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Köln: Viva Colonia

Mieses Wetter, unfreundliche Bedienung oder schlechte Fußballergebnisse - es gibt vieles, was den Deutschen die Laune verdirbt. Nur den Kölnern nicht. Denn in der Stadt des Frohsinns herrscht dank zehn einfacher Regeln immer gute Stimmung. Nicht nur zu Karneval.

Von Jens Maier

Man kann es in jeder Kneipe lesen, irgendwo an der Theke hängt es aus: das "Kölsche Grundgesetz". Die Bläck Fööss haben den neunten Paragrafen mit ihrem gleichnamigen Hit weltberühmt gemacht. "Drink doch ene met" (Trink doch einen mit) wird sogar in Kneipen jenseits des Rheins gesungen und befolgt. Zusammen mit den neun anderen Lebensmaximen macht das Kölsche Grundgesetz die Rheinländer zu fröhlicheren Menschen.

Nein, mit Fakten braucht man den Kölnern gar nicht zu kommen. Da können noch so viele Umfragen belegen, dass die Menschen in München mehr Lebensqualität hätten. Dass Düsseldorf eigentlich die schönere Stadt als das im Krieg völlig zerbombte und total vermurkst wieder aufgebaute Köln sei. Dass in Hamburg das Bruttosozialprodukt um einiges höher oder Berlin die eigentlich Medienhauptstadt sei. Ein Kölner wird all das mit einem Satz widerlegen: "Kölle is e Jefühl" (Köln ist ein Gefühl).

Und jeder, der einmal dort war, wird es sofort spüren. Dieses Gefühl der Leichtigkeit kölschen Seins. Die Schwerelosigkeit, die man sonst nur aus dem Süden Europas kennt. Schuld daran ist das Kölsche Grundgesetz, das das Leben in der Domstadt angeblich schon seit der Römerzeit regelt und nach Meinung der Kölner sowieso als Anregung für alle Völker der Erde dienen müsste. Zehn Regeln, die das Leben so einfach machen können. So lauten sie nun:

§ 1 Et es, wie et es (Es ist, wie es ist)

Sieh den Tatsachen ins Auge. Ob der berüchtigte Kölsche Klüngel oder die Bausünden der 50er Jahre mit gekachelten Häuserwänden - der Kölner nimmt es hin. Es ist eben, wie es ist, und bestehende Zustände zu verändern, würde nur unnötige Kräfte vergeuden.

§ 2 Mäht nix (Macht nix)

Füge dich deinem Schicksal. Wenn etwas schief läuft, macht es nichts, denn dann ist es vom Himmel gewollt. So kommt es, dass die Fans des 1. FC Köln selbst dann noch gut gelaunt sind, wenn ihr Klub schlecht spielt und zum vierten Mal absteigt. "Dann steigen wir wieder auf", intonieren sie auf den Rängen, und es tritt automatisch Paragraf drei in Kraft.

§ 3 Et kütt, wie et kütt (Es kommt, wie es kommen muss)

Habe keine Angst vor der Zukunft. Denn es kommt ja alles so, wie es kommen soll! Kölner hadern nicht mit ihrem Schicksal. Auch in den tiefsten Lebenskrisen singen sie stets nur fröhliche Lieder. So war es auch nach dem Zweiten Weltkrieg. Aus den Trümmern der zu über 80 Prozent zerstörten Stadt ragte nur noch der Dom. Karneval wurde trotzdem gefeiert. Am 6. Februar 1946 fand im schnell wieder hergerichteten Millowitsch-Theater die erste Sitzung nach dem Zweiten Weltkrieg statt.

§ 4 Et hätt noch immer jot jejange (Es ist noch immer gut gegangen)

Lerne aus der Vergangenheit. Der wahre Kölner ist schon von Geburt aus Optimist! Für ihn ist das Leben ein einziger Genuss. Bisher ist ja auch noch immer alles gut gegangen. So jüngst beim Streit um die Aberkennung des Weltkulturerbes. Weil die Stadt auf der rechtsrheinischen Seite (Schäl Sick) Hochhäuser bauen lassen wollte, die den Dom überragen, drohte die Unesco damit, den Dom aus der Liste der Weltkulturgüter streichen zu lassen. Schließlich wurden die Hochhäuser doch nicht gebaut - Begründung: "man hat sisch verreschnet" - und alles ward gut.

§ 5 Watt fott es, es fott (Was fort ist, ist fort)

Jammere den Dingen nicht nach. Der Kölner trauert keinen verloren gegangen Dingen oder alten Freundschaften hinterher. Klar, dass ausgerechnet Düsseldorf als viel kleinere Stadt die Hauptstadt des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen geworden ist, wurmt die Kölner bis heute. Und auch, dass Berlin die Popkomm samt Viva aus Köln gelockt hat, sorgte für Unmut. Aber: Was weg ist, ist weg, und notfalls tritt ja dann Paragraf drei in Kraft.

§ 6 Jede Jeck is anders (Jeder Mensch ist anders)

Jeder Mensch ist anders! Und ein echter Kölner nimmt seine Mitmenschen so, wie sie sind. Vielleicht ist das der Grund, dass besonders viele Schwule sich in Köln angesiedelt haben. Ihr Christopher Street Day, der einmal im Jahr gefeiert wird, gehört ebenso zum Kalender der Events in Köln wie der Rosenmontagszug.

§ 7 Watt sull dä Quatsch (Was soll der Unsinn)

Stell immer die Universalfrage. Kleinere Streitereien räumt der wahre Kölner mit den Worten "Was soll der Unsinn" aus dem Wege. Er ist schon von seinem Gemüt her überaus leicht versöhnlich und nimmt nichts lange übel. Und dann kommt Paragraf neun ins Spiel.

§ 8 Hammer immer esu jemaat (Haben wir schon immer so gemacht)

Bewahre Traditionen. Neuerungen oder gar Reformen begegnen die Kölner mit großer Skepsis! Sie sind von Natur aus konservativ und machen erst mal so weiter wie früher. Wie im Mittelalter darf auch deshalb kein Haus in der Kölner Innenstadt den Dom überragen. Nur beim Colonius, dem Fernsehturm, hatte man eine Ausnahme gemacht. Aber da galt wiederum Paragraf drei.

§ 9 Drink doch ene met (Trink doch einen mit)

Komme dem Gebot der Gastfreundschaft nach. Kölner knüpfen schon nach wenigen Minuten Freundschaften, besonders in der Kneipe. Gerne geben sie an der Theke einem Fremdling auch ungefragt ein Kölsch aus. Und das ohne Hintergedanken. Ein Fremder bleibt in Köln nicht lange alleine. Es soll allerdings schon vorgekommen sein, dass der Kölner seinen Trinknachbarn am nächsten Tag nicht mehr kannte. Will der Fremdling dann Streit anfangen, denkt der Kölner verwundert an Paragraf sieben.

§ 10 Hammer nit, bruche mer nit, fott domet (Haben wir nicht, brauchen wir nicht, weg damit)

Seid kritisch, wenn Neuerungen Überhand nehmen. So ist der Kölner. Letztlich nicht nur sehr konservativ, sondern auch überaus konsequent bis hin zur seelischen Grausamkeit! Wer auch nur ein einziges Mal gegen eines dieser zehn kölschen Grundgesetze verstößt, wird erbarmungslos ausgeschlossen und für alle Zeiten mit Verachtung gestraft. Nur eine Sache ist noch schlimmer: Düsseldorfer zu sein.

Nicht-Rheinländer, besonders die in den protestantisch geprägten Gebieten des Nordens und Ostens, machen sich gerne über diese - ihrer Meinung nach - einfache Lebensphilosophie lustig. Zu Unrecht, befand schon Sebastian Haffner: "Über den großen Flächen Nord- und Ostdeutschlands droht und drohte immer der Stumpfsinn. Und zugleich der horror vacui und der Wunsch nach Erlösung durch Alkohol oder durch einen großen, alles überschwemmenden, billigen Massenrausch." Allein in Bayern und im Rheinland komme "etwas Süden, Romantik und Humor ins Bild".

Und spätestens, wenn an Weiberfastnacht Touristen aus dem Norden und Osten der Republik um die Wette schunkeln und "Viva Colonia" mitsingen, werden sie verstehen, was es heißt, ein Kölner zu sein. Und in ihrem Herz werden sie ein Stück Köln mit nach Hause nehmen. Passend zum diesjährigen Karnevals-Motto: "Mir all sin Kölle."

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