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Reisen in Zeiten der Finanzkrise: "Kurz. Nah. Weg"

Der Reiseweltmeister ist verunsichert: 35 Prozent der Deutschen haben für dieses Jahr noch keinen Urlaub gebucht. "Das ist dramatisch", sagt Freizeitforscher Horst Opaschowski, der jetzt die 25. Deutsche Tourismusanalyse vorstellte.

Herr Opaschowski, verzichten die Deutschen in der Rezession auf Urlaub?

Nein, Urlaub ist die populärste Form von Glück. Das bleibt auch in der Krise so. Aber wenn Kurzarbeit und Jobverlust drohen, kann man nicht beruhigt in den Urlaub fahren. Man wartet ab.

Machen wir in der Krise denn anders Ferien?

"Kurz. Nah. Weg" lautet die Formel. Kürzer verreisen, im eigenen Land bleiben und intensiver genießen. Auch den Luxus einer Zweit- oder Drittreise kann sich nur noch eine Minderheit leisten, jeder zehnte Deutsche. Damit werden aus den schönsten Wochen des Jahres die schönsten Tage.

Bayern und die Küstenregionen können sich also auf einen Urlauberansturm vorbereiten?

Der Reiseweltmeister bleibt gern im eigenen Land. 38 Prozent der Deutschen haben im vergangenen Jahr Urlaub in Deutschland gemacht, die Tendenz ist seit Jahren steigend. Nach Bayern reist ein Fünftel aller Urlauber. Die Nordsee ist nicht mehr so beliebt wie die Ostsee und dort steht Mecklenburg-Vorpommern höher in der Gunst als Schleswig-Holstein.

Niemand schweift mehr in die Ferne?

Fernreiseziele rücken in weite Ferne. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten muss Kroatien die Karibik ersetzen.

Dass heißt, die Deutschen fliegen auch weniger?

Es zeichnet sich eine Renaissance des Autourlaubs ab. Im vergangenen Jahr reisten 51 Prozent mit dem Auto, nur 34 Prozent flogen. Mit der Bahn fahren nur noch sechs Prozent in den Urlaub. Das können Sie vergessen.

Und wenn das Geld dann doch für eine Reise ins Ausland reicht? Wohin fahren die Deutschen 2009?

Spanien und Italien sind nach wie vor beliebt. Im vergangenen Jahr hat die Türkei Österreich vom dritten Platz der Beliebtheitsskala gekippt. Die Sehnsucht nach Sonne überstrahlt alle anderen Reisewünsche.

Wie stark beeinträchtigt die Finanzkrise die Tourismusbranche?

Ferienzeiten fallen immer auch in Krisenzeiten. Es ist ja nicht die erste Krise, die der Tourismus erlebt. Seit dem 11. September 2001 ist die heile Urlaubswelt nicht mehr das, was sie einmal war: Terroranschläge, Irakkrieg, Tsunami, Vogelgrippe, Karikaturenstreit.

Nun sind aber nicht einzelne Regionen, sondern die gesamte Welt betroffen und jeder einzelne merkt die Rezession an seinem Kontostand. Ist das die Zeit der Billiganbieter?

Der Preis wird zur wichtigsten Entscheidungsgrundlage für die Auswahl des Ziels. Wenn die Tourismusbranche mit guten Preis-Leistungs-Verhältnissen lockt, kann sie Gäste gewinnen. Die Krise wird aber nicht zur "Aldisierung" der Branche führen, denn der Urlaub soll nach wie vor etwas Besonderes sein.

Wie lange wird die Tourismusbranche leiden?

Die Touristiker mögen der kommenden Sommersaison noch relativ gelassen entgegensehen; doch schon in der Wintersaison 2009/2010 werden sie sich auf schlechtere Zeiten einstellen müssen. Denn es wird nicht nur am Urlaub gespart, sondern auch im Urlaub.

Und verzichten die Deutschen nicht gleich ganz auf den Urlaub?

Der Mensch kann nicht auf Dauer in den eigenen vier Wänden bleiben. Er muss raus. Aber zwei Drittel der zu Jahresbeginn Unentschlossen bleiben in der Regel zu Hause. Wenn das in diesem Jahr auch so sein wird, wird die Branche das massiv zu spüren bekommen.

Wo kann man derzeit günstig die Ferien verbringen?

Am preiswertesten sind der Harz und die Lüneburger Heide. Eine Woche kostet dort im Durchschnitt 446 Euro. Am meisten Geld braucht der Gast an der Nordseeküste (826 Euro). An der Ostseeküste ist er schon mit 672 Euro dabei.

Und was ist mit Ihnen? Sie haben heute angekündigt, dass dies ihre letzte Studie war. Machen Sie auch erstmal Urlaub?

Ich fahr demnächst mit der Großfamilie an die Ostsee für ein paar Tage. Im Sommer geht es nach Spanien. Ich liege also voll im Trend.

Interview: Swantje Dake

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