an einer antirassistischen Haltung so manches Machthabers im Weißen Haus zu hegen – und zwar unabhängig von Demokraten oder Republikanern. William Howard Taft (1909 bis 1913 im Amt) beispielsweise schaffte es in seiner Antrittsrede, die verfassungsmäßigen Rechte "der Neger" zu bestätigen, schränkte diese jedoch sofort wieder ein für den Fall, dass die Wahrnehmung dieser Rechte zu öffentlichem Unmut führen sollte.

stern-Korrespondent Jan-Christoph Wiechmann berichtet aus Washington über den aktuellen Stand der "Black Lives Matter"-Bewegung.

Wilson: Sympathie für den Ku-Klux-Klan

Und so lässt sich das fortführen: Von Tafts als liberal eingestuften Vorgänger "Teddy" Roosevelt (1901 bis 1909 Präsident) ist überliefert, dass er Anhänger der Eugenik respektive Erbgesundheitslehre war, die in der NS-Lesart zur folgenschweren Rassenhygiene interpretiert wurde. Gegner der Sklaverei war er trotzdem. Demokrat Woodrow Wilson (1913 bis 1921 im Amt) machte aus seiner rassistischen Gesinnung keinen Hehl, wie es heißt. In seiner fünfbändigen "History of American People" soll er beispielsweise offen Verständnis für die Aktivitäten des Ku-Klux-Klan zeigen.

Oder Persönlichkeiten wie Harry S. Truman (Präsident von 1945 bis 1953), der während seiner Amtszeit entschieden gegen Rassendiskriminierung eintrat und doch auf der Liste der Mitglieder der Sons of Confederate Veterans zu finden ist – jener Organisation männlicher Blutsnachfahren der Südstaaten-Veteranen, die just in diesen Tagen für jedes gestürzte Denkmal eines Repräsentanten der Konföderation eine riesige Südstaaten-Flagge hissen.

Nichts davon relativiert, was Trump tut oder sagt. Aber der Blick zurück zeigt: Der Rassismus hatte auch vor Donald Trump schon Platz im Weißen Haus. Nicht immer, aber immer wieder. Selbst die Amtszeit des ersten schwarzen Präsidenten der US-Geschichte hat dies offenkundig nicht beenden können.

Quellen: "New York Times", CNN, Deutschlandfunk Kultur, Statista, "Spiegel online", Inaugurationsrede William Howard Taft, Brief von Abraham Lincoln an Horace Greeley, Nachrichtenagentur DPA


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