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Rumänien: Revolution voller Rätsel

Als Nicolae Ceausescu am 22. Dezember 1989 in Panik per Hubschrauber aus Bukarest floh, waren die Piloten bereits im Bund mit den Revolutionären. Auch 15 Jahre danach ist unklar, wie der Sturz der Diktatur zustande gekommen ist.

Nach der Serie der "samtenen" Revolutionen im Wendejahr 1989 kam das Ende des Kommunismus in Rumänien gewaltsam und blutig. Warum der Umsturz hier im Dezember 1989 mit vielen Todesopfern einherging, und warum Diktator Nicolae Ceausescu und seine Frau Elena in einem international kritisierten Verfahren hingerichtet wurden, ist auch 15 Jahre danach unklar. Denn die Archive der gefürchteten früheren kommunistischen Geheimpolizei Securitate sind noch immer nicht vollständig geöffnet. Zudem haben wichtige Akteure noch nicht alles gesagt, darunter Ion Iliescu, der damals die Macht übernahm. Der 74-jährige Iliescu beendet nun sein drittes und letztes Mandat als Staatspräsident Rumäniens.

Initialzündung in Temeswar

Zur Initialzündung kam es am Abend des 16. Dezember in der westrumänischen Stadt Temeswar (Timisoara), als sich Demonstranten vor dem Haus des ungarisch-protestantischen Pastors Laszlo Tökes versammelten. Sie protestierten gegen die von den kommunistischen Behörden angeordnete Versetzung des Pastors. Die Kundgebung entwickelte sich zu einer Demonstration gegen Ceausescu. Es folgten Attacken auf Schaufenster von Buchhandlungen, in denen die Werke Ceausescus auslagen, danach tagelange Straßenkämpfe mit der Armee, verstärkt durch zusätzliche Truppen, die Ceausescu nach Temeswar schickte.

Die Kampfstimmung verbreitete sich im ganzen Land. Am 22. Dezember versuchte Ceausescu seine Situation zu retten, indem er eine Volksversammlung vor dem Bukarester Gebäude des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei einberief. Dort versprach er die Verbesserung der Lebenslage für das ausgehungerte Volk. Zum ersten Mal in seinem Leben wurde er dabei ausgepfiffen. In Panik floh er per Hubschrauber. Doch die Piloten waren bereits im Bund mit den Revolutionären. Iliescus "Nationale Rettungsfront" übernahm die Macht, zusammen mit der Armee. Das Ehepaar Ceausescu wurde in die Militärgarnison Tirgoviste bei Bukarest gebracht und dort am 25. Dezember 1989 in einem Schnellverfahren zum Tode verurteilt und durch Erschießen hingerichtet. Ihr damaliger Richter, Gica Popa, nahm sich Monate später das Leben.

Nach der Lesart von Iliescu wurde Ceausescu durch einen spontanen Volksaufstand gestürzt. Doch spricht vieles dafür, dass es geheime Drahtzieher gab. Denn in Rumänien existierte damals keine strukturierte Opposition, die fähig gewesen wäre, eine Revolution zu organisieren. Viele Zeitgeschichtler vermuten, dass Ceausescu-Gegner innerhalb der Securitate zusammen mit westlichen und östlichen Geheimdiensten den Funken gezündet hätten. Ein Beweis wurde dafür nicht gefunden.

Widersprüchliche Befehle

Iliescu wird vorgeworfen, damals absichtlich Chaos gestiftet zu haben, um seine handstreichartige Machtübernahme zu rechtfertigen. Er sprach damals immer wieder von "Terroristen", die für Ceausescu kämpfen. Doch hat es diese "Terroristen" nach Meinung des Militärstaatsanwalts Dan Voinea, damals Ankläger im Ceausescu-Prozess, nicht gegeben. Nach seinen Ermittlungen haben in sechs rumänischen Provinzstädten ausschließlich rumänische Soldaten geschossen, auf Grund von widersprüchlichen Befehlen. Zudem gab es die meisten Revolutionsopfer erst nach Ceausescus Entmachtung. Insgesamt 1104 Menschen starben, davon 942 nach der Flucht des Diktators vom 22. Dezember.

Kathrin Lauer/DPA / DPA