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Meinung

Katholische Kirche : Wie Benedikt sich zu den Missbrauchsfällen äußert, ist menschenverachtend

Der ehemalige Papst Benedikt gibt der sexuellen Revolution die Schuld an den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche. Damit offenbart er eine Weltsicht, die nicht nur rückständig, sondern auch gefährlich ist – und macht sich lächerlich. 

Von Amelie Graen

Der ehemalige Papst Benedikt

Der ehemalige Papst Benedikt sieht in der sexuellen Revolution den Grund für die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche

DPA

Manchmal mischen sich Rentner wieder in ihre ehemalige Arbeit ein und man wünschte sich, sie hätten einfach weiter Mittagsschlaf gehalten. Im Fall von Benedikt XVI. zum Beispiel, unserem ehemaligen Papst. Eigentlich hatte der versprochen, in seinem Ruhestand "für die Welt verborgen“ zu bleiben. Dieses Versprechen hat er nun gebrochen. Leider.

Der 91-Jährige hielt es für eine gute Idee, im bayerischen "Klerusblatt" seine Meinung zu den Missbrauchsvorwürfen in der katholischen Kirche kundzutun. Was er in seinem Aufsatz von sich gibt, ist an Weltfremdheit, Respektlosigkeit und Menschenverachtung kaum zu überbieten – und steht für alles, was in der katholischen Kirche falsch läuft.

Wenn es nach Benedikt geht, ist völlig klar, wer an den Missbrauchsfällen schuld ist: die Achtundsechziger, die sexuelle Revolution. "Zu den Freiheiten, die die Revolution von 1968 erkämpfen wollte, gehörte auch diese völlige sexuelle Freiheit, die keine Normen mehr zuließ", kritisiert er.  "Zu der Physiognomie der 68er Revolution gehörte, daß nun auch Pädophilie als erlaubt und als angemessen diagnostiziert wurde."

Der ehemalige Papst wünscht sich ganz offensichtlich die Zeit davor zurück. Die Zeit also, in der Homosexualität strafbar war, in der unverheiratete Paare keinen Sex haben durften und in der es sich allgemein nicht geziemte, das Wort Sex in den Mund zu nehmen.

3677 Minderjährige von Geistlichen missbraucht

So weltfremd seine Sichtweise auch ist, so wirklich überraschend ist sie nicht. Denn in den Achtundsechzigern ereignete sich genau das, was in der Kirche unter Benedikt jahrelang nicht passiert ist: Die Menschen brachen ihr Schweigen. Sie begehrten auf und befreiten sich aus ihrer sexuellen Unterdrückung. Kein Wunder, dass Benedikt das nicht gefällt. Nicht nur, weil er die rigide Sexualmoral aus den Fünfzigern vertritt. Er war der Papst, der jahrelang untätig blieb, obwohl in seiner Amtszeit ans Licht kam, dass Geistliche Kinder auf der ganzen Welt missbraucht haben.

Die Kirche sei "wehrlos“ gewesen, behauptet Benedikt. "Die Abwesenheit von Gott" sei es, die dafür gesorgt habe, dass "die Pädophilie ein solches Ausmaß erreicht habe“. Dabei weiß der 91-Jährige ganz genau, wie viele Strenggläubige unter den Tätern sind. Die Zahlen sprechen für sich. 

Zwischen 1946 und 2014 haben in Deutschland mindestens 1670 katholische Geistliche 3677 Minderjährige missbraucht. Das hat 2018 eine von der Deutschen Bischofskonferenz bestellte Studie zum Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche ergeben. Mehr als die Hälfte der Opfer war zum Tatzeitpunkt gerade einmal 13 Jahre alt. Jedes sechste wurde vergewaltigt. Laut der Studie musste sich nur ein Drittel der Täter einem kirchenrechtlichen Verfahren stellen. Und: Unter den Beschuldigten seien vier Geistliche noch immer im Amt.

Allerspätestens als Benedikt in seinem Text "die Abwesenheit von Gott“ als Grund für Pädophilie nennt, wäre es also wünschenswert gewesen, der 91-Jährige hätte mit seinem Stift lieber Sudoku-Rätsel ausgefüllt. Aber sein Aufsatz geht noch weiter.

Papst: "Kinder und Jugendliche drohen zu zerstören" 

Die katholische Moraltheologie würde zusammenbrechen, schreibt Benedikt. Man erkenne mit "Erschütterung, dass an unseren Kindern und Jugendlichen Dinge geschehen, die sie zu zerstören drohen.“ Benedikt hat Recht. Es geschehen Dinge, die junge Menschen zu zerstören drohen. Aber dazu zählt nicht, in einer sexuell aufgeklärten und freien Gesellschaft zu leben. Dazu gehört mitzubekommen, dass andere junge Menschen von Geistlichen missbraucht werden. Vielleicht in der eigenen Stadt, in dem eigenen Dorf. Vielleicht von dem katholischen Pastor, der einen selbst getauft hat.

Glücklicherweise sind nicht alle Geistlichen so realitätsresistent wie Benedikt. Unter seinem Nachfolger Papst Franziskus kündigt sich langsam eine Veränderung an. Erst vor Kurzem hatte Papst Franziskus zu einem Missbrauchs-Gipfel in den Vatikan eingeladen. Er stellte Regeln für den Schutz von Kindern vor sexuellem Missbrauch für den Vatikanstaat auf – und nannte unter anderem die Machtstrukturen der Kirche als Gründe für die Missbrauchsfälle.

Fast bekommt man Mitleid mit dem 91-Jährigen 

Benedikt sieht das offenbar anders. Bei den irritierenden Argumenten, die er anführt, entwickelt sich zuletzt fast Mitleid für diesen 91-Jährigen, an dem die Realität anscheinend seit Jahren vorbei rauscht.

Niemand erwartet von Benedikt, dass er eine Sex-Kolumne für Snapchat produziert. Von einem ehemaligen Papst darf es allerdings nicht zu viel verlangt sein, dass er Missbrauchsfälle in der eigenen Institution nicht verharmlost. Wenn die Kirche ihre bis ins Innerste zerstörte Strukturen nicht weiterhin verändert und der Gegenwart anpasst, werden sich mit der Zeit mehr und mehr Menschen von ihr entfremden. 

Denn wer den Aufsatz des ehemaligen Papstes liest, dem drängt sich möglicherweise noch eine andere Frage auf als die, warum Benedikt stattdessen nicht lieber einen Mittagsschlaf gehalten hat: Warum sollte ein christlicher Mensch in einer Institution bleiben, die eine so rückständige und fragwürdige Weltsicht vertritt? 

Quellen: Vatican News, MHG-Studie, dpa 

ame