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Azoren-Insel Santa Maria: Ein zauberhafter Ort im äußersten Westen Europas

Im äußersten Westen Europas: Auf Santa Maria gehen die Uhren langsamer, die Azoren-Insel schlummert vor sich hin. Wer sich darauf einlässt, erlebt einen zauberhaften Ort voller Melancholie.

Von Christian Ewers

Leuchtturm Santa Maria

Der Leuchtturm Gonçalo Velho steht wie eine Trutzburg an Steilküste im Südosten von Santa Maria auf den Azoren

Mario Silvas wichtigste Aufgabe ist es, zweimal am Tag den Vorhang an die richtige Stelle zu schieben. Abends, kurz bevor das Licht im Leuchtturm Gonçalo Velho aufflammt, öffnet er ihn. Morgens, wenn der weißgelbe Strahl aufhört, den Horizont abzutasten, zieht Silva ihn wieder zu. Der empfindliche Metallspiegel, 1925 gebaut in Paris, braucht Schutz vor der Sonne.

Tagsüber sitzt Silva, 47, in seiner Leuchtturmwärter-Stube. Er schaut auf den Atlantik und wartet, dass etwas passiert. Meistens passiert nichts. Die anderen zwölf Leuchttürme auf den Azoren-Inseln laufen vollautomatisch. Wenn es irgendwo eine Störung gibt, macht Silva ein paar Anrufe, und dann wird das repariert.

Zeit kostet nichts auf Santa Maria, rund 1500 Kilometer vom portugiesischen Festland entfernt. Zeit lässt man am besten verstreichen, oder, wie Mario Silva sagt: „Man muss die Welt sich drehen lassen. Man kann sie sowieso nicht aufhalten.“

Santa Maria hat ein ganz eigenes Tempo. Der fröhliche Fatalismus der Menschen hier sorgt für eine angenehme Zeitlupenhaftigkeit des Lebens; kein Gehupe im Straßenverkehr, kein Drängeln in der Supermarktschlange, kaum Smartphones, die Metronome der Moderne.

Grüner Tupfer im Ozean: Santa Maria

Mario Silva ist in seiner Stube sowieso nur übers Festnetz zu erreichen. Unter ihm tosende Steilküste, 114 Meter senkrecht bis zur Wasseroberfläche. Der Gonçalo Velho, weiß getüncht und mit roter Lichtkuppel, ist der vielleicht schönste Leuchtturm Portugals. Er wirkt wie eine Burg, so kühn, wie er sich der Brandung entgegenstellt.

Hinterm Horizont im Süden liegen die Kanaren und Marokko; im Norden ist von hier oben das Dorf Santo Espírito zu sehen, im Westen der Hafen mit der Fährverbindung nach Ponta Delgada, der Hauptstadt der Azoren auf São Miguel.

Menschenleere Bucht Baía da Praia

Die Baía da Praia zählt zu den schönsten Buchten der Azoren


Es ist noch gar nicht so lange her, da war Santa Maria das Zentrum des Insel-Archipels. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs errichteten die Amerikaner eine Militärbasis im Westen Santa Marias. Die Insel bekam eine riesige Landebahn, und damit sich die Soldaten nicht langweilten, wurde kräftig gebaut: Kino, Schwimmbad, eine Sporthalle. Nach dem Sieg der Alliierten über Nazi-Deutschland übergaben die Amerikaner den Flughafen an die Portugiesen – und die besten Jahre von Santa Maria begannen.

Zahlreiche Passagiermaschinen machten nun während ihrer Transatlantikflüge einen Zwischenstopp auf Santa Maria. Sie tankten Kerosin nach, nahmen Getränke und frische Speisen an Bord, nicht selten ließen die Piloten auch die Triebwerke warten und kleinere Reparaturen durchführen. Ein völlig neuer Wirtschaftszweig entstand auf der Insel der Milchbauern und Rinderzüchter. Die Übernachtungszahlen stiegen, Restaurants und Bars öffneten; zudem kontrollierte eine Station für Luftraumüberwachung den gesamten Flugverkehr über dem Nordatlantik.

Santa Maria war plötzlich mehr als ein grüner Tupfer im Ozean. Santa Maria war ein Fixpunkt, die Brücke zwischen Amerika und Europa.

Herrlich helle Sandstrände

Doch die Blütezeit währte nur kurz. Bereits in den 60er Jahren hatten die Passagierflugzeuge ihre Reichweite deutlich erweitert; der Atlantik war nun ohne Tankstopp zu überqueren. Bis heute hat Santa Maria keinen schlüssigen Plan, wie es weitergehen könnte. Die Landwirtschaft, auf die man baut, ist jedenfalls ein lausiges Geschäft. Für Milch, Butter und Käse werden derzeit nur Dumpingpreise gezahlt; zudem muss die Ware aufwendig in Kühlcontainern verschifft werden. Europa ist fern.

Und so wandern die jungen Menschen oftmals aufs portugiesische Festland aus oder nach Südamerika. Seitdem die großen Flugzeuge nicht mehr kommen, hat sich die Bevölkerung nahezu halbiert. Santa Maria schlummert so vor sich hin. Eine vergessene Insel, die die herrlichsten Sandstrände der Azoren hat und die meisten Sonnenstunden zählt. Eine Insel, die optisch einen ähnlichen Charme besitzt wie Havanna: Die Pracht vergangener Tage lässt sich noch erahnen, aber die Fassaden bröckeln.

Wie ein Gemälde von Kandinsky

Santa Maria ist ein zauberhafter Ort für Besucher, die Melancholie nicht nur als bedrückend empfinden. Melancholie kann ja auch ein Sehnen sein, eine Erinnerung an früheres Glück, verbunden mit der Hoffnung, dass es irgendwann zurückkommen möge.

Ein guter Ausgangspunkt für eine Spurensuche ist die Straße von São Pedro nach Anjos. Ein Seitenweg führt in die Deserto vermelho, in die rote Wüste von Santa Maria. Früher wurde hier bleihaltige Tonerde abgebaut, die man für die Töpfereien benötigte; heute schimmern auf der längst verlassenen Fläche Rot- und Brauntöne in unzähligen Schattierungen. Der ebene Lehmboden wird umfasst von dunkelgrünen Farnen und Büschen, und am Horizont ist der blaue Atlantik zu sehen. Ein gewaltiges Farbenspiel. Eine Szenerie wie ein Gemälde von Kandinsky, fast unwirklich in ihrer Wucht.

1493 kam Kolumbus

Kehrt man zurück auf die Hauptstraße, erreicht man bald Anjos, eine der ältesten Siedlungen auf den Azoren. In der Mitte des Dorfplatzes steht eine Bronzestatue von Kolumbus. Der Seefahrer ankerte 1493 vor der Küste von Anjos, nachdem er auf dem Rückweg von seiner ersten Amerikareise in ein schweres Unwetter geraten war. Die Dorfbewohner sollen in den Fremden zunächst Piraten gesehen haben – das waren nämlich zu jener Zeit die typischen Inselgäste. Aus Furcht nahmen sie einige Seeleute gefangen, bis diese glaubhaft machen konnten, im Auftrag der spanischen Krone unterwegs zu sein und nur die Welt entdecken zu wollen.

Häuser auf Santa Maria

Viele Häuser auf Santa Maria haben einen kleinen Gemüsegarten, dicke Mauern halten die Räume kühl


Heute steht der Bronze-Kolumbus bedenklich nach vorn geneigt auf einem Sockel. Vielleicht erträgt er den Anblick der Fischfabrik nicht, einer Ruine in Nachbarschaft eines aufgegebenen Weinguts und eines verwitterten, ehemals stolzen Strandhauses. Das Meeresschwimmbad jedoch ist noch in Betrieb.

In den Sommermonaten schlägt hier das Herz von Santa Maria; manchmal ist die halbe Insel zu Gast; viele Familien liegen unter Sonnenschirmen und hören dem Gurgeln des Atlantiks zu – wenn sie nicht selbst im Naturschwimmbecken baden oder an der Strandbar abkühlen. Die Kinder mit Eis am Stil, die Erwachsenen mit Bier, so kalt, dass man es fast lutschen kann. Anjos, 1439 gegründet, stehen geblieben irgendwann in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, menschenleer im Winter, ist in diesen Wochen jung und straff wie nach einer Kur. Selbst Kolumbus scheint sich ein paar Zentimeter aufzurichten.

Anjos im Sommer ist ein typisches Santa-Maria-Erlebnis: Es gibt hier ein vergnügtes Leben im beschwerlichen, ein Funkeln in altersschwachen Kulissen, nirgendwo das pure Idyll, aber überall eine verborgene Schönheit.


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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(