Ramstein Fataler Kunstflug


Die Bilder werden weder die Opfer selbst, noch die Zuschauer, die das Ereignis später im Fernsehen verfolgten, je vergessen: Bei einer Flugschau 1988 auf dem US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein starben nach einer Kollision am Himmel 70 Menschen.

Der Namen des pfälzischen Ortes Ramstein steht für eines der schrecklichsten Unglücke in der Geschichte der Luftfahrt. Bei einer Flugschau auf dem US-Luftwaffenstützpunkt 1988 starben 70 Menschen, mehr als 400 wurden verletzt. Am 28. August jährt sich die Katastrophe zum 15. Mal. Ein Jahrestag, vor dem sich viele Betroffene bis heute fürchten.

Feuerball in der Zuschauermenge

Die Bilder werden weder die Opfer selbst, noch die Zuschauer, die das Ereignis später im Fernsehen verfolgten, je vergessen: Am Himmel über dem Gelände der Flugschau, auf dem sich rund 300.000 Zuschauer versammelt hatten, kollidieren drei Flugzeuge der italienischen Kunstflugstaffel Frecce Tricolori. Eine der Maschinen, eine Airmacchi MB.339A, rast als Feuerball mitten in die Zuschauermenge. Die beiden anderen stürzen in ein Waldstück beziehungsweise auf die Rollbahn. In der Feuerwalze aus brennenden Kerosin und der Druckwelle der Explosion sterben insgesamt 70 Menschen, darunter auch viele Eltern mit ihren Kindern. Mehr als 400 weitere erleiden Verbrennungen und andere Verletzungen.

Psychische Schäden bei den Überlebenden

Aber auch viele Helfer, die an den Ort des Unglücks gerufen werden und dort Erste Hilfe leisten, können die Schreie und den Schrecken der Katastrophe nicht vergessen. Einige leiden noch Jahre später an so genannten posttraumatischen Belastungsstörungen, werden von Angstattacken und Schlafstörungen und Depressionen gequält. "Manche haben nach dem Unglück nie wieder richtig Fuß fassen können", sagt Sybille Jatzko, die als Therapeutin bis heute die Nachsorge-Gruppe für Opfer und Hinterblieben von Ramstein mitbetreut. Der Gruppe, in der sich Betroffene regelmäßig zum Erfahrungsaustausch und zu Gedenkveranstaltungen treffen, gehören rund 250 Leute an.

Menschliches Versagen als Unfallursache

Als Absturzursache wurde später ein Pilotenfehler ermittelt: Menschliches Versagen bei einem riskanten Flugmanöver in geringer Höhe. Es wurden aber auch Vorwürfe gegen die Organisatoren der Flugschau laut. Die Sicherheitsvorkehrungen seien mangelhaft gewesen, heißt es.

Seit Ramstein finden Flugschauen in Deutschland daher nur noch eingeschränkt statt. Showelemente sind tabu und auch die Sicherheitsvorkehrungen wurden drastisch erhöht. So dürfen Zuschauer mittlerweile nicht mehr direkt überflogen werden. Und auch die Flugbahn der Maschinen darf in ihrer Verlängerung nicht auf das Publikum weisen. Die Vorschriften gelten für Tage der offenen Tür bei der Luftwaffe, aber auch die in Deutschland stationierten alliierten Luftstreitkräfte halten sich an die Bestimmungen.

In anderen Länder sind die Vorschriften jedoch weniger streng: So starben im Juli 2002 bei einer Flugschau im der westukrainischen Stadt Lwiw (Lemberg) 70 Menschen, als ein Kampfflugzeug in eine Zuschauermenge stürzt und explodiert. Mehr als 100 Menschen wurden verletzt. In Deutschland wurde daraufhin diskutiert, Flugschauen ganz zu verbieten.

Viele Schadensersatzforderungen noch offen

Und auch juristisch hat die Flugzeugkatastrophe ein Nachspiel: Mehr als 14 Jahre nach dem Unglück reichten die Anwälte der Opfer von Ramstein im Frühjahr und Sommer 2002 Schadensersatzklagen gegen die Bundesrepublik Deutschland ein. Ihr Ziel: Erstmals in Deutschland soll auch für seelische Spätfolgen Entschädigung geleistet werden. Unter den rund 100 Klägern sind auch ehemalige Rettungskräfte, die in Ramstein im Einsatz waren, und Menschen, die bei der Katastrophe nahe Angehörige verloren haben. Bei vielen wurde erst Jahre später von dem Unglück ausgelöste posttraumatische Belastungsstörungen diagnostiziert - was die Frage nach der Verjährung der Schuld aufwarf. Ein Urteil steht noch aus. Die Überlebenden des Absturzes hatten damals die für körperlichen Schäden üblichen Entschädigungen erhalten, an einige Hinterbliebene wurden Zahlungen bis maximal 3.000 Mark geleistet.

Zum anstehenden Jahrestag sind auf dem Luftwaffenstützpunkt und der benachbarten Gedenkstätte in Ramstein Gedenkveranstaltungen geplant, zu dem die Veranstalter mindestens 300 Angehörige erwarten. Auch in Rimini, wo die Frecce Tricolori stationiert war, und die ausgebrannten Wracks der Unglücksmaschinen ausgestellt sind, wird dem Unglück gedacht: "Die Piloten haben genauso ihr Leben verloren wie die übrigen Opfer", sagt Therapeutin Jatzko, die in diesem Jahr nach Rimini fahren will. "Auch ihre Familien wurden auseinander gerissen."

Mirjam Söchtig DPA

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