Watergate-Affäre Am Anfang stand ein "drittklassiger Einbruch"


Am 9. August vor 30 Jahren trat Richard Nixon als erster und bisher einziger US-Präsident zurück. Der Grund war die Watergate-Affäre, ein Versuch der Vertuschung übler politischer Tricks, die alle demokratischen Regeln verletzten..

Zum Schluss blieben Richard Nixon nur zwei Möglichkeiten: entweder als erster Präsident in der Geschichte der USA zurückzutreten oder als erster mit einem Amtsenthebungsverfahren aus dem Weißen Haus gejagt zu werden. Der 37. US-Präsident entschied sich für den Amtsverzicht. Mit seinem Rücktritt am 9. August 1974 zog Nixon die Konsequenz aus der Watergate-Affäre, ein Versuch der Vertuschung übler politischer Tricks, die alle demokratischen Regeln verletzten, und die das Land zwei Jahre in Atem hielt.

Im Kalender traumatischer Ereignisse der Supermacht hat dieses Datum eine besondere Bedeutung. Einen solchen Angriff auf den Rechtsstaat von höchster Stelle aus sollte es nie wieder geben, schworen sich damals die Zeitgenossen. Doch im Präsidentenwahljahr 2004 sehen die liberalen Kritiker des 43. Präsidenten George W. Bush in dessen Methoden im "Krieg gegen den Terrorismus" etwas Vergleichbares. John Dean, einst Rechtsberater Nixons, hält alles gar noch für "schlimmer als Watergate".

Watergate als Inbegriff übler Machenschaften

Watergate ist inzwischen weltweit zum Inbegriff übler Machenschaften in der Politik geworden. In Anlehnung daran wurden Begriffe wie Iran-Gate für die Iran-Contra-Affäre in der Amtszeit von Ronald Reagan oder Monica-Gate für die Sex-Affäre Präsident Bill Clintons mit der Praktikantin Monica Lewinsky geprägt. In Deutschland sprach man bei der Barschel-Affäre vom Waterkantgate. Das Skandalerbe, das der 37. Präsident Nixon seinen Nachfolgern hinterließ, berührte sie fast alle. Unvergessen ist besonders, wie die Nummer 42, Bill Clinton, wegen der Lewinsky-Affäre vom Sonderstaatsanwalt Kenneth Starr in schwerste Bedrängnis gebracht wurde. Der Kongress leitete ein Verfahren zu Clintons Amtsenthebung ein, setzte ihn aber wegen seiner amourösen Lügen dann doch nicht ab. Die Institution des Sonderermittlers wurde nach Watergate geschaffen.

Begonnen hatte alles in der Nacht zum 17. Juni 1972. Damals nahm die Polizei fünf Männer bei einem Einbruch in die Wahlkampfzentrale der Demokraten im Washingtoner Watergate-Komplex fest. Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand, was sich dahinter verbarg. Die Affäre stürzte die USA in die schwerste innenpolitische Krise seit dem Bürgerkrieg mehr als 100 Jahre zuvor.

Es war ein unvergesslicher Sommer, als Nixon 1974 keine zwei Jahre nach einem triumphalen zweiten Wahlsieg, das Weiße Haus in Schande räumte. Die Affäre hatte weitgehend unbeachtet begonnen. Die fünf Männer, die vor 32 Jahren mitten im Präsidentschaftswahlkampf in den Büros der oppositionellen Demokraten überrascht wurden, sahen nicht wie gewöhnliche Einbrecher aus. Sie trugen Anzug und Krawatte, ihre Hände waren geschützt mit Handschuhen, wie sie Ärzte bei Operationen tragen. Auch drei Jahrzehnte später ist noch immer nicht ganz geklärt, was genau die Männer in der Parteizentrale suchten. Bekannt ist zumindest, dass sie eine drei Wochen zuvor installierte Telefonabhöranlage reparieren wollten. Außerdem durchwühlten sie Akten, einige davon lichteten sie ab.

Vier der Täter waren bereits ein Jahr zuvor am Einbruch in die Praxis des Psychiaters von Daniel Ellsberg beteiligt, der 1971 in der "New York Times" geheime Pentagonpapiere über die Hintergründe des Vietnamkrieges veröffentlicht hatte. Der Fünfte war ein ehemaliger Agent des Geheimdienstes CIA und arbeitete für das Komitee zur Wiederwahl Nixons.

Die Spur führt ins Weiße Haus

Die Spur führte rasch zu den Anführern des Einbrecherquintetts, Gordon Liddy und Howard Hunt. Sie waren vom Weißen Haus angeheuert worden, um "undichte Stellen" zu finden, über die geheime Informationen an die Öffentlichkeit gelangten. Zur Zeit des Watergate-Einbruchs waren die beiden später als "Klempner des Weißen Hauses" bezeichneten Männer ebenfalls für das Komitee zur Wiederwahl Nixons tätig.

Im Laufe der Ermittlungen wird deutlich, dass es sich bei dem Einbruch nicht um einen Alleingang von Mitarbeitern dieses Komitees handelt. Die Spur führt ins Weiße Haus zu den engsten Mitarbeitern des Präsidenten, etwa zu Stabschef Robert Haldeman und Nixons innenpolitischem Berater John Ehrlichman. Sie werden der Mitwisserschaft und Vertuschung der Affäre verdächtigt und müssen ihren Hut nehmen. Später werden sie zu Haftstrafen verurteilt.

Damit gerät auch Nixon selbst immer mehr in den Strudel der Affäre, die vom Weißen Haus zunächst als "drittklassiger Einbruch" abgetan wird. Zur Klärung werden Sonderermittler und parlamentarische Untersuchungsausschüsse eingesetzt. Das Interesse konzentriert sich auf die Frage, was und seit wann Nixon von dem Einbruch und der anschließenden Vertuschung gewusst hat.

Abhöranlagen als Verhängnis

Im Zuge der Ermittlungen stellt sich heraus, dass der Präsident auch in einigen Räumen des Weißen Hauses, so in seinem Amtszimmer und dem Tagungsraum des Kabinetts, Abhöranlagen installieren ließ, die jedes Gespräch automatisch aufzeichnen. Dies sollte Nixon schließlich zum Verhängnis werden. Denn auf den Tonbändern sind auch Gespräche des Präsidenten über Watergate enthalten.

Um die Herausgabe der Bänder entbrennt ein heftiger juristischer Streit zwischen dem Sonderermittler und dem Parlament auf der einen und dem Weißen Haus auf der anderen Seite. Nixon gibt schließlich einige Tonbandprotokolle heraus. Sie machen deutlich, dass der Präsident mehr wusste als zunächst zugegeben. Nachdem er entgegen vorherigen Beteuerungen auch einräumt, bereits sechs Tage nach dem Einbruch mit seinen Beratern über politische Konsequenzen gesprochen zu haben, beschließt der Rechtsausschuss des Repräsentantenhauses im Sommer 1974, ein Verfahren zur Amtsenthebung (Impeachment) einzuleiten.

Als eine Amtsenthebung fast unausweichlich scheint, kündigt Nixon am 8. August 1974 seinen Rücktritt an und übergibt das Amt einen Tag später an seinen Vizepräsidenten Gerald Ford. Einer Strafverfolgung entgeht Nixon nur, weil ihn Ford pauschal amnestiert. Zuvor hatte ihn eine Anklagekammer als einen von 18 nicht angeklagten Mitverschwörern bezeichnet. Wären nicht die beiden "Spürhunde" Bob Woodward und Carl Bernstein von der "Washington Post" gewesen, wäre wohl Gras darüber gewachsen. Doch deren Enthüllungen über die schmutzigen Tricks führten erst zu dem Amtsenthebungsverfahren, dem Nixon mit seinem Rücktritt zuvor kam. Er selbst hat bis zu seinem Tod im April 1994 jede gesetzlich fassbare Schuld im Zusammenhang mit Watergate verneint, wenngleich er Fehler einräumte.

Spätere Ehrung als "Elder Statesman"

Die Welt der nationalen und internationalen Politik hatte längst ihren Frieden mit Nixon gemacht, als er am 22. April 1994 in New York im Alter von 81 Jahren starb. Sie ehrte den gebürtigen Kalifornier als weisen Ratgeber und "Elder Statesman". Das Bild des skrupellosen, aber von Komplexen zerrissenen Machtmenschen war verblasst. Mit Büchern, Interviews und vielen Auslandsreisen hatte er an seiner Rehabilitierung gearbeitet.

So ist der Streit, ob der schüchterne, linkische Mann mit der Entennase eine der ungewöhnlichsten oder eine der ungeheuerlichsten Erscheinungen im Weißen Haus gewesen ist, weiter unentschieden. Seine Bewunderer sehen in ihm ein Genie, das in Zusammenarbeit mit Sicherheitsberater und Außenminister Henry Kissinger den Vietnamkrieg beendete, eine konsequente Entspannungspolitik mit der Sowjetunion betrieb und 1972 die Beziehungen mit der Volksrepublik China normalisierte.

Nixon, der unter Dwight D. Eisenhower acht Jahre lang Vizepräsident war, drückte auch der Währungspolitik seinen Stempel auf. Am 15. August 1971 besiegelte er den Zusammenbruch des alten Systems von Bretton Woods, indem er die Bindung des Dollars an das Gold aufhob und damit frei schwankende Wechselkurse zuließ.

"Komplexester Mensch, den man sich vorstellen kann"

Seine Parteigänger, von denen etliche für ihn ins Gefängnis gingen, schätzten den Kämpfer, der sich von Rückschlägen nicht unterkriegen ließ. Zu seinen bittersten Erfahrungen gehörte eine knappe, umstrittene Niederlage 1960 in der Präsidentenwahl gegen John F. Kennedy. Seine Gegner verabscheuten dagegen den gerissenen, skrupellosen Manipulator, dem alle Mittel zum Machterhalt recht zu sein schienen. Kissinger sah in Nixon "den komplexesten Menschen, den man sich vorstellen kann".

Wolfgang Künzel/AP AP DPA

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