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Nürnberger Prozesse: "Ich hasse den Hass"

Hermann Göring bestand stets auf ihn als Übersetzer. Der aus Deutschland geflohene Jude Richard W. Sonnenfeldt kehrte als US-Soldat nach Deutschland zurück und wurde Chef-Dolmetscher bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen.

Richard W. Sonnenfeldt war 15, als er 1938 nach England flüchtete. Auf abenteuerliche Weise gelangte der Sohn einer jüdischen Arztfamilie später in die USA. 1945 kehrte er als Soldat der US-Streitkräfte nach Deutschland zurück. Später wird er Chefdolmetscher bei den Nürnberger NS-Prozessen - Hermann Göring bestand stets auf ihn als Übersetzer. Jetzt hat Sonnenfeldt seine Lebensgeschichte geschrieben. "Mehr als ein Leben" heißt die Biografie des heute 80-Jährigen, die er auf der Frankfurter Buchmesse vorstellt.

Seine Enkelin gab den Anstoß

Es war seine Enkelin, die vor einigen Jahren den Anstoß für das Buch gab: Sie musste für die Schule einen Aufsatz über Einwanderer schreiben, kam zu ihrem Opa und sagte: "Du bist der einzige Einwanderer, den ich kenne." Verwandte und Freunde lasen den Aufsatz des Mädchens und rieten Sonnenfeldt, seine Geschichte aufzuschreiben. Er selbst hatte damals eigentlich kein großes Interesse: Seine Jugend in Deutschland war lange her, deutsche Freunde und Verwandte gab es nicht mehr, und "das, was später kam, war so viel aufregender", sagt er. Sonnenfeldt hatte nach dem Krieg in den USA Karriere gemacht als Elektroingenieur und war maßgeblich an der Erfindung des Farbfernsehens beteiligt.

Ein weiteres Ereignis kam hinzu: Die Gemeinde Gardelegen bei Berlin, in der Sonnenfeldt aufgewachsen war, knüpfte Kontakt zu ihm. Nach anfänglichem Zögern reiste er hin und wurde dort mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Erinnerungen kamen zurück. "Ich habe keine alten Freunde in Gardelegen, aber neue", sagt er heute.

Die Beschuldigten nicht gehasst

Sonnenfeldt hatte Deutschland und den Deutschen gegenüber nie Hass gehegt. "Schuld kann nicht vererbt werden", sagt er und: "Ich hasse den Hass." Auch die Beschuldigte in den Nürnberger Prozessen, denen er gegenüber saß, hat er nicht gehasst, "eher verachtet". Seine damalige Tätigkeit sieht er auch heute noch vor allem professionell. "Ich war in Nürnberg als eine Art Beamter des Gerichts", erklärt er. Seine Rolle sei es gewesen, zu prüfen, ob die Beschuldigten nur Zeugen gewesen seien oder ob sie angeklagt gehörten. "Es wurden nicht alle angeklagt", betont er, und er sagt auch: "Nicht jeder Verbrecher ist von vorneherein unsympathisch."

Er sei damals erst 22 Jahre alt gewesen, erzählt Sonnenfeldt, und wie ein Schwamm habe er alles aufgesogen, was er erlebt habe. Er sei eifrig bemüht gewesen zu verstehen, wie Hitler und der Holocaust hatten passieren können. Fand er eine Antwort? Es sei wohl ein Hexengemisch aus vielen Sachen gewesen, sagt Sonnenfeldt, zum Beispiel die damalige wirtschaftliche Situation, das Gefühl der Schmach als Folge des Versailler Vertrags, aber auch der Drang zur Gehorsamkeit der Deutschen.

Angst vor einer Wiederholung der Geschichte

Die Reaktion auf rechtsextremistische Straftaten in Deutschland sei als Folge der Vergangenheit eine ganz andere als auf solche beispielsweise in den USA, erklärt Sonnenfeldt. Man habe Angst vor einer Wiederholung der Geschichte. Dabei gebe es prozentual in den USA wahrscheinlich mehr Rechtsextremisten als in Deutschland. Es gebe auch Rassenhass und Antisemitismus. Leute, die gegen das Gesetz verstießen, würden bestraft und kämen ins Gefängnis, es werde als eine Art politische Verirrung betrachtet - "es ist nicht dieselbe Aufregung wie in Deutschland".

Dass auch die Deutschen nach dem Krieg gelitten hätten, sei ihm sehr bewusst, sagt Sonnenfeldt in Bezug auf aktuelle Diskussionen über Vertreibung, die Zerstörung deutscher Städte bei Luftangriffe oder Berichte über Gräueltaten der Sowjetarmee. "Ich habe keinen Zweifel, dass die Deutschen auch Opfer von Hitler wurden." Aber es sei Hitler gewesen, der einen Angriffskrieg gestartet habe, und "wenn ein Krieg begonnen hat, gibt es keine Grenzen mehr". Es habe 1933 niemanden gegeben, der es gewagt habe, gegen Hitler aufzustehen, sagt Sonnenfeldt und spricht von der "Abwesenheit von Zivilcourage". Verantwortung zu zeigen, sei aber eine "menschliche Pflicht".

Susanne Gabriel