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Inzidenz unter Schülern über 500 Schulministerium NRW sieht keinen Grund zu handeln

Eine Atemschutzmasken liegt auf einem Tisch in einem Klassenzimmer
Trotz extrem hoher Inzidenzzahlen hält das Schulministerium NRW an vergleichsweise laxen Regeln in Schulen fest. Die Aufhebung der Maskenpflicht sei "vertretbar". (Symbolfoto)
© Matthias Balk / DPA
Die Infektionszahlen unter Schülern in NRW schießen in die Höhe. Manche sprechen schon von einer stillen Durchseuchung. Doch Bildungsministerin Yvonne Gebauer beharrt auf ihren lockeren Kurs.

Die Corona-Zahlen in Deutschland steigen immer weiter – auch die der Schülerinnen und Schüler. Insbesondere in Nordrhein-Westfalen häufen sich die Infektionen. Das Robert Koch-Institut gab in der Woche vom 10. bis 17. November die Altersgruppen der Fünf- bis Neunjährigen mit einer Inzidenz von 504 an, die der Zehn-bis Vierzehnjährigen sogar mit 524. Für viele Experten ist diese Entwicklung nicht verwunderlich. Schon im Sommer hatten Virologen, wie Christian Drosten, vor einer weiteren Infektionswelle im Herbst und Winter gewarnt. Dennoch ließ das Schulministerium NRW zum 2. November die Maskenpflicht in Schulen fallen. 

Für den Präsidenten des Nordrhein-Westfälischen Lehrerverbands (NRWL), Andreas Bartsch, ein nicht verständlicher Schritt: "Das war ein völliger 'Un-Zeitpunkt'." Alle hätten gewusst, dass der Herbst anstünde und man Gefahr laufe, in eine ähnliche Situation wie im vergangenen Jahr zu kommen, erklärt Bartsch dem stern

Trotz Inzidenz über 500: Für Ministerin Gebauer sind Schulen "Hygienefilter" für Kinder

Am vergangenen Dienstag gab das Ministerium eine Pressemitteilung mit einem Update zur derzeitigen Corona-Lage an den Schulen in NRW heraus. Bildungsministerin Yvonne Gebauer von der FDP betonte darin, man überwache den Schulbetrieb streng und beobachte die Entwicklung weiterhin sehr genau. Gebauer beschrieb zudem etwas kryptisch: "Durch die strikten Testungen wirken unsere Schulen in der Pandemie wie ein Hygienefilter für Kinder und Jugendliche." Zudem trage das Hygiene- und Testsystem in Schulen dazu bei, das Infektionsgeschehen zu kontrollieren.

Für Bartsch unverständlich: "Der Herbst steht an, die Zahlen steigen und dann wird immer noch behauptet, dass die Kinder und Schulen kein Treiber der Pandemie sind." Derzeit werden Schülerinnen und Schüler in NRW dreimal wöchentlich mit Schnell- bzw. PCR-Lolli-Tests getestet.

"Schule ist keine Isolierstation"

Auf Anfrage des stern äußerte sich das Schulministerium NRW schriftlich zu der Pressekonferenz und den Aussagen Gebauers. Das Ministerium betont in seiner Erklärung: "Die engmaschigen Testungen an Nordrhein-Westfälischen Schulen [tragen] dazu bei, landesweit Infektionen aufzudecken und Infektionsketten zu durchbrechen."

Zudem seien Kinder durch die regelmäßigen Tests die am besten überwachte Bevölkerungsgruppe NRWs. Dies mag richtig sein, dennoch bleibt festzuhalten, dass die Inzidenz der Schulkinder seit dem Ende der Maskenpflicht an Schulen in NRW stark gestiegen ist. Das Bildungsministerium verweist in diesem Fall darauf, dass die Inzidenzen der Bevölkerungsgruppen keinen Rückschluss darauf erlaubt, wo eine Infektion erfolgt ist. 

Dem stimmt NRWL-Präsident Bartsch zu, allerdings sieht er die Situation aus einem anderen Blickwinkel: "Das System Schule ist ja keine Isolierstation. Die Kinder gehen in die Familien, die Lehrer gehen in die Familien zurück, sie nehmen an der Gesellschaft außerhalb der Schule teil – und auch da findet nach wie vor die Infizierung statt." 

Deshalb betont er: "Wir brauchen diesen Dreikampf aus Testen, Masken und dem nötigen Abstand, damit der Präsenzunterricht weiterhin stattfinden kann." 

Für Bartsch hat genau dies oberste Priorität. Mit Blick auf das vergangene Jahr, habe man gesehen, wie hoch die Belastung für Schüler und Eltern durch das Homeschooling war. Dieser Distanzunterricht und Modelle wie der Wechselunterricht hätten zwar in Zeiten geholfen, als die Zahlen extrem hoch waren, seien aber auf Dauer keine gute Lösung, so Bartsch.

Lehrerverband plädiert auf Rückkehr der Maskenpflicht

Extrem hoch sind die Zahlen auch jetzt – höher sogar noch als im vergangenen Jahr. Dennoch beharrt das NRW-Ministerium darauf, die Regelungen so zu lassen, wie sie derzeit sind: "Im Verlauf der gesamten Pandemie wurden die Maßnahmen zur Einhaltung von Hygiene und Infektionsschutz fortlaufend an die entsprechende Lage angepasst, um das Recht auf Bildung bestmöglich mit dem Gesundheitsschutz in Einklang zu bringen." 

Genau das fordert auch Bartsch, allerdings reicht ihm der derzeitige Schutz durch regelmäßige Tests nicht aus: "Ich plädiere dringend dafür, dass wir zurück zur Maskenpflicht kommen. Andere Bundesländer wie Bayern, Sachsen und Niedersachsen haben das bereits umgesetzt. Damit wir den Präsenzunterricht sichern können und nicht wieder in die Situation kommen, von Distanzunterricht und Homeschooling."

Doch mit dieser Forderung beißt er vorerst auf Granit. Aus dem Ministerium heißt es dazu, angesichts der Tests, Hygienevorschriften und Modifizierung der Quarantäne-Regelung halte die Landesregierung die Aufhebung der Maskenpflicht für "vertretbar".

Viele Schüler sehen es offenbar anders, berichtet Bartsch. Er sei überrascht gewesen, wie viele Schüler trotz allem weiterhin eine Maske tragen. Sowohl in der Schule, als auch außerhalb, wie etwa auf dem Pausenhof oder an der Bushaltestelle. "Die Schüler scheinen lernfähiger zu sein, als die Politik", meint Bartsch dazu mit einem Schmunzeln.

Quellen: Pressemitteilung Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalens Landeszentrum Gesundheit Nordrhein Westfalen


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