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Sankt Nikolaus: Raubzug nach kostbaren Reliquien

Seit 1087 ruht der Bischof von Myra in der italienischen Stadt - als Ergebnis eines staatlich organisierten Raubzugs. Seine Reliquien zu besitzen hieß, Tausende von Pilgern anzuziehen.

Er kommt seit Jahrhunderten am Abend des 6. Dezember und schenkt den braven Kindern Leckereien: Sankt Nikolaus. Der Brauch am Todestag des Heiligen ist so selbstverständlich in die Weihnachtszeit eingegangen, dass kaum jemand weiß, dass die Gebeine des Bischofs von Myra in Bari liegen - und zumindest ursprünglich auch nur deswegen, um Pilger und Touristen in die süditalienische Stadt zu locken und den Handel zu beleben.

"Das traditionelle Fest am 6. Dezember wird am Todestag des Heiligen Sankt Nikolaus gefeiert", erklärt Rosanna Bianco, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bari. Bianco beschäftigt sich mit der Geschichte Baris und ihrer Monumente. Denn seit 1087 ruht Sankt Nikolaus in der süditalienischen Stadt - als Ergebnis einer sozusagen staatlich organisierten Raubfahrt.

Vage Lebensdaten

"Die Daten über das Leben von Nikolaus sind sehr vage", berichtet Rosanna. "Er muss im vierten Jahrhundert nach Christus in Patara gelebt haben. Sicher ist, dass er als Bischof von Myra viele Wunder vollbracht hat." Patara und Myra waren zu diesem Zeitpunkt wichtige Städte im Reich von Byzanz, dessen Gebiete sich bis zum ersten Jahrtausend nach Christus bis nach Süditalien ausdehnten. Bari spielte damals eine sehr wichtige Rolle als Hafen und Handelsstadt. Mit der normannischen Invasion 1071 und dem Abzug der Byzantiner drohten auch die guten Handelsbeziehungen in den Südosten abzubrechen. Für die Baresi war klar: Es muss etwas geschehen.

Die Wunder von Nikolaus waren bekannt, der Heilige war um das Jahr 1000 einer der wichtigsten Heiligen der Welt. Seine Reliquien zu besitzen hieß, Tausende von Pilgern anzuziehen und den Handel mit dem Osten aufrecht zu halten. "Gemeinsam mit dem Klerus organisierte der Adel eine Raubfahrt", erklärt Rosanna Bianco. Am 09. Mai 1087 kamen die 62 italienischen Seefahrer erfolgreich von ihrer Mission zurück: Sie hatten die Gebeine des Heiligen Nikolaus aus Myra geraubt.

Pilgerstadt Bari

Eigens für diese kostbaren Reliquien wurde die Basilika San Nicola gebaut, auf den Ruinen der ehemaligen Residenz des byzantinischen Statthalters. Während der Kreuzzüge spielte Bari wieder eine sehr wichtige Rolle. Viele der Ritter und Pilger machten halt in der süditalienischen Stadt, bevor sie in das Heilige Land weiter reisten. Auch im Mittelalter nahm die Bedeutung der Stadt kaum ab. Viele Pilger schenkten Gaben, die man heute in einem Museum besichtigen kann. "Im 16. Jahrhundert wurde sogar die polnische Königin Bona Sforza in der Basilika beigesetzt", erzählt Bianca. "Genau über der Krypta, in der die Gebeine von San Nicola liegen."

Zwar hat die Bedeutung der Stadt im Laufe der Jahre abgenommen, doch die Tradition ist geblieben. Am 6. Dezember werden bereits frühmorgens um 04.00 Uhr die Pforten der Basilika geöffnet. Nach einer Prozession mit der Statue des Heiligen durch die Altstadt wird eine Messe gefeiert. Jeden 07. bis 09. Mai wird außerdem die Ankunft von San Nicola in Bari gefeiert.

"Das größere Fest ist zweifelsohne das im Mai", erklärt Bürgermeister Simeone di Cagno Abbrescia. Dann steht Bari Kopf. Für die Pilger ist das gleich, für sie ist immer Saison. "Seit dem Fall der Mauer kommen viele orthodoxe Russen zu uns nach Bari", sagt di Cagno Abbrescia.

San Nicola vereint christliche und russisch-orthodoxe Religion

In Bari steht auch eine der wenigen russisch-orthodoxen Kirchen Italiens. Und in der Krypta der Basilika San Nicola können die Orthodoxen jederzeit ihre Messen feiern. "Wir freuen uns, wenn der Heilige länderübergreifend Religionen vereint", erklärt der Bürgermeister. "Das wäre bestimmt auch in seinem Sinne gewesen."

Alexandra Barone / DPA
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