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Haus Tivoli: Als die Sozialdemokratie einig war

Haus Tivoli in Gotha - die Wiege der deutschen Sozialdemokratie. Hier schlossen sich vor 128 Jahren die radikale Sozialdemokratische Arbeiterpartei und der gemäßigte Arbeiterverein Lassalles zur SPD zusammen.

Die Sozialdemokratie steht vor einer Bewährungsprobe. Seit Jahren bekämpfen sich die beiden Flügel der Sozialdemokratie, diskutieren über Sozialismus und Gerechtigkeit. Doch die angespannte Wirtschaftslage und der politische Druck führen dazu, dass sie sich einigen. Das Szenario stammt nicht etwa aus diesen Tagen - es liegt 128 Jahre zurück. 1875 schlossen sich in Gotha im Haus Tivoli die von August Bebel und Wilhelm Liebknecht gegründete Sozialdemokratische Arbeiterpartei, die "Eisenacher", und der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein von Ferdinand Lassalle zusammen. Das Tivoli gilt als die Wiege deutscher Sozialdemokratie.

Die SPD steht auch in diesem Sommer vor dem Spagat zwischen Geschichte und Fortschritt. Sie bekannte sich zwar zur Reform-Agenda 2010. Der linke Flügel warnt aber vor Einschnitten. Und SPD-Generalsekretär Olaf Scholz entfachte die Grundsatzdebatte um den Begriff des Sozialismus neu. "Im 21. Jahrhundert müssen wir die Blickrichtung wechseln", sagt er. Das wäre für die Partei-Linke eine Aufgabe der Grundwerte der SPD.

Gothaer Programm - ein Kompromisspapier

Als sich die Sozialdemokratie 1875 einigte, beschlossen die Delegierten das Gothaer Programm. Es wurde weltbekannt, weil Karl Marx und Friedrich Engels das Papier kritisierten. Diese Einigung, prophezeiten sie, sollte nicht einmal ein Jahr dauern. Das Gothaer Programm war auch in den eigenen Reihen umstritten. Es war ein Kompromiss und bestand zum großen Teil aus dem Programm der Eisenacher, machte aber Zugeständnisse an die Lassalleaner. Die Arbeit wurde als alleinige Quelle allen Reichtums definiert. Die Arbeitsmittel sollten in Gemeingut verwandelt werden.

Das Tivoli wirkt heute unscheinbar. In Sichtweite des Schlosses Friedenstein beherbergt die frühere Gastwirtschaft, die 1830 erbaut wurde, eine Gedenkstätte und den SPD-Kreisverband. Besucher sind rar: "Man kommt hier normalerweise nicht vorbei", sagt die Vorsitzende des Fördervereins Gothaer Tivoli, Kathrin Dziallas. "Es ist gelungen, Einigkeit in der Arbeiterbewegung herzustellen. Deswegen muss das, was hier passiert ist, wach gehalten werden."

Ein Anbau aus DDR-Zeiten wurde abgerissen. Nun soll das Haus, das der Stadt gehört, saniert werden. "Insgesamt tut sich die Partei ein bisschen schwer mit der Vermarktung", sagt Hans-Jürgen Witt vom Förderverein.

Gotha als traditionsstiftendes Symbol

Für Thüringens SPD-Chef Christoph Matschie symbolisiert das Tivoli die Geburtsstunde der Sozialdemokratie. "Schon in Gotha war auch klar, dass das in einem gewissen Spannungsverhältnis ist", sagt der 42-Jährige, der im SPD-Stammland an die Historie anknüpfen und bei der Landtagswahl 2004 Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) ablösen will. Im Gegensatz zur Partei-Linken befürchtet er nicht, dass die SPD ihre Traditionen verlässt. "Die Welt hat sich seit 1875 verändert."

SPD-Vize Wolfgang Thierse warnt vor einer Streichung des Begriffes Sozialismus. "Die richtigen Erkenntnisse für die heutige Zeit sind immer auch ein Ergebnis eines Lernprozesses, der die Vergangenheit mit der Zukunft verbindet." Es gebe keinen Grund, einem Begriff eine Absage zu erteilen, wohl aber sei seine Bedeutung historisch einzuordnen.

Genervte Mitglieder

Die Parteibasis ist wegen der Reformpläne verunsichert. "Jeden Tag gibt es neue Meldungen. Das nervt die Mitglieder", sagt das Gothaer SPD-Mitglied Henning Glock. Die SPD-Politikerin Dziallas spricht von einigen Austritten. Parteichef und Bundeskanzler Gerhard Schröder kämpft jedoch für die Reformen.

Er gab zum 125-jährigen Jubiläum 2000 im Tivoli die Parole heraus: "Kurs halten, das heißt nicht, dass es verboten ist, den Kompass gelegentlich durch einen neuen, genaueren zu ersetzen. Vorausgesetzt, das Magnetfeld stimmt noch. Und dieses Magnetfeld sind unsere programmatischen Grundwerte."

Der Geist von Gotha scheint aber zu verbleichen - die roten Fahnen auf einem Porträt von Liebknecht im Tivoli sind längst nicht mehr rot.

Marc-Oliver von Riegen / DPA