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Rote Armee Fraktion: "Die Mörder leben unter uns"

Als Deutschland anfing aufzuatmen, überzog die RAF der dritten Generation vor 20 Jahren die Republik mit einer neuen Welle der Gewalt. Bis heute ist von den zehn folgenden Morden nur einer vollständig aufgeklärt.

Deutschland atmete auf. Brigitte Mohnhaupt, Christian Klar, Helmut Pohl und andere saßen in Haft. Die Fahndungsplakate mit den Köpfen der zweiten Generation der Roten Armee Fraktion (RAF) wurden in Postämtern und Polizeiwachen nicht mehr gebraucht. Da fährt ein Audi 80 durch den winterlichen Passionsspielort Oberammergau. Sein Ziel: die am Fuß eines Berges ansässige NATO-Schule. Im Kofferraum eine 25-Kilo-Bombe.

Mit einer gewaltigen Explosion sollte an diesem Samstag vor 20 Jahren der Terror der dritten RAF-Generation beginnen. Ein technischer Fehler verhindert die Detonation der Bombe. Doch die bereits befürchtete neue Welle von Morden, Brand- und Sprengstoffanschlägen rollt von nun an durch Deutschland. Bis heute ist von den zehn folgenden Morden nur einer vollständig aufgeklärt.

Von Zimmermann bis Rohwedder

1. Februar 1985: Der Rüstungsindustrielle Ernst Zimmermann wird bei München erschossen. 10. Oktober 1986: Ministerialdirektor Gerold von Braunmühl wird in Bonn mit derselben Smith & Wesson wie neun Jahre zuvor Hanns Martin Schleyer erschossen. 1989 wird Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen in die Luft gesprengt. Von den Tätern fehlt jeweils bis heute jede Spur. Nach dem Mord an Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder 1991 finden die Ermittler am Platz des Schützen immerhin ein Haar. Zehn Jahre später wird es mittels Genanalyse Wolfgang Grams zugeordnet.

"Es ist überraschend, wie kriminalistisch perfekt die RAF vorgegangen ist, so dass es nur zwei Verurteilungen gab, obwohl Tausende Polizisten im Einsatz waren", sagt der Berliner Autor und Anwalt Butz Peters. Peters dokumentiert die Geschichte der RAF, darunter die Taten der dritten Generation, in seinem neuen Buch "Tödlicher Irrtum" umfassend. Aus der dritten Generation werden nur Birgit Hogefeld und Eva Haule verurteilt.

GSG-9-Einsatz voller Pannen

1993 wird Grams auf dem Bahnhof von Bad Kleinen bei einem GSG-9-Einsatz voller Pannen erschossen. Terrorist Horst Meyer wird 1999 in Wien tödlich getroffen. Nach drei weiteren Verdächtigen sucht das Bundeskriminalamt bis heute mit dem Zusatz: "Vorsicht: Es ist davon auszugehen, dass die Gesuchten bewaffnet sind!" Anderen kann nichts nachgewiesen werden. Einzelne Täter blieben vielleicht unbekannt. "Die Mörder leben unter uns", sagt Peters.

Die vielen Rätsel sind ein Grund für die ungebrochene Legendenbildung rund um die RAF, etwa in Büchern wie "Das RAF-Phantom", das die Morde Geheimdiensten in die Schuhe schiebt. Filme und Mode sahen RAF-Symbole, eine Figur wie Andreas Baader und das RAF-Gangsterleben der ersten Generation zuletzt manchmal unbeschwert bis ehrfürchtig.

Vorwurf der Glorifizierung

Nach der Ankündigung der ernsthaften Kunstausstellung "Mythos RAF" in Berlin wurde den Ausstellungsmachern in einer riesigen Debatte 2003 andererseits Glorifizierung des Terrors vorgeworfen. Unter einem unverfänglichen Titel soll die Ausstellung nun am 29. Januar beginnen. An diesem Samstag ist dafür eine Kunstauktion bei Ebay geplant, um zu vermeiden, dass öffentliche Mittel benötigt werden. Gerade Staatsgeld für die RAF-Schau war ein Stein des Anstoßes.

Vor allem gibt es aber bis heute eine Debatte über die politischen Motive der RAF. War Deutschland vor allem in den 60ern und Anfang der 70er nicht sehr verknöchert? Ist die soziale Ungerechtigkeit daheim und gegenüber den Entwicklungsländern nicht ein Grund für Radikalisierung? Der Sozialforscher Jan Philipp Reemtsma hielt dem kürzlich in einem Interview entgegen: "Es wird beim Reden über die RAF oft übersehen, dass Menschen nicht Gewalt ausüben, weil sie ohnmächtig sind, sondern weil sie in der Gewalt ihre Macht genießen."

Basil Wegener/DPA / DPA