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Zweiter Weltkrieg: Die Hoffnung stirbt zuletzt

Immer noch werden rund 1,4 Millionen Deutsche vermisst, die nicht vom Russland-Feldzug im Zweiten Weltkrieg zurückkehrten. Das Rote Kreuz, dass über ein gewaltiges Such-Archiv verfügt, kooperiert jetzt mit russischen Behörden.

Der modrige Geruch vergilbter Karteikarten hängt im Raum. Rund 23 Millionen Kriegsopfer sind im Suchdienst-Archiv des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in München registriert. Auf mehr als doppelt so vielen Kärtchen in schier endlosen Regalen ist das Schicksal der Vermissten und ihrer verzweifelt suchenden Angehörigen nachzulesen. "Das ist ein Spiegelbild der deutschen Geschichte", sagt Suchdienst-Leiter Klaus Mittermaier. Ein gemeinsames Großprojekt mit dem Staatlichen Militärarchiv in Moskau soll jetzt zusätzliche Erkenntnisse zum Verbleib von 1,4 Millionen Deutschen liefern, die im Zweiten Weltkrieg nicht mehr aus Russland zurückkehrten.

Zwei Millionen Akten aus Moskau

Das Militärarchiv in der russischen Hauptstadt stellt dem DRK-Suchdienst in den kommenden sechs Jahren rund zwei Millionen Akten auf elektronischen Datenträgern zur Verfügung. Die Verwaltung in den sowjetischen Zwangslagern ordnete in die Personalakten teilweise Soldbücher, private Briefe oder eine "Istorija Bolesni", die Krankengeschichte eines Gefangenen, ein. Nicht selten ist ganz am Schluss ein Totenschein angeheftet.

Die Zusammenarbeit mit Moskau bei der Suche nach Vermissten ist für den Münchner Suchdienst kein Novum. "Bei humanitären Aufgaben zählen Grenzen weniger", schildert Mittermaier seine positiven Erfahrungen. Bereits vor elf Jahren hielt er die erste Diskette aus einem russischen Archiv mit Namen von 15 000 Kriegsgefangenen in der Hand, die in sowjetischen Lagern gestorben waren. Neu ist allerdings die Größenordnung des aktuellen Gemeinschaftsprojektes. Bislang hatte der Suchdienst keinen systematischen Zugang zu den zwei Millionen Unterlagen, die ganz formal die wohl schwersten Tage im Leben von 300 000 Zivilinternierten und 1,7 Millionen Kriegsgefangenen erfassen.

"Wie ist das eigentlich mit Stalingrad?"

In seinem kleinen Büro hat sich der 61-jährige Mittermaier, der sich als 68er bezeichnet und ganz bedächtig spricht, gerade eine Zigarette angezündet, als das Telefon klingelt. "Wie ist das eigentlich mit Stalingrad? Gibt es da noch Daten", fragt eine aufgeregte Frau am Ende der Leitung, die seit Jahren nach ihrem Vater sucht. "Das wäre schön, wenn ich genau wüsste, wo er war", sagt sie. Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt Mittermaier. Eine verzweifelte Mutter, die seit 60 Jahren nach ihrem Sohn sucht, habe ihm schon mehr als 1000 Briefe zugesandt.

Natürlich wüssten die meisten, dass ihr Angehöriger tot ist, sagt Mittermaier nach dem Telefonat. Aber: "Erst wenn man Gewissheit hat, kann die Trauerarbeit einsetzen." Der Suchdienstleiter weiß von vielen Familien, die auch nach Jahrzehnten noch zum Gedenken an ihre Toten nach Russland reisen. Doch es ist nicht so, als würde der Suchdienst immer nur Todesmeldungen überbringen. Auch heute noch führen die Nachforschungen zu 600 bis 800 Familien-Zusammenführungen im Jahr.

Mehr als eine Million Fälle geklärt

Auch deshalb finanziert das Innenministerium die Arbeit des DRK-Suchdienstes. 1958 erteilte die Bundesregierung der Organisation einen Suchauftrag für insgesamt 2,5 Millionen im Krieg vermisste Deutsche. Das internationale Netzwerk des DRK mit allein 1000 Suchdienst-Mitarbeitern in Deutschland konnte seither mehr als eine Million Fälle klären. Die Bearbeitung einer Anfrage kann 14 Tage bis zu einem halben Jahr dauern.

Die Suche nach ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen ist dabei meistens ein steiniger Weg. Beim Ausfüllen der Personalbögen übertrugen die Russen die Namen der Gefangenen in den Zwangslagern nach dem Gehör ins Kyrillische, das bestimmte Buchstaben des lateinischen Alphabets nicht kennt. "Aus Hans Müller wird daher Gans Mjuller oder Miller", illustriert Mittermaier auf einem Zettel. Im Einzelfall bleibt menschliche Kombinationsgabe bei der Auswertung der Akten gefragt. Trotzdem soll ein Großteil der Arbeit in Zukunft computergesteuert laufen. Die Unterlagen in München, die derzeit gescannt und Schritt für Schritt elektronisch gespeichert werden, sollen mit den neuen sowjetischen Informationen zusammen in eine Datenbank gespeist werden. Volumen: drei Millionen Einträge.

Schon jetzt wird ein Teil der vorhandenen Informationen elektronisch ausgewertet: Eine simple Suchmaske auf dem Bildschirm fragt lediglich nach Geburtsdatum und Name der vermissten Person, in Sekundenschnelle spuckt der Computer alle Informationen zu dem Betroffenen aus. Solange dort erscheint "Aufenthaltsort: unbekannt", geht auch fast 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges die Arbeit weiter.

Julia Lenders / DPA