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Nationalsozialismus: Ein würdiges Grabmal für die Toten von Belzec

Wer einmal durch die Lagertore marschieren musste, war praktisch dem Tode geweiht. Nahe des polnischen Dorfes Belzec hatten die Deutschen ihr wohl "effektivstes" Todeslager errichtet. Nun sollen die Toten ein würdiges Grabmal bekommen.

Weltweit steht der Name Auschwitz für den nationalsozialistischen Massenmord an sechs Millionen europäischen Juden. Der Ortsname Belzec dagegen sagt vielen Menschen gar nichts. Dabei hatten die Deutschen in den Wäldern des ostpolnischen Dorfes an der Bahnstrecke von Lublin nach Lemberg (Lwow) ihr wohl "effektivstes" Todeslager errichtet.

Die genaue Zahl der Opfer wird nie bekannt sein - zwischen 500 000 und 600 000 Juden wurden hier innerhalb von acht Monaten seit dem Sommer 1942 ermordet. Nach mehr als 60 Jahren sollen die Toten nun endlich ein würdiges Grabmal bekommen. Doch das Denkmal, das derzeit gebaut wird, hat einen theologischen Streit unter Rabbinern ausgelöst.

Lagergelände jahrzehntelang vernachlässigt

"So schnell konnten die Deutschen selbst in Auschwitz-Birkenau nicht morden", sagt Michael Schudrich, der Rabbiner von Warschau und Lodz. Doch anders als in Auschwitz sind Besucher hier, nahe der ukrainischen Grenze, selten. Jahrzehntelang war das Lagergelände vernachlässigt. Über die Massengräber verliefen Trampelpfade, auf denen die Einwohner des Dorfes Belzec ihre Wege abkürzten.

Wer einmal durch die Lagertore marschieren musste, hatte praktisch keine Überlebenschance. Wie das nahe gelegene Sobibor war Belzec ein Lager für die "Endlösung". Anders als in Auschwitz gab es keine Niederlassungen großer Betriebe, die von der Zwangsarbeit der Häftlinge profitierten, bis sie zu schwach zum Arbeiten waren. Einziger Zweck des Lagers war der Massenmord. Als die Deutschen den Rückzug antreten mussten, versuchten sie, Spuren zu verwischen. "Überall in der Erde sind Asche und Knochensplitter, werden durch den Wind freigelegt", sagt Schudrich.

Gerade deshalb ist es wichtig, beim Bau des Denkmals für die Opfer von Belzec die Halacha, das jüdische Religionsgesetz, genau zu beachten. Denn die Ruhe der Toten darf nicht gestört werden. Schudrich und seine Mitarbeiter überwachen daher die Arbeiten an dem Denkmal, das Ende des Jahres fertig sein soll. Dann soll eine Mauer von der Rampe zum Museum der Gedenkstätte führen.

Vorwurf der Grabschändung

Nach den Plänen der drei polnischen Künstler, die das Denkmal geplant haben, soll das Gräberfeld mit einer 50 Zentimeter dicken Erdschicht bedeckt werden, um die Totenruhe zu schützen. Ein Pfad soll Besucher zu den Gräbern führen - und hier regt sich der Widerstand eines New Yorker Rabbiners, der den Befürwortern des Denkmals die Schändung der Gräber vorwirft.

Durch die Bauarbeiten würden Gräber entweiht, meint Avi Weiss. Schudrich widerspricht. Polnische Archäologen hätten die Begrenzung der einzelnen Grabfelder vor Jahren ermittelt. Dabei sei mit Erdbohrungen zwar gegen die Halacha verstoßen worden. "Aber das ist damals nun mal passiert, und wir können es nicht mehr ändern."

Polnisch-amerikanisches Gemeinschaftsprojekt

Das Denkmal ist ein gemeinsames Projekt der polnischen Regierung und des Amerikanischen Jüdischen Komitees (AJC). Dass Weiss nicht nur in Polen heftig gegen den Bau des Mahnmals protestiert hat, sondern auch vor einem US-Gericht Klage gegen das AJC eingereicht hat, verwundert nicht nur den Londoner Rabbiner Elayakim Schlesinger, Vorsitzender des Komitees für Jüdische Friedhöfe in Europa. "Es ist schockierend, dass Personen ohne Verbindung zur Rettung jüdischer Friedhöfe ungerechte Hindernisse schaffen", betonte er in einer Stellungnahme.

Zwei Schwestern, die sich während des Transportes durch einen Sprung aus dem Viehwaggon retten konnten und nun in den USA leben, erfuhren durch Veröffentlichungen in jüdischen Medien über den theologischen Streit, berichtet Schudrich. Die Frauen reagierten prompt: "Sie haben in einem Brief gleich einen Scheck über 28 000 Dollar geschickt, um beim Bau des Denkmals zu helfen."

Eva Krafczyk / DPA