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100 Jahre Jugendherberge: W-Lan statt Hagebuttentee

Zum Trocknen hängt ein pinkfarbener Büstenhalter neben skandinavischen Trekkingsocken am Kleiderhaken. Was hätte wohl Richard Schirrmann, der Urvater der Jugendherbergen, zu diesem Bild gesagt? Eine Nacht im Zehnbettzimmer der Youth Hostel Berlin.

Von Roland Brockmann

Als Richard Schirrmann vor hundert Jahren seine erste Unterkunft für die reisende Jugend eröffnete, wäre er sicher entrüstet eingeschritten. Aber der Herbergsgründer ist längst verstorben, während seine Idee die Welt von Australien bis Zypern eroberte, dabei allerdings im Laufe des Jahrhunderts auch so manchen (moralischen) Wandel durchlief.

Es ist bereits nach zehn Uhr, aber das große Licht im Schlafsaal 1 der Jugendherberge Berlin International noch an. Der Stil hat sich gelockert, auch wenn zwischen 23 und 7 Uhr offizielle Nachtruhe herrscht. Im Bett hinter mir kuschelt ein deutsches Pärchen selbstversunken auf der schmalen Matratze. Vorne notiert Architekturstudent Nori aus Japan, 22, seine Hauptstadtimpressionen. Und die Besitzerin der Trekkingsocken, sie stammt aus Korea, kramt in ihrem riesigen Rucksack herum.

Deutschland, Japan, Korea, Frankreich unter einem Dach

Lee Jay Won ist erst heute Morgen mit dem Nachtzug aus Amsterdam angekommen, hat viel zu waschen. Nein, zum Ausgehen sei sie zu müde. Die Französin Sarah, im Etagenbett über Nori treibt sich noch irgendwo in der Stadt herum. Denn eine moderne Jugendherberge hat rund um die Uhr geöffnet. Ganz hinten kritzeln Misato und Kanae, beide 22 und aus Tokio, in ihren Tagebüchern.

Unser Zehnbettzimmer gleicht einem west-östlichen Divan, aber nach Party mutet die Stimmung in Schlafsaal 1 nicht an. Keine Weinflasche macht die Runde, ohnehin gilt die Herberge als rauchfreie Zone. Unsere internationale Jugend, so scheint es, bedarf keiner Regeln, um sich zu benehmen. Dass sich die beiden hübschen Mädels aus Reutlingen nur in seidenen Shorts und T-Shirt für die Nacht zu Recht machen, sorgt nicht für Irritationen. Nori hebt nicht mal die Augen von seinen Aufzeichnungen.

Dabei haben sie alle, vom zärtlichen Pärchen mal abgesehen, das Zehnbettzimmer auch deshalb gewählt, weil man so mit einander in Kontakt kommt, nicht nur weil die Nacht 15 Euro inklusive Frühstück kostet. Immerhin, Nori war gestern Nacht mit Sarah im Tacheles, der Berliner Vorzeigeruine aus Wendejahren mit Live-Programm - das Standardprogramm für Backpacker im japanischen Berlin-Reiseführer.

Wenn es Nacht wird

Das deutsche Pärchen fängt an, Karten zu spielen. Korea überwacht im Waschraum im Parterre die Wäsche, und Reutlingen ist unter die hauseigene gelbe Bettwäsche geschlüpft. Was jetzt, Reisender?

Nori und ich schlappen runter zur Bar "Backpacker", einem Appendix vom postmodern illuminierten Empfangstresen der Jugendherberge. Man ist modernen Zeiten gegenüber aufgeschlossen, Service rund um die Uhr. Pizza aus der Mikrowelle oder Chips aus der Tüte - und kaltes Bier! Auf die weiße Wand dahinter wirft der Videobeamer Dieter Bohlen an die Wand: "Deutschland sucht den Superstar".

Auf den Ledercouches davor hocken gelangweilt ein einsamer Papa mit Kind und eine Frau ohne Anhang, als zum verspäteten Check-in noch ein Verein aus Sachsen eintrifft: Gruppenübernachtung in der Jugendherberge - praktisch und günstig nicht zuletzt für den deutschen Michel in regenresistenter Jacke. Sofort erfüllt Kinderlärm die Halle, kurz darauf haben die Kids den Fernsehraum im ersten Stock okkupiert, den Spieleraum "Checkpoint Charly" mit obligatorischer Pingpongplatte nebst Tischfußball instinktiv ignoriert. Denn dessen Aura aus blankem Linoleumboden und Stapelstühlen erinnert sehr an alte Zeiten von Vater Schirrmann und Schullandheimen - als blasser Hagebuttentee aus mächtigen Edelstahlkannen noch den Morgen erquicken sollte.

Der Herbgergsvater hat Hotelmanagement studiert

"Allerdings", so Christian Naumann, "so mancher Papi taucht hier heute mit seinen Jüngsten auf, um ihnen zu zeigen, wo und wie er seine Jugend verbrachte - und ist dann überrascht." Wenn er auf Christian Naumann trifft, den Herbergsvater, der sich selbst aber nicht so nennt. Das würde doch nicht passen, wenn ein älterer Herr vom Kegelverein den 32-Jährigen mit "Vater" anspricht. Im Übrigen hat Naumann Hotelmanagement studiert und nicht Pädagogik, was früher die Regel war, als Eltern ihre Kinder in den guten Hände einer Vertrauensperson wissen wollten. Heute kommt es auch in den Jugendherbergen eher auf Kostenmanagement an, denn jedes Haus des Werks, so Naumann, müsse sich finanziell selber tragen.

Der zentral am Tiergarten gelegenen Hauptstadtherberge fällt das relativ leicht: "Wir hatten letztes Jahr eine Auslastung von 81,5 Prozent", so der Chef des Hauptstadthauses mit 341 Betten. Von den Gästen seien 40 bis 45 Prozent Individualreisende und 41 Prozent internationales Publikum. Die moderne Jugendherberge steht vor allem in Konkurrenz zu den privaten Hostels, die kaum teuer sind. "Allerdings mit günstigen Lockangeboten arbeiten," betont Naumann. Dort koste die Samstagnacht in der Hochsaison mehr.

Im Grunde sei es wie mit der Post und den privaten Zustelldiensten. Der Postbote bringt den Brief eben auch bis zur Hallig Hooge, nicht nur in wirtschaftlich interessante Ballungsgebiete. Jugendherbergen bieten auch in ländlichen Regionen Übernachtungsservice, während sich die private Konkurrenz auf touristische Hochburgen konzentriert - dort also, wo der moderne Traveller nach billiger Unterkunft fragt: "Demnächst", so Naumann, "soll am Hauptbahnhof noch eine 800-Betten-Billigherberge von A & O-Hostels öffnen."

Hat die öffentlich geförderte Herberge mit Mitgliedsausweis nicht längst ausgedient? Die Berliner Räumlichkeiten mit Wlan oder Empfangspersonal mit Rastahaaren (ein Zivildienstleistender) jedenfalls unterscheiden sich kaum noch von den hippen Hostels.

Für den studierten Hotelmanager hebt sich das Traditionsmodell vor allem durch seine Vielfalt ab. Es gebe Jugendherbergen an Seen, in den Bergen, auf Burgen, in Landhäusern oder nahe an Gedenkstätten. Und man biete nicht nur Übernachtung mit etwas Entertainment, immer noch gehe es auch um einen "pädagogischen Auftrag". Je nach Ausrichtung werden ökologische oder historische Exkurse angeboten. In Ravensbrück etwa schlafen die Gäste in Häusern ehemaliger Aufseherinnen des Konzentrationslagers. Aber auch das Jugendherbergswerk selbst, räumt Naumann ein, habe noch einiges aufzuarbeiten. Vor allem am Image, das bei vielen nicht nur von frohen Jugenderinnerungen geprägt sei - Graubrot und strenges Personal in weißen Kitteln.

Der graue Betonklotz in Berlin empfängt den Besucher zunächst mit Verboten: "Zutritt nur für Inhaber von Jugendherbergsausweisen" warnt ein Schild Rot auf Weiß am Eingang abweisend, gleich neben dem Hinweis, dass man nun eine rauchfreie Zone betrete.

Hostel oder Herberge?

Warum hat sich Nori für die Jugendherberge entschieden? "Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht", erklärt er, der es eher ruhig und ordentlich mag, genau wie Jay, die sich gar nicht bewusst war, wo genau sie eigentlich übernachtete - ihr koreanischer Berlinführer macht scheinbar keinen Unterschied zwischen Hostel und Herberge. Die beiden hocken zusammen im Frühstückssaal, neben zwei 16-Jährigen in weißem Hemd und Krawatte. Austauschstudenten aus Sri Lanka. "Wir nehmen gleich an einem Meeting teil", erklären sie ihren gebügelten Auftritt.

Nori und Jay wollen zum Flohmarkt am Ostbahnhof. Zusammen mit dem Japaner Tomo aus Schlafsaal 2, der in Stuttgart Kunst studiert. So bleibt Fernost doch unter sich. Aber die drei verbindet ihr Studiengebiet: Jay macht gerade ihren Abschluss in Kunstmanagement.

Zusammen verlassen wir an diesem grauen Sonntagmorgen das graue Gebäude, das ein Jahr vor dem Bau der Mauer entstand, aber auf eine hundertjährige Idee zurück geht. Als ich den dreien das strenge Hinweisschild am Eingang zeigen will, ist es verschwunden. Naumann muss es nach unserem Gespräch abmontiert haben - ein ziemlich lernfähiger Herbergsvater.

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