Napoleon Bonaparte Eine Jahrtausendkarriere


Wie Jeanne d'Arc vor und Charles de Gaulle nach ihm - für die Franzosen ist der kleine Korse ein großer Held. Vor rund 200 Jahren putschte sich Napoleon an die Macht, überzog Europa mit Kriegen und träumte von einem Weltreich.
Von Dusko Vukovic

Napoleon I. Bonaparte (1769-1821) weckt Emotionen, ruft Bewunderung und gleichzeitig Entsetzen hervor. Zahllose Historiker und Schriftsteller haben sich mit dem Mythos Napoleon beschäftigt. Zehntausende Bücher wurden über den kleinen Korsen (1, 68 Meter) geschrieben. Gleich nach dem Heiland ist der Feldherr mit rund 200 Werken die am meisten verfilmte Figur der Geschichte. Allein in der Zeit des Zweiten Weltkrieges drehten Briten, Sowjets und Nazis ("Kolberg", 1945) je eine Version über Napoleon.

Eine nationale Kultfigur, die im Fernsehen, Theater und in Zeitschriften neue Höhepunkte erlebt. "Napoleon gehört mit Johanna von Orleans und Charles de Gaulle zu den wenigen nationalen Ikonen, die das Showgeschäft ausnutzen kann", sagt der Soziologe Emmanuel de Waresquiel über die "Napoleomanie", die zurzeit in Frankreich herrscht. Zwar sind in der Hauptstadt weder Straßen noch Plätze nach ihm benannt, doch sein Geist ist in vielen Strukturen noch lebendig: Er hat die Zentralbank "Banque de France" gegründet, das Amt des Präfekten geschaffen und die Auszeichnung "Legion d’honneur". Sein Werk ist auch der Triumphbogen am Ende des Prachtboulevards der Champs Elysees.

Bewunderung und kitschige Verklärung


Der aktuelle Blick auf ihn ist geprägt von Bewunderung und kitschiger Verklärung. Eine französische Leidenschaft eben, die diesmal schon lange vor dem nächsten runden Jubiläum im Jahr 2004, am 200. Jahrestag der Kaiserkrönung, aufflammt. Jenem Tag also am 2. Dezember 1804 in der ehrwürdigen Kathedrale Notre-Dame zu Paris und nicht wie die Bourbonen traditionell in Reims, als der Feldherr mit cäsarischem Pomp und im Beisein von Papst Pius VII. sich in das von ihm selbst erfundene Amt des empereurs, des "Imperators", beförderte.

Bengalische Feuer leuchteten bereits am Vorabend von den Hügeln der Stadt, Musikkorps durchzogen die Straßen, Artilleriesalven kündeten von der Würde des bevorstehenden Festtages. Und Bonaparte weiß sein Geschäft zu machen: Neun Franc Eintritt sollen die neugierigen Pariser zahlen, doch mindert das den großen Andrang vor Notre-Dame nicht. Frostklar war jener Sonntag, als Napoleon und Josephine gegen 11 Uhr 45 unter den Klängen des Doppelorchesters mit 460 Musikern die Kathedrale betreten. Fast vier Stunden dauert, nach der Inthronisation dröhnen die Gewölbe unter der hundertfachen Wiederholung des Rufes "es lebe der Kaiser".

Ein Phänomen wie Napoleon endgültig zu beschreiben und zu bewerten, erweist sich auch im Licht einer fortgeschrittenen Geschichtswissenschaft als schwierig. In der neueren Forschung überwiegt eine kritische Betrachtungsweise. Napoleon habe, behauptet etwa der Historiker Georges Lefebvre, der Vorreiter der strukturgeschichtlichen Geschichtsforschung, kein Hauptziel angestrebt, sondern eine ziellose Eroberungspolitik betrieben, um zu persönlichem Ruhm zu gelangen. Andere, wie Napoleon-Biograf Jean Tulard, sehen ihn am Anfang einer Reihe autoritärer Herrscher, als "mythischen Retter", der typisch sei in der französischen Geschichte und bis de Gaulle reiche (Bonapartismus), während in der deutschen Forschung die napoleonische Zeit vor allem mit dem Begriff "Fremdherrschaft" verbunden wird.

Was trieb ihn an, welches Ziel verfolgte der "kleine Gefreite", der mit 24 Jahren bereits General war und einst freimütig bekannte: "Ich wäre lieber in irgendeinem Dorf der Erste als in Paris der Zweite", der aus den staubigen Straßen Ajaccios auszog, um Europa zu erobern, es in seinen Fundamenten erschütterte, um am Ende alles zu verlieren? "Seine Vision hieß ein vereinigtes, freiheitliches und friedliches Europa. Und somit war er seiner Zeit weit voraus", heißt es etwa schwärmerisch beim ZDF bezüglich des TV-Vierteilers "Napoleon", der gerade ausgestrahlt wurde. Wohl ein wenig zu viel der Ehre. Vor lauter Begeisterung besteht die Gefahr, dass es bei der Verfilmung der Lebensgeschichte des korsischen Feldherrn, dessen zahllose Kriege Millionen Menschenleben kosteten und der auch privat über Leichen ging, allzu sehr menschelt.

In den Fußstapfen Alexanders des Großen

Napoleon Bonaparte, der Herrscher, der mit der Französischen Revolution zum "republikanischen Kaiser" aufstieg und sich schon in den Fußstapfen Alexanders des Großen wähnte, in den winterlichen Steppen Russlands seine "Grande Armee" verlor und schließlich der Ächtung und Verbannung anheim fiel, gehört zu den umstritteneren Persönlichkeiten der europäischen Geschichte. Während er beinahe den ganzen Kontinent in Brand setzte und Frankreich wie Cäsar einst das antike Rom regierte, trug er Entscheidendes zur Modernisierung der europäischen Staaten bei. Und das nicht nur mit großen Gesten.

Er zerstörte das Europa des Ancien Regime und verhalf dem modernen Staats- und Nationsgedanken zum Durchbruch. In Frankreich prägte er die Verwaltungs-, Finanz- und Rechtsorganisation zum Teil bis heute.

Seine bedeutsamste und folgenreichste Neuerung war die Einführung des Code Civil, ein bürgerliches Gesetzbuches, nach seinem Urheber auch Code Napoleon genannt. Es führte zu einer Vereinheitlichung des Rechtswesens und fixierte wichtige Errungenschaften der Revolution, etwa die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz und die Religionsfreiheit. In der Praxis waren diese Grundrechte allerdings erheblich eingeschränkt, obrigkeitliche Willkür, Verfolgung und Zensur standen auf der Tagesordnung. Und in der Gedankenwelt des empereurs sah es nicht unbedingt besser aus: "Die Gesellschaft braucht eine strenge Justiz; darin liegt die Humanität des Staates, alles andere ist Humanität der Opernbühne".

Napoleons Niedergang


Als Napoleon nach den Siegen von Austerlitz (1805), Jena und Auerstedt (1806/07) auf dem Höhepunkt seiner Macht angelangt war, begann sein Niedergang sich bereits abzuzeichnen. Ursache dafür war das zunehmende Nationalbewusstsein in den eroberten Staaten Europas, das Napoleon nicht zuletzt selbst durch die Einführung des Code Civil und die Verbreitung der Revolutionsideale heraufbeschworen hatte. Andererseits trug der hartnäckige Widerstand Großbritanniens, das vor dem Hintergrund seiner Vorherrschaft zu See immer wieder neue Koalitionen gegen Napoleon organisierte, zum Sturz des Korsen bei. Legendär die Seeschlacht von Trafalgar im Jahre 1805, in der die französisch-spanische Armada von Admiral Nelson vernichtend geschlagen wurde. Schmachvoll auch die Niederlage in der Entscheidungsschlacht von Waterloo 1815, die Napoleons Schicksal endgültig besiegeln sollte.

Die völlige Erschöpfung der finanziellen Ressourcen durch die häufigen Kriege, die rigorose Steuerpolitik und gefürchtete Strenge der Polizeiherrschaft hatten Napoleon zusehends bei der heimischen Bevölkerung in Misskredit gebracht. Der verlustreiche Rückzug seiner Truppen im russischen Winter 1812 brachte sie weiter gegen ihn auf und rief nun auch die europäischen Herrscher auf den Plan. Dieser aus Preußen, Russen, Österreichern, Engländern und Schweden bestehenden Übermacht erlag das napoleonische Heer schließlich trotz heftiger Gegenwehr in der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813. Die Schlacht, bis zu diesem Zeitpunkt die größte der Weltgeschichte, markierte den Beginn des Zusammenbruchs der napoleonischen Herrschaft in Europa.

Immer mehr hatte Napoleon sich zu einem weltfremden Zyniker entwickelt, der die Opfer der Kriege verspottet, sich irdischen Freuden wie zahlreichen Affären hingibt, den Kontinent zuletzt wie eine Kolonie behandelt und ihn schließlich auch eint: gegen sich selbst, Europas Hauptfeind Nummer eins. Er wurde zum Opfer seiner eigenen Weltmachtsphantasie und war am Ende nicht mehr als seine eigene Legende.

Dass diese bereits zu seinen Lebzeiten entstanden ist, wurde zweifellos durch seine militärischen Erfolge als Feldherr und den Pomp, mit dem der selbst ernannte Kaiser sich zum Begründer einer Blütezeit Frankreichs stilisierte, begünstigt. In der Verbannung auf Sankt Helena wurde sie von ihm selbst dahingehend genährt, dass er die Errungenschaften der Französischen Revolution bewahrt und Europa ihre Segnungen beschert habe. Doch bei so viel Selbsthuldigung geht auch einiges unter. Kaum jemand erinnert heute an die Wiedereinführung der Sklaverei, kaum jemand spricht über das Verbot von Arbeitervereinigungen, über die Vertreibung von Intellektuellen, vergessen auch ein Code civil, der festlegte, dass Männer über "ihre" Frauen und Töchter bestimmen.

Restauration der alten Monarchien


Trotz seiner teils tyrannischen Herrschaft, die den Zielen der Revolution zuwiderlief, trifft Napoleons Einschätzung in gewissem Maße zu. Auf dem Wiener Kongress 1814/15 erreichten die Siegermächte eine weitgehende Restauration der alten Monarchien und unterdrückten die aufkeimenden Emanzipationsbewegungen mit rigiden Gesetzen. Das Ideengut bürgerlicher Reformen war jedoch durch Napoleons Eroberungszüge weit verbreitet worden, und so gehen die Julirevolution in Frankreich 1830 und die Märzrevolution in Deutschland 1848 indirekt auf sein Wirken zurück.

Er war Emporkömmling und zugleich Herrscher von Natur, besaß immensen Ehrgeiz und unbeirrbares Selbstvertrauen, dämonische Leidenschaft stand neben schärfstem Intellekt. Ideenreich als Staatsmann und siegreich als Feldherr verstand es Napoleon, alle Möglichkeiten der Revolution in den Dienst seiner persönlichen Ziele zu zwingen, denen aber zunehmend Maß und innere Bindung fehlten. Er wurde der Vollstrecker und der Überwinder der Revolution und dehnte ihren Gehalt auf ganz Europa aus. So wurde sein Wirken als Kraft der Zerstörung und als Kraft des Aufbaus eine der Voraussetzungen der modernen europäischen Geschichte. Die Polemik, ob er ein Stratege oder ein Schlächter, ein Befreier oder ein Unterdrücker war, ist wohl so alt wie der Mythos Napoleon selbst. Eine Person eben, über die sich endlos streiten lässt.


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