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Deutschlands Inseln, Teil 10: Amrum: Wenig Kultur, aber viele Kalorien

Hochkultur und kulinarische Genüsse sucht man auf Amrum vergeblich. Und selbst das Wetter spielt selten mit. Aber es gibt da etwas auf der Insel, dass jährlich tausende Urlauber ins Watt zieht: das Zen nach Nordfriesenart.

Von Harald Braun

Drei Tage reichen in der Regel, um das Geheimnis von Amrum zu ergründen. Es basiert auf einem ganz einfachen Prinzip: Erst drängt es einen nach draußen an die frische Luft, weil die Schönheit der Insel eine magische Anziehungskraft entwickelt, selbst wenn es regnet oder so kalt ist, dass man Zuckerwatte atmet. Man will an den 15 Kilometer langen Strand mit seinem berühmten, karibisch anmutenden Kniepsand oder einfach nur hinaus ins Watt, weil schon der Marsch glücklich macht, in Echtzeit.

Und dann, nach einer Stunde oder zwei, zwingt einen das Wetter - oft auch im Sommer - wieder hinein in irgendeine gute Stube, mit klammen Fingern, laufender Nase und strahlenden Augen. In die düster-bauchige "Seekiste" in Nebel zum Beispiel oder auf einen traumhaften Johannisbeertee im Friesen-Café. Man rettet sich bibbernd an einen lodernden Kamin oder hält sich an einem heißen Getränk fest. Und es dauert, bis man die Wärme spürt, die sich von den Füßen ganz langsam bis zu den Haarspitzen durchschlägt - und einen schon wieder glücklich macht bis zur matten, erhabenen Bedürfnislosigkeit. So gesehen ist Amrum also eine Art Zen nach Nordfriesenart.

Fünf Dörfer - fertig

Natürlich würde ein Amrumer Ureinwohner bei so blumigen Einschätzungen seiner Heimat energisch widersprechen. Schon allein deshalb, weil ihm fernöstlicher Mummenschanz fremd ist, und außerdem schon aus Prinzip. Der Nordfriese ist ein kantiger Mensch, wortkarg und nüchtern. Amrum, das sind für ihn fünf Dörfer. Wittdün, Nebel, Süddorf, Steenodde, Norddorf. 20,46 Quadratkilometer Ausdehnung, 2100 Einwohner, 15 Kilometer Sandstrand in der Länge, zwei Kilometer in der Tiefe. Die zehntgrößte Insel Deutschlands. Seine Heimat. Punkt!

"Er ist schon eigen, der Inselbewohner" sagt Krischan Koch, ein Journalist und Kabarettist aus Hamburg, der gerade im Juni seinen ersten Kriminal-Roman "Flucht übers Watt" veröffentlichte. Schauplatz: Amrum. Kein Zufall. Koch kennt sich aus auf den Nordfriesischen Inseln. Etwa drei Monate des Jahres, so schätzt er, lebt Koch auf Amrum. Im schönen traditionellen Friesendorf Nebel, um präzise zu sein. Mit einem Schreibzimmer, von dem er weit hinaus aufs Meer schauen kann. Angeblich sind in Nebel die meisten Zweitwohnsitze in ganz Schleswig-Holstein gemeldet - mehr als auf Kampen oder Westerland.

"Flucht übers Watt"

Glaubt man den amüsanten Beschreibungen in Kochs Roman, dann besteht Amrum hauptsächlich aus grobschlächtigen Einheimischen, die den Mund nicht auseinander bekommen und einer Menge schrulliger Touristen in Socke und Sandale. Ein tückisches Gemisch - muss man mögen. Natürlich meint Krischan Koch das nicht so, er hat bloß ein wenig verdichtet. Schon im Vorwort seines Buches blitzt in einer Art vorauseilender Entschuldigung der einnehmende Schalk seines Erzähltons auf. Es ist eindeutig, bei all seiner spöttischen Lästerei: Koch mag sie wirklich, seine Insel. Schon allein, weil sich auf Amrum wenig verändert hat, seitdem er als Steppke mit seinen Eltern zum ersten Mal hier war. "Aber auch, weil Amrum nie voll ist. Ich liebe diese Einsamkeit in der Natur, die man hier findet. Selbst in der Hochsaison muss man nur ein paar Schritte abseits der Bohlenwege gehen und schon ist man ganz allein!"

Piratenschiffe aus Treibgut

Krischan Koch erzählt in seinem sympathischen Roman vom Kunststudenten Harry Oldenburg, der sich vor achtzehn Jahren mit ein paar geklauten Nolde-Gemälden auf Amrum flüchtete und nun ein Bild zurückholen will, das er damals auf der Flucht zurücklassen musste. Dabei versteht Krischan Koch es gekonnt, die schöneren Plätze Amrums in die Handlung einzubauen. Das macht "Flucht übers Watt" nicht nur unterhaltsam, sondern schon fast zu einem belletristischen Reiseführer. Sogar Krischan Kochs persönlicher Lieblingsort auf Amrum findet im Buch sein Plätzchen. Es handelt sich um eine Skulptur, die der Berliner Künstler "Panscho" auf einer kleinen Düne am Nordrand der Insel aus angeschwemmten Fundstücken gebaut hat, und die aus der Ferne aussieht wie ein surrealistisches Piratenschiff.

Anne Blauert kennt das Piratenschiff Panschos, denn auch sie ist auf Amrum gerne in der Natur unterwegs. Sie stammt eigentlich aus Kiel, doch dann lernte sie 1998 ihren heutigen Mann Matthias kennen, einen Einheimischen. Seit drei Jahren lebt sie nun auf Amrum und unterrichtet als Lehrerin an der Insel-Realschule Sport, Mathematik und Englisch. Auch sie hat vor allem "die Ruhe der Insel und die pfeifenden Winde" schätzen gelernt, auch wenn der erste Winter hart gewesen sei. Sogar dem "Blanken Hans" kann sie etwas abgewinnen: "Wenn es auf der Insel so richtig stürmt und Sturmfluten drohen, dann ist das ein tolles Erlebnis." Andererseits: Anne Blauert ist 31 Jahre alt, und immer nur raus aufs Watt möchte man als junger Mensch ja auch nicht schauen. "Das kulturelle Angebot der Insel ist schon ausbaufähig", sagt sie. Im Lichtblick-Kino zeigen sie im Sommer den Film "Die Sturmflut" und im Winter die Wiederholungen aus Hollywood, das ist schon dünn."

Wenig Kultur, viele Kalorien

Das Nachtleben besteht für sie aus gelegentlichen Besuchen in der "Blauen Maus", einer urigen Kneipe oder einem Besuch im "Likedeeler" einem Restaurant, dass sich nach den Gefolgsleuten des Seeräubers Klaus Störtebecker benannt hat. Tatsächlich gehört das Haus an der Steenodder Mole zu den wenigen kulinarischen Highlights, die sich Amrum gönnt. Die Küche der Insel ist nicht gerade als raffiniert und kalorienarm bekannt: Mit dem "Amrumer Pannfisch" mit Bratkartoffeln, Speck, Zwiebeln und den obligatorischen Nordseekrabben ist oft schon das Ende der Fahnenstange erreicht. Anne Blauerts erster Anlaufpunkt ist allerdings die "Butt'ze" in Wittdün: "Die Fischbrötchen sind einfach die Besten!"

Aber nicht jeder ist für dieses nordfriesische Zen gemacht. Eine Jugendfreundin hat Anne Blauert nur ein einziges Mal auf Amrum besucht. Mit Wind, Wetter, Strand und Watt konnte die überzeugte Städterin wenig anfangen, stattdessen vermisste sie schon bald Menschen, Cafés und Kultur. Nach drei Tagen hatte sie genug vom großen Nichts und rettete sich zurück aufs Festland. Manchmal reichen eben auch drei Tage, um vor einem Geheimnis davon zu laufen.

Weitere Infos
Anreise:: Die wenigsten kommen mit dem Flugzeug über Sylt auf die Insel. Aber es geht! Mit der Bahn reist man bis zum Hafen in Dagebüll oder Nordstrand. Mit der Fähre geht’s dann mehrfach täglich auf die Insel. Autos können mitgenommen, müssen aber angemeldet werden. Oder auf einem kostenpflichtigen Parkplatz in Dagebüll abgestellt werden.Unterkunft: Die Auswahl ist groß: Hotel, Ferienwohungen oder nur ein Zimmer - genügend Unterkünfte gibt es für die Gäste
Fremdenverkehrsamt: www.amrum.de

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