TV-Duell Wenn der Moderator zum Aggressor wird


Die unsachgemäße Ruppigkeit, mit der TV-Moderatoren zunehmend Politiker angehen, ist verheerend. Das zeigte sich auch gestern beim TV-Duell: Wo Moderatoren zu Aggressoren werden, verbünden sich Politiker gegen sie. Das Ergebnis: Sternstunden der Langeweile.
Ein Kommentar von Johannes Schneider

Ja, die Moderatoren hatten eine schwierige Aufgabe. Ja, sie mussten zwei angebliche Kontrahenten gegeneinander in Stellung bringen, die doch eher als Duo funktionierten. Ja, Peter Limbourgs Feststellung, man blicke hier eher auf ein "Duett" als auf ein "Duell", erwies sich im Nachhinein als richtig. Allein: Dass er das bereits nach den einleitenden Wortbeiträgen der Kombattanten feststellte, versprühte einen Hauch von Unverschämtheit.

Die Unverschämtheit der Moderatoren prägte das Duell ebenso wie die mangelhaften Kämpfernaturen der Kandidaten. Speziell an den Talkshowgastgebern Maybrit Illner und Frank Plasberg zeigte sich einmal mehr, was in der Nach-Christiansen-Ära zum guten Ton geworden ist: Politiker als Verdächtige zu behandeln, für die die Unschuldsvermutung nicht gilt. Als Steinmeier einer verfrühten Unterbrechung Illners an einer Stelle ein scharfes "Haben Sie bitte Interesse an meinem Argument!" entgegensetzte, dürfte das nicht nur SPD-Wählern gefallen haben.

Mangelndes Interesse und Gängelung

Genau dieses mangelnde Interesse ist es, das klammheimlich unerträglich geworden ist. War speziell Frank Plasbergs Härte zu Beginn von "Hart aber fair" noch ein wichtiger Kontrapunkt zu Sabine Christiansens sonntäglichen Wohlfühlrunden, wirkt die Limitierung, Gängelung und Bevormundung der Talkshowgäste heute allzu oft dummdreist. Um Inhalte scheint es dabei schon lange nicht mehr zu gehen, vielmehr um die Selbstprofilierung der journalistischen Kaste auf Kosten der politischen. Dass man dabei nur allzu oft überhört, wenn sich ehrliche politische Leidenschaften entfalten - geschenkt.

"Wollen wir weiter den Eindruck erzeugen, als ob die Frage von Regierungsbildung in Deutschland ausschließlich von Machtspielchen abhängt, oder gibt es vielleicht die Möglichkeit, dass es der Inhalt ist, der nicht zusammengeht?" meldete sich etwa Sigmar Gabriel in der "Hart aber fair"-Folge vom 2. September durchaus leidenschaftlich zum Thema "Rot-Rot-Grün" zu Wort. Zuvor hatte Plasberg über Minuten alle inhaltlich begründeten Versicherungen geflissentlich ignoriert. "Sie fühlen sich ja geradezu ertappt", deutete er nun das Verhalten und orakelte mit dem Experten Karl-Rudolf Korte weiter über die rot-rot-grüne Nicht-Option. Die Bank der Diskutanten lag derweil seitab in Erduldungsstarre mit heruntergefahrenen Mikrophonen, und hätten dort nicht Spitzenpolitiker gesessen, sondern "normale" Talkshowgäste, Plasberg hätte sich im Anschluss vielleicht die Frage gefallen lassen müssen, was er - Stichwort "Fairness" - von einem menschenwürdigen Umgang mit denen so halte.

Politiker vereint gegen den Moderator

Für Politiker erspart eine "Hart aber fair"-Runde den Gang zur Domina - der politischen Debatte schadet die von Plasberg induzierte Kultur der Unhöflichkeit eventuell noch mehr als der ausbleibende Ideenwettbewerb in der Politik. Mehr noch: Wo Politiker auf unsachgemäße Weise angegriffen werden - das zeigte sich im TV-Duell ebenso wie in besagter "Hart aber fair"-Runde -, verbünden sie sich gegen die zu Aggressoren gewordenen Moderatoren, auf Kosten der politischen Debatte. Dem Wähler, dem Politiker als Diskutanten zweiter Klasse vorgeführt werden, wird es schwer fallen, den Respekt vor sowohl Journalisten als auch Politikern nicht vollends zu verlieren. Die politische Öffentlichkeit schränkt sich da, wo sie zum unwürdigen Spektakel verkommt, immer weiter ein - der Quotensinkflug des TV-Duells darf nicht nur Merkel und Steinmeier angelastet werden. Dabei sind Würde und Respekt genau jene Werte, die einer konstruktiven Streitkultur zugrunde liegen sollten.


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