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Reiseziel Deutschland: Abschied von der Ferne

Klimabewusstsein und steigender Ölpreis drosseln den Trieb, in die Ferne zu ziehen. Das zeigt auch eine aktuelle Studie: Für den Urlauber von morgen zählen weniger Entfernung und Exotik, sondern Authentizität und Ansehen der Reiseziele. Gutes scheint wieder ganz nahe zu liegen - stern.de macht Vorschläge für Kurzreisen im September.

Von Roland Brockmann

Bislang galt: je weiter, desto besser. In den Sechzigern entdeckten deutsche Urlauber Italien, damals noch exotisch. Heute erscheinen selbst Küstenorte in Spanien wie deutsche Enklaven. Als wirkliche Fernreisen gehen inzwischen vielleicht noch Bali oder Vietnam durch. Völlig in Vergessenheit geriet über den Drang zur Ferne, was vor der eigenen Haustür liegt - egal ob Harz oder Hallig Hooge. Dieser Trend scheint sich nun umzukehren.

"Die Attraktivität eines Reisezieles hängt zukünftig weniger von den dorthin zurückgelegten Kilometern ab, sondern immer stärker vom Nimbus der jeweiligen Destination", so eine Studie der Arthur D. Little Unternehmensberatung. Näher gelegene Urlaubsziele hätten am Markt von morgen gute Chancen, während mit "größer, schneller, weiter" nur noch bedingt gepunktet werden könne. Sprich: Die deutschen Urlauber entdecken die Qualität ihrer Heimatregionen.

Schluss mit der Nix-wie-weg-Mentalität

Steigende Bahn-, Flug- und Benzinkosten beschneiden immer stärker den Reiseradius vieler Urlauber. Aber nicht nur das schrumpfende Budget kürzt die Strecke. Nach der Zeit des Fernreisens scheinen am Strand aufragende Palmen plötzlich weniger interessant zu sein als heimische Pappeln am idyllischen See. Der Urlauber "will Erholung als Gegenpol zum hektischen Alltag, aber auch immer und überall lernen. Er strebt nach extremen Erlebnissen und Aktivismus, ist aber auch einem Urlaub in 'Balkonien' gegenüber aufgeschlossen", so die Ergebnisse der Touristik-Untersuchung.

In die Gestaltung eines entspannten Aufenthalts im privaten Balkonien wollen wir uns nicht einmischen. Aber für spannende, erlebnisreiche Ausflüge im Umkreis von ein oder zwei Tankfüllungen haben wir einige Vorschläge.

Schicksal, Fernweh, Freiheit

Das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven ist Europas größtes Erlebnismuseum zum Thema Auswanderung

Vom Aufbruch im Morgengrauen, über die Atlantik-Passage bis zur Ankunft in Ellis Island in New York - das Deutsche Auswandererhaus erzählt die Schicksale von mehr als sieben Millionen Menschen, die zwischen 1830 und 1974 von Bremerhaven aus nach Übersee aufbrachen. An der Kaje, wie der Kai in Bremerhaven genannt wird, beginnt die Überfahrt in die Neue Welt. Welche Kleidung trugen früher die Auswanderer, was für Gepäck führten sie mit sich? Der Besucher erlebt die Zeitreise hautnah entlang einer originalgetreu nachgebauten Bordwand des Schnelldampfers "Lahn".

Und was spielte sich schließlich auf den Schiffen ab? Auf einem rekonstruierten Zwischendeck eines Segelschiffs oder in der Dritte-Klasse-Unterkunft eines Dampfschiffs erfahren Besucher, wie sich die Bedingungen der Atlantik-Überfahrten über die Jahre veränderten. Egal ob an der Kaje, an Bord oder über die "Galerie der 7 Millionen": Aufwendige Rekonstruktionen und Multimedia-Inszenierungen lassen den Besucher die Auswandererbiografien unmittelbar miterleben.

Überall kann man stöbern, können Informationen abgerufen werden. Und für die Kleinsten wartet in der Kids' World ein ganz eigenes Erlebnis zum neuerdings wieder aktuellen Thema Auswanderung. Bis zum 21. September läuft noch die Sonderausstellung "Nach Buenos Aires! Deutsche Auswanderer und Flüchtlinge im 20. Jahrhundert".

Deutsches Auswandererhaus
Columbusstraße 65, 27568 Bremerhaven, Tel. 0471- 902200
www.dah-bremerhaven.de

Terrestrisches Reisen zum Mars

Während der "Internationalen Bauausstellung Fürst-Pückler-Land" führen Touren per Rad und Floß, mit dem Jeep oder Bus in die bizarren Welten des Tagebaus in der Lausitz in der Nähe von Cottbus in Brandenburg.

Wie eine gigantische Skulptur liegt die alte "Abraumförderbrücke F60" da: 5032 Meter lang, 202 Meter breit und 80 Meter hoch. 11.000 Tonnen, die von Geschichte und Gegenwart des Braunkohlenbergbaus in der Lausitz erzählen. Nachts verwandelt eine Lichtinstallation das Industriedenkmal tatsächlich in ein modernes Kunstwerk.

Um die Zukunft der ehemaligen Bergregion geht es nur 20 Kilometer weiter auf der "Internationalen Bauausstellung Fürst-Pückler-Land" (IBA). Drei EU- und 25 IBA-Projekte sollen noch bis 2010 Impulse zum nötigen Strukturwandel geben. Einiges davon kann man als Besucher bereits erleben.

Noch bis Ende Oktober führen Touren der IBA in bizarre Landschaften aus Canyons, Wüsten und Seenlandschaften - egal ob zu Fuß, per Rad und Floß oder mit dem Jeep. In einem Mannschaftstransportwagen können Besucher wie richtige Bergmänner in den aktiven Tagebau einfahren. Oder den stillgelegten Tagebau Meuro durchwandern, der mit seiner bizarren Landschaft eher an den Mars erinnert. Wie Burgruinen muten stattdessen die Biotürme in Lauchhammer an. Die unter Denkmalschutz stehenden Türme dienten einst zur Reinigung von Abwässern der Großkokerei. Seit Ende Juli ist eine der Turmtropfkörpergruppen als Aussichtsturm begehbar.

Internationale Bauausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land
Seestraße 84-86, 01983 Großräschen, Tel.035753 - 3700
www.iba-see.de
www.f60.de

Klassik im Hangar

Abschied vor dem Abheben während des Musikfestes Berlin: Bevor der Berliner Flughafen Tempelhof seinen Betrieb einstellt, wird in seinem Hangar 2 noch einmal richtig aufgespielt - mit großem Orchester. Bis zum 21. September.

Am 31. Oktober ist endgültig Schluss mit dem Flugbetrieb: Tempelhof schließt seine Hangars für Flugzeuge und Passagiere. Was aus den imposanten Gebäuden des Flughafens werden soll, ist noch unklar. Abschied nehmen aber kann man bereits mit dem großen Werk für drei Orchester von Karlheinz Stockhausen - dirigiert von Sir Simon Rattle.

"Die Dimensionen einer gewöhnlichen Konzertbühne reichen für dieses Ausnahmewerk nicht aus", so die Festival-Leitung. Neben Karlheiz Stockhausens "Gruppen für drei Orchester" wird auch Olivier Messiaens raummonumentale Komposition "Et exspecto resurrectionem mortuorum" aufgeführt. Ein eher musikalischer Höhenflug. Die Berliner Philharmoniker spielen am 20. und 21. September im Hangar 2.

Musikfest Berlin
Vom 4. bis 21. September 2008

Skaten im Fläming

Wem das Konzert in Berlin zu abgehoben ist, der sollte zum Skaten in der niederen Fläming im Brandenburgischen ausweichen.

Die "Flaeming-Skate" ist Europas größte Skate-Region bei Berlin: insgesamt rund 200 Kilometer feinster Asphalt führen an gemütlichen Gasthäusern, alten Kirchen oder historischen Mühlen entlang. Das Herzstück der Flaeming-Skate, der Rundkurs bietet auf seinem Weg durch die Landschaft des Niederen Fläming, vorbei an den Städten Jüterbog und Luckenwalde, leichte wie auch anspruchsvollere Streckenabschnitte. Auf dem traumhaft glatten Asphalt rollen die Skates wie von selbst - gut beraten ist, wer da richtig und rechtzeitig bremsen kann.

Die Flaeming-Skate liegt rund 50 Kilometer von der Berliner Stadtgrenze entfernt. Zu erreichen mit dem Auto oder dem Regionalexpress der Bahn bis Luckenwalde - dem Tor zur Skater-Welt. Das Skaten ist natürlich kostenlos.

Flaeming-Skate

Tauchen im Gasometer

Im "Landschaftspark Duisburg-Nord" verbinden sich Industriekultur, Natur und Sportaktivitäten wie Tauchen oder Klettern.

Eigentlich war der Duisburger Norden stets eine ländliche Idylle. Erst mit der Hochindustrialisierung ab Mitte des 19. Jahrhunderts erwachte die Region aus seinem Dornröschenschlaf. 1901 ließ August Thyssen in Meiderich ein Hochofenwerk bauen. Heute rauchen die Schornsteine nicht mehr, die Hochöfen stehen längst still, und aus der Industriebrache wurde wieder ein Idyll.

Allerdings ein sehr lebendiges: Denn die alten Industrieanlagen sind seit ihrer Stilllegung 1985 zu einem Multifunktionspark umgebaut. Dabei entstand im alten Gasometer ein riesiges künstliches Tauchsportzentrum. Die Hülle des Gasometers fasst 20.000 Kubikmeter Wasser. Wo einst brennbare Gase lagerten, lockt heute eine Unterwasserlandschaft aus künstlich angelegtem Riff und dem Wrack einer Motoryacht. Schnupperkurse bieten auch Tauchunerfahrenen einen Einstieg in den Tauchsport.

Wer umgekehrt nicht abtauchen, sondern aufsteigen will, findet im ehemaligen Erzbunker einen Klettergarten des Deutschen Alpenvereins. Als das Hüttenwerk noch in Betrieb war, wurden hier Koks und die Eisenerze zwischengelagert. Die unterschiedlich steilen Wände sowie die erhalten gebliebenen Türme eignen sich ideal zum Klettern. Die Besteigung der erhalten geblieben Türme des "Möllerbunker" bietet eine fantastische Sicht über die 200 Hektar große Industrielandschaft.

Besucherzentrum Tour-de-Ruhr im Landschaftspark Duisburg-Nord
Emscherstraße 71, 47137 Duisburg, Tel. 0203 - 429 19 42
www.landschaftspark.de

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