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Wahlprogramme in Wordle "Mensch" "muss" "Chance"

Betrachten Sie ein letztes Mal die Wahlprogramme der Parteien - in ihrer ästhetisch schönsten Form. Bald landen sie im Schredder der Koalitionsverhandlungen.
Von Lutz Kinkel

Es sind: Wortwolken. Gebilde von betörender Schönheit. Farbig, komplex und doch aussagekräftig.

Wo, zum Beispiel, ist steckt bei den Liberalen der Begriff "Allgemeinwohl"? Nirgends. Denn das Wort kommt im Wahlprogramm - Sie ahnen es schon: - nicht vor. Dafür geht es häufig um "Freiheit" und "Chance", ein Schelm, wer Marktwirtschaft dabei denkt.

Die Piratenpartei zirkelt vor allem um die "Piratenpartei", der Begriff taucht rund 220 Mal im Wahlprogramm auf. Eine Partei mit Egoproblemen? So ist es. Wer ständig seinen Namen aufsagt, ist sich seiner Identität nicht sicher. Die Wortwolke spiegelt das verzweifelte Bemühen, den zerstrittenen Haufen zu einen.

Man muss viel müssen

Eitel Sonnenschein dagegen bei der Union. Der "Mensch"! "Deutschland"! "Zukunft"! Und was da alles unterstützt, gestärkt und geschaffen wird - sagenhaft. Aber das Beste ist: Alles wird "gut". Oder soll "gut" werden, einerlei. Die Assoziation, die sich aufbaut, heißt: Wer Merkel wählt, muss sich nicht aus dem Liegestuhl bequemen. Viel mehr stehe tatsächlich nicht im Wahlprogramm, stöhnen Kritiker.

Die Opposition, klar, muss dagegen halten. Mit Kritik, mit Forderungen, mit neuen Projekten. Deswegen soll der Leser ihrer Wahlprogramme so oft "müssen", bei der SPD müssen wir "sozial", bei der Linken "öffentlich". Bei den Grünen, denen ein Verbotsfetischismus nachgesagt wird, ist nicht ganz klar, was alles gemusst werden muss, aber es ist eine ganze Menge, so viel ist sicher. In der Grünen-Wolke, immerhin, ist auch das Wort "Frau" deutlich lesbar. Es ist interessant, danach in den Grafiken der politischen Konkurrenz zu fahnden. Was denkt die AfD eigentlich über Gleichberechtigung? Ähem.

Die Lemmatisierung

Die Wortwolken sind der faszinierende Output einer Software, die jeder im Netz aufrufen kann: Wordle. In das Tool lassen sich beliebige Texte einfüttern, in fast allen Sprachen und Schriften: Reden, Mails, Romankapitel, oder, wie hier geschehen, Parteiprogramme. Danach braucht es nur noch einen Mausklick - und schon fliegt die Wortwolke auf den Bildschirm. Begriffe, die sehr häufig vorkommen, stellt Wordle groß dar. Andere kleiner. Die Farben haben keine Bedeutung, sie sollen einfach nur dem Auge schmeicheln. Für diesen Artikel hat die stern-Grafik die Farben nachträglich der Parteicouleur angepasst.

Wer es ganz genau wissen will, sollte seine Texte vor dem Verwordlen lemmatisieren, also auf die Wortstämme zurückführen. Dann wird zum Beispiel aus "gute", "gutes", "guten" oder auch "besser" das Wort "gut". Dieses Verfahren entlockt dem Original die Kernbegriffe und macht die statistische Auswertung treffsicherer. Wissenschaftlicher Standard dafür ist Helmut Schmids "Treetagger", ein Programm, das ebenfalls im Netz verfügbar ist. Für stern.de haben die Linguisten Joachim Scharloth (Dresden) und Friedemann Vogel (Freiburg) die Parteiprogramme lemmatisiert, bevor Wordle sie durch seine Algorhythmen jagen durfte.

Feinberg und Eames

Erfunden hat Wordle der amerikanische Softwareentwickler Jonathan Feinberg. Er beschäftigte sich 2006 mit sogenannten tagclouds, die Inhalte von Webseiten in anklickbare Schlagwörter verwandeln. Begeistert haben ihn die Tagclouds nicht: Er finde sie weder besonders interessant, noch seien sie visuell befriedigend, schreibt Feinberg. Der Freizeitmusiker wollte mehr - und anderes. Worte, die einfach nur Worte sind, also nicht anklickbar. Künstlerisch arrangiert, optisch umwerfend. "Ich entschied mich, etwas zu entwickeln, das nur dem Vergnügen dient. Im Geiste von Charles Eames Satz: 'Würden Sie etwa behaupten, das Vergnügen sei nicht nützlich?'" Eames (1907-1978) hat Klassiker der Designgeschichte geschaffen, darunter den berühmten Lounge-Chair. Feinberg Wordle. Im Juni 2008 ging seine Website online.

Millionen Wordle-Grafiken sind seitdem entstanden. Jeder kann sie verwenden, wie er möchte - auf T-Shirts drucken, für Vorträge nutzen, online publizieren: Feinberg stellt seinen Wortzauber kostenlos zur Verfügung. Und die daraus resultierenden Erkenntnisse auch. Eine davon ist: So schön waren Parteiprogramme noch nie. Mit Wordle aufbereitet sind sie eine echte Schau - und verraten auf den ersten Blick etwas über ihre Autoren. Konkrete Wahlversprechen lassen sich so zwar nicht ermitteln. Aber ehrlich: Wozu auch. Nach der ersten Hochrechnung hat das Wünsch-Dir-was ohnehin ein Ende. Was hatte Guido Westerwelle doch 2009 vor der Wahl in jedes verfügbare Mikrofon gepredigt? Genau: Die Steuern sollten einfach, niedrig und gerecht sein. Spötter sagen, nun seien es zumindest die Umfragewerte der Liberalen.

Ein Tipp: polittrend.de

Wordle ist natürlich nur ein Tool der linguistischen Analyse. Wer sehen will, was Profis sonst noch aus Reden und Texten herausholen, zum Beispiel aus der Rhetorik von Steinbrück und Merkel: Joachim Scharloths polittrend.de liefert Wortfetischisten den ganzen Stoff.

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