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Politische Kopfwelten: Keiner bellt, keiner beißt - gut so!

Der Wahlkampf kommt nicht auf Touren. Langeweile und Lappalien wie das "Dekolleté-Plakat" von Vera Lengsfeld bestimmen die Auseinandersetzung. Doch das muss nicht unbedingt schlecht sein.

Von Frank Ochmann

Es ist wirklich zum Einschlafen, was einem als potenziellem Wähler in diesen Wochen geboten wird. Die CDU-Kanzlerin tourt freundlich lächelnd zum Beispiel durch das heimische Mecklenburg-Vorpommern, trifft Jugendliche, schüttelt Hände und ignoriert jede Frage der Spalier stehenden Medienmeute, die sie aus der Reserve locken könnte. Ähnlich zurückhaltend die Gegenseite: Merkels Herausforderer, Frank-Walter Steinmeier von der SPD, haut nicht etwa mit dem Witz des Demagogen drauf, wie es Gerhard Schröder gemacht hätte und gemacht hat, sondern scherzt stattdessen über seine sauber gescheitelten weißen Haare: Die seien sogar getönt, damit das Schwarze nicht durchkommen kann. Ein echter Brüller.

Niemand bellt, niemand beißt

Was ist eigentlich los? Keiner bellt! Keiner beißt! Fast könnte man den Eindruck gewinnen, es sei Merkel und Steinmeier egal, wie sie die Wochen bis zum Wahltag am 27. September hinter sich bringen. Hauptsache, es kostet nicht zu viel Mühe und verärgert niemanden längerfristig. Und auch die meisten anderen - wo ist eigentlich Gysi? - halten sich zurück, als habe man sich vor Monaten in einem Berliner Hinterzimmer auf einen "Mikado-Wahlkampf" verständigt: Wer zuerst zuckt, hat verloren. Hieß es nicht einmal, alle Politiker seien machthungrig? Haben denn alle die Leidenschaft verloren, die ein Schröder oder früher auch Strauß vom Rednerpult aus mit jeder Schweißperle unters Volk schleuderte?

Natürlich ist es Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier nicht egal, wer nach dem 27. September das Kanzlerbüro bezieht. Ganz sicher sind die beiden passionierte Politiker, wie schon ihre Biografie verrät. Sie treiben nicht nur Politik wie andere vielleicht zur Zerstreuung Tennis oder Skat spielen, sondern sie sind Politiker. Genau das meint in der gängigen wissenschaftlichen Definition "selbst-definierend": Eine Leidenschaft oder Passion ist "eine starke Neigung zu einer selbst-definierenden Aktivität, die man mag (oder sogar liebt), wichtig findet und in die man Zeit und Energie investiert."

Politik nicht mit Haut und Haar verfallen

Warum aber sind die meisten Auftritte der beiden Amtsbewerber dann trotzdem so staubtrocken? Warum sprühen sie keine Funken, wenn es ihnen doch so wichtig ist, Politiker zu sein und möglichst sogar an der Spitze als Kanzlerin oder Kanzler? Weil beide - neben einem eher kühlen Temperament - mit "harmonischer Leidenschaft" gesegnet zu sein scheinen. Der Begriff stammt von Robert Vallerand von der Université du Québec in Montreal, dem kanadischen Pionier der Forschung von der menschlichen Passion. "Harmonisch" ist dabei so positiv gemeint wie es klingt: Wer einer Leidenschaft "harmonisch" frönt, ist ihr nicht mit Haut und Haaren verfallen, sondern macht sie aus freien Stücken zu einem zentralen Teil seines Lebens und sogar seiner Identität. "Frei" heißt dabei: Es ginge zur Not auch anders, wenn es die Umstände erforderten.

Das Gegenstück ist nach den Untersuchungen von Vallerand und seinen Mitarbeitern die obsessive, die "besessene Leidenschaft". Mit Freiheit hat die nichts mehr zu tun. Wer im Zustand solcher Passion zum Beispiel eine Führungsrolle innehat, kann aus eigener Kraft nicht mehr loslassen. Es ist dieses beunruhigende, wenn nicht beängstigende Zerrbild, das Politiker bieten, die beinahe aus ihrem Amt getragen werden müssen, wenn ihre Zeit gekommen ist. Beispiele wie Andrea Ypsilanti oder Gabriele Pauli zeigen übrigens, dass es dafür nicht unbedingt überschießendes Testosteron braucht, wie es männlichen "Alphas" nachgesagt wird. Vielmehr deuten die Leidenschafts-Studien aus Montreal darauf hin, dass es Mängel im Selbstbild und im Selbstvertrauen sind, die mit obsessiven Passionen übertüncht werden können und so Schwache wie Starke erscheinen lassen.

Besessene Politiker wollen Gier befriedigen

Diese Form von Leidenschaft im Amt mag ja eindrucksvoll sein. Sie bietet denen drum herum Spannung und gewiss auch Unterhaltung. Sie kann über eine Zeit sogar erfolgreich sein. Nur eines bietet sie auf keinen Fall: Augenmaß. Der Unterschied zwischen "harmonischer" und "obsessiver" Leidenschaft ist ungefähr so wie der zwischen Trunksucht und gesundem Appetit. Und wie der Süchtige nicht mehr weiß, wann der Korken auf die Flasche gehört, erkennt der besessene Politiker nicht mehr die Grenzen legitimer Macht. Beiden fehlt die Einsicht ins Machbare. Und beide sind zu so gut wie jedem Risiko bereit, um ihre Sehnsucht, ja ihre Gier zu befriedigen. So war das offenbar bei Barschel, so auch bei Möllemann. Auch andere fallen einem ein.

Langweilig und schlaff, dafür harmonisch

Aber klar, solche Menschen sind nicht selten charismatisch, sie dampfen vor Energie und wissen die Massen mit dem Charme des Verführers zu begeistern. Die finstere Kehrseite: Diese Art der Leidenschaft paart sich mit einer gesteigerten Bereitschaft, die Ellenbogen auszufahren und über das erlaubte, faire Maß hinaus aggressiv zu werden. Solche Menschen sind Getriebene, ob im Sport, in der Wirtschaft oder in der Politik. Sie wollen nicht gewinnen, sondern müssen gewinnen, weil ihre ganze Existenz mit der Führungsrolle eines Politikers, eines CEOs oder auch eines Champions verschmolzen ist. Darum ist Verlieren für sie kein Missgeschick, nicht einfach nur bedauerlich. Es ist vielmehr bedrohlich wie das Sterben selbst und muss darum im Extremfall mit allen Mitteln verhindert werden. Kann also sein, dass die anderen, die "Harmonischen", schon mal langweilig und schlaff rüberkommen. Die "Besessenen" aber sind gefährlich.

Literatur

Cardon, M. S. 2008: Is passion contagious? The transference of entrepreneurial passion to employees, Human Resource Management Review 18, 77-86
Donahue E. G. et al. 2009: When winning is everything: On passion, identity, and aggression in sport, Psychology of Sport and Exercise 10, 526-534
Vallerand, R. J. et al. 2003: Les Passions de l'Âme: On Obsessive and Harmonious Passion, Journal of Personality and Social Psychology 85, 756 -767
Vallerand, R. J. 2008: On the Psychology of Passion: In Search of What Makes People's Lives Most Worth Living, Canadian Psychology 49, 1-13
Vallerand, R. J. et al. 2008: Passion and performance attainment in sport, Psychology of Sport and Exercise 9, 373-392