Funkverkehr "Der Mann hat sich totzuschießen"


Der "Führer" tobte, als er von der Kapitulation der 6. Armee erfuhr, die Opfer einer sowjetischen Zangenoffensive und seines Starrsinns geworden war. Funksprüche zwischen Hitler und General Paulus.

Das sowjetische Oberkommando hatte in seinem Befehl Nr. 227 vom 28. Juli 1942 die Losung verkündet: "Keinen Schritt zurück!" Zäh verteidigten Einwohner, Arbeiter und Soldaten ihre Stadt. Bis zuletzt rollten in Stalingrad produzierte Panzer von den Werkhallen direkt auf das Schlachtfeld.

23. August 1942

Die 6. Armee begann um 4:30 Uhr ihre Offensive gegen Stalingrad. Dieser Funkspruch wurde um 23:10 vom Panzer-Grenadier-Regiment 79 der 16. Panzerdivison, die erste deutsche Truppe an der Wolga, an das XIV. Panzerkorps gesendet: "Kampfgruppe Panzer-Grenadier-Regiment 79 als erste deutsche Truppe 18:35 Uhr Wolga erreicht. Panzer-Regiment 2 besetzte mit einer Kompanie Spartakowka, anfangs schwacher, sich verstärkender Feindwiderstand. Mit starken Angriffen aus Norden ist zu rechnen. VII. Fliegerkorps hat den Angriff hervorragend unterstützt."

Eine halbe Stunde später funkte das Führerhauptquartier an die Division: "16. Panzerdivision hält Stellung unter allen Umständen. Adolf Hitler"

22. November 1942

Einer sowjetischen Offensive gelang es, einen Ring um die deutschen Truppen zu schließen. Die 6. Armee war damit von sämtlichen rückwärtigen Verbindungen abgeschnitten. Noch am selben Abend erhält Friedrich Paulus von Hitler per Funk den Befehl: "Die 6. Armee igelt sich ein und wartet Entsatz von außen ab."

23. November 1942

Etwa 284.000 deutsche Soldaten wurden, nachdem sie über zwei Drittel der Stadt eingenommen hatten, durch die sowjetische Gegenoffensive "eingekesselt". Angesichts dieser bedrohlichen Lage meldet Paulus aus dem Kessel an Hitler:

"Mein Führer! Seit Eingang Ihres Funkspruchs vom 22.11. abends hat sich die Entwicklung der Dinge überstürzt. Die Schließung des Kessels ist im Südwesten und Westen nicht geglückt. Bevorstehende Feindeinbrüche zeichnen sich hier ab. Munition und Betriebsstoff gehen zu Ende. Zahlreiche Batterien und Panzerabwehrwaffen haben sich verschossen. Eine rechtzeitige, ausreichende Versorgung ist ausgeschlossen. Die Armee geht in kürzester Zeit der Vernichtung entgegen, wenn nicht unter Zusammenfassung aller Kräfte der von Süden und Westen angreifende Feind vernichtend geschlagen wird. Hierzu ist sofortige Herausnahme aller Divisionen aus Stalingrad und starker Kräfte auf der Nordfront erforderlich. Uabwendbare Folge muß dann Durchbruch nach Südwesten sein, da Ost- und Nordfront bei derartiger Schwäche nicht mehr zu halten sind. Uns geht dann zwar zahlreiches Material verloren, es wird aber die Mehrzahl wertvoller Kämpfer und wenigstens ein Teil des Materials erhalten: Die Verantwortlichkeit für diese schwerwiegende Meldung behalte ich in vollem Umfange, wenn ich melde, daß die Kommandierenden Generale Heitz, von Seydlitz, Strecker, Hube und Jaenecke die gleiche Beurteilung der Lage haben. Bitte auf Grund der Lage nochmals um Handlungsfreiheit!

Heil mein Führer! gez. Paulus"

24. November 1942

Wegen der aussichtslosen Lage der 6. Armee wollte Paulus, den man schon als jungen Offizier im Kameradenkreis den "Zauderer" genannt hatte, aus dem Kessel nach Westen ausbrechen. Hitler untersagte jedoch den Ausbruch:

"Jetzige Wolgafront und jetzige Nordfront...unter allen Umständen halten, Luftversorgung durch Einsatz weiterer 100 Ju 52 Transportflugzeuge im Anlaufen."

und weiter:

"Die 6. Armee ist vorübergehend von russischen Kräften eingeschlossen. Ich beabsichtige, die Armee in Raume Stalingrad Nord (...) zusammenzufassen. Die Armee darf überzeugt sein, daß ich alles tun werde, um sie entsprechend zu versorgen und rechtzeitig zu entsetzen. Ich kenne die tapfere 6. Armee und ihren Oberbefehlshaber und weiß, daß sie ihre Pflicht tut.

Gez. Adolf Hitler"

25. November 1942

General von Seydlitz verlangte in einer Denkschrift den sofortigen Ausbruch und verkürzte ohne Befehl seinen Frontabschnitt. Paulus stimmte zwar mit Seydlitz in der Einschätzung der militärischen Lage überein. Doch eigenmächtiges Handeln wie die Missachtung eines "Führer"-Befehls war ihm fremd. Statt einen Ausbruch aus dem Kessel zu wagen, meldete Paulus an Hitler:

"Der Führer kann sich darauf verlassen, daß seine Befehle von mir und den unterstellten Truppen und Führern mit eisernem Willen und Aufbietung letzter Kraft durchgeführt werden. Der heldenhafte Kampf der letzten Tage beweist dies."

Wahrscheinlich um ihn nachdrücklich auf den militärischen Gehorsam zu verpflichten, befördert Hitler Paulus am 30. November zum Generaloberst.

8. Januar 1943

Spätestens als der am 24. Dezember durchgeführte Entsatzversuch General Hoths gescheitert war, musste zumindest der militärischen Führung der eingeschlossenen Truppen klar gewesen sein, dass die Armee nur noch vor der Wahl zwischen Tod und Gefangenschaft stand. Angesichts der aussichtslosen Lage überbrachte die sowjetische Armeeführung am 8. Januar 1943 ein Kapitulationsangebot:

"An den Befehlshaber der deutschen 6. Armee, Generaloberst Paulus, oder seinen Stellvertreter und an den gesamten Offiziers- und Mannschaftsbestand der eingekesselten deutschen Truppen von Stalingrad.

Die deutsche 6. Armee, die Verbände der 4. Panzerarmee und die ihnen zwecks Verstärkung zugeteilten Truppeneinheiten sind seit dem 23. November 1942 vollständig eingeschlossen.

Die Truppen der Roten Armee haben diese deutsche Heeresgruppe in einem festen Ring eingeschlossen. Alle Hoffnungen auf Rettung Ihrer Truppen durch eine Offensive des deutschen Heeres vom Süden und Südwesten her haben sich nicht erfüllt. Die Ihnen zu Hilfe eilenden deutschen Truppen wurden von der Roten Armee geschlagen und die Reste Ihrer Truppen weichen Nach Rostow zurück. Die deutschen Transportluftflotte, die Ihnen eine Hungerration an Lebensmitteln, Munition und Treibstoff zustellte, ist durch den erfolgreichen und raschen Vormarsch der Roten Armee gezwungen worden, oft die Flugplätze zu wechseln und aus großer Entfernung den Bereich der deutschen Truppen anzufliegen. Hinzu kommt noch, daß die deutsche Transportluftflotte durch die russische Luftwaffe Riesenverluste an Flugzeugen und Besatzungen erleidet. Ihre Hilfe für die eingekesselten Truppen wird irreal.

Die Lage Ihrer eingekesselten Truppen ist schwer. Sie leiden unter Hunger, Krankheiten und Kälte. Der grimmige russischen Winter hat kaum erst begonnen. Starke Fröste, kalte Winde und Schneestürme stehen noch bevor. Ihre Soldaten aber sind nicht mit Winterkleidnug versorgt und befinden sich in schweren, sanitätswidrigen Verhältnissen. Sie als Befehlshaber und alle Offiziere der eingekesselten Truppen verstehen ausgezeichnet, daß Sie über keine realen Möglichkeiten verfügen, den Einschließungsring zu durchbrechen. Ihre Lage ist hoffnungslos und weiterer Widerstand sinnlos.

In den Verhältnissen einer aussichtslosen Lage, wie sie sich für sie herausgebildet hat, schlagen wir Ihnen vor, folgende Kapitulationsbedingungen anzunehmen:

Alle eingekesselten deutschen Truppen

, mit Ihnen und Ihrem Stab an der Spitze, stellen den Widerstand ein. Sie übergeben organisiert unserer Verfügungsgewalt sämtliche Wehrmachtsangehörige, die Waffen, die gesamte Kampfausrüstung und das ganze Heeresgut in unbeschädigten Zustand.

Wir garantieren

allen Offizieren und Soldaten, die den Widerstand einstellen, Leben und Sicherheit und Nach Kriegsende Rückkehr nach Deutschland oder in ein beliebiges Land, wohin die Kriegsgefangenen zu fahren wünschen.

Allen Wehrmachtsangehörigen

der sich ergebenden Truppen werden Militäruniform, Rangabzeichen und Orden, persönliches Eigentum und Wertsachen, dem höheren Offizierskorps auch die Degen belassen.

Allen sich ergebenden Offizieren

, Unteroffizieren und Soldaten wird sofort normale Verpflegung sichergestellt. Allen Verwundeten, Kranken und Frostgeschädigten wird ärztliche Hilfe zugewiesen werden. Es wird erwartet, daß Ihre Antwort am 9. Januar 1943 um 10 Uhr Moskauer Zeit in schriftlicher Form übergeben wird.(...)

Sollten Sie unseren Vorschlag, die Waffen zu strecken, ablehnen, so machen wir Sie darauf aufmerksam, daß die Truppen der Roten Armee und der Roten Luftflotte gezwungen sein werden, zur Vernichtung der eingekesselten Truppen zu schreiten. Für ihre Vernichtung aber werden Sie die Verantwortung tragen. (....)"

8. Januar 1943

Über 100.000 Soldaten der 6. Armee waren bereits im Kessel gestorben, als das sowjetische Oberkommando sein Angebot zur ehrenvollen Kapitulation unterbreitete. Als Paulus Hitler um sofortige Genehmigung bat, entgegnete dieser:

"Verbiete Kapitulation! Die Armee hält ihre Position bis zum letzten Mann und bis zur letzten Patrone und leistet durch ihr heldenhaftes Aushalten einen unvergeßlichen Beitrag zum Aufbau der Abwehrfront und der Rettung des Abendlandes."

Paulus unterwarf sich wie gehabt Hitlers Entscheidung und befahl, in Zukunft alle Parlamentäre des Gegners durch Feuer abzuweisen. Die Rote Armee blieb ihm die Antwort nicht schuldig.

21. Januar 1943

Kranke und Verwundete erhielten bereits keine Verpflegung mehr, um die kampffähige Truppe zu retten. Die 6. Armee zeigte starke Auflösungserscheinungen, als Paulus diesen Funkspruch zum Führerhauptquartier absetzte:

"Truppe ohne Munition und Verpflegung, Auflösungserscheinungen an der Süd-, Nord- und Westfront. 18000 Verletzte ohne Mindesthilfe an Verbandszeug und Medikamenten. Front infolge starker Einbrüche vielseitig aufgerissen. Weiter Verteidigung sinnlos. Armee erbittet um weiter Menschenleben zu retten sofortige Kapitulationsgenehmigung."

Nachdem am 23. Januar der letzte Flugplatz im Kessel verloren gegangen war, brach die Luftversorgung endgültig zusammen. Zwei Tage später gelang es der Sowjetarmee sogar, den Kessel zu spalten.

29. Januar 1943

Obwohl dem Untergang greifbar nahe, sandte Paulus zum 10. Jahrestag der nationalsozialistischen Machtergreifung am 30. Januar 1933 noch Huldigungstelegramme an Hitler:

"Zum Jahrestag Ihrer Machtergreifung grüßt die 6. Armee ihren Führer. Noch weht die Hakenkreuzfahne über Stalingrad. Unser Kampf möge den lebenden und kommenden Generationen ein Beispiel dafür sein, auch in der Hoffnungslosigkeit nie zu kapitulieren, dann wird Deutschland siegen.

Heil mein Führer Paulus, Gen.Oberst".

Der Text dieser Funksprüche wurde von der NS-Propaganda dankbar verwendet, etwa für Titelzeilen im "Völkischen Beobachter".

30. Januar 1943

Um eine Kapitulation der 6. Armee um jeden Preis zu verhindern, beförderte Hitler Paulus vom Generaloberst zum Generalfeldmarschall - eine verkappte Aufforderung zum Selbstmord. Unermüdlich wiederholte er seine Durchhalteparolen:

"Mein Generaloberst Paulus.

Schon heute blickt das ganze deutsche Volk in tiefer Ergriffenheit zu dieser Stadt. Wie immer in der Weltgeschichte, wird auch dieses Opfer kein vergebliches sein. Das "Bekenntnis" von Clausewitz wird seine Erfüllung finden. Die deutsche Nation begreift erst jetzt die ganze Schwere dieses Kampfes und wird die größten Opfer bringen. In Gedanken immer bei Ihnen und Ihren Soldaten.

Ihr Adolf Hitler."

Reichsmarschall Hermann Göring hatte in seiner berüchtigten "Leichenrede" anlässlich des Jahrestages den Untergang der 6. Armee und damit den Tod aller ihrer Angehörigen bekannt gegeben. Um alle Überlebenden des Kessels als Zeugen des Untergangs zu beseitigen, sollen auf seinen persönlichen Befehl später sogar Kriegsgefangenenlager nahe der Stadt bombardiert worden sein.

31. Januar 1943

Über die Initialwirkung, die eine Niederlage bei Stalingrad haben würde, gab sich Hitler keiner Illusion hin. Noch am Tag der Kapitulation appellierte er per Funk an den zum Generalfeldmarschall beförderten Paulus:

"Der Führer läßt darauf hinweisen, daß es auf jeden Tag ankommt, den die Festung länger hält."

31. Januar 1943

Als sowjetische Einheiten dem Hauptquartier der 6. Armee bereits bedrohlich nahe kamen, streckte General Paulus die Waffen und setzte einen letzten Funkspruch ab:

"Die 6. Armee hat getreu ihrem Fahneneid für Deutschland bis zum letzten Mann und bis zur letzten Patrone eingedenk ihres hohen und wichtigen Auftrag die Position für Führer und Vaterland bis zuletzt gehalten".

Danach begab er sich in sowjetische Gefangenschaft. In einem geschlossenen Fahrzeug fuhr er an den Marschkolonnen der ungefähr 91.000 Überlebenden seiner Armee vorbei. Hitler tobte, ein deutscher Generalfeldmarschall ergebe sich nicht. Die Kapitulation und den anschließenden Marsch in die Kriegsgefangenschaft kommentierte er mit den Worten:

"Wie leicht hat er es sich gemacht!...Der Mann hat sich totzuschießen, so wie sich früher die Feldherren in das Schwert stürzten, wenn sie sahen, dass die Sache verloren war."

Hitlers Hoffnung, der Geehrte würde den Freitod der Gefangennahme vorziehen, erfüllte sich nicht, Paulus hatte seinen Stäben versichert:

"Den Gefallen tue ich ihm nicht."

2. Februar 1943

Zwei Tage nach Paulus' Kapitulation ergab sich auch der Nordkessel unter General Strecker. Eine Dreiviertelstunde später verließ ein letztes Lebenszeichen der 6. Armee den Kessel:

"Der Russe dringt kämpfend in Traktorenwerk ein, es lebe Deutschland".

Zusammengestellt von: Dusko Vukovic


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