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Sommerferien 2020 Wie die Reiseindustrie zum zweiten Mal Urlauber verprellt

Der Reiseveranstalter und die Fluggesellschaft Thomas Cook gingen im September 2019 in die Insolvenz. Die deutsche Tochterfirma Condor hat von der Bundesregierung und dem Land Hessen einen Kredit über 550 Millionen Euro erhalten.
Der Reiseveranstalter und die Fluggesellschaft Thomas Cook gingen im September 2019 in die Insolvenz. Die deutsche Tochterfirma Condor hat von der Bundesregierung und dem Land Hessen einen Kredit über 550 Millionen Euro erhalten.
© Ina Fassbender / AFP
Vorfreunde ist die schönste Freude? Von wegen. Die angeblich schönsten Wochen des Jahres werden in diesem Jahr ganz anders ausfallen. Auch weil das Vertrauen in die Reisebranche innerhalb kurzer Zeit zweimal gelitten hat.

Kaum einer kann sich auf die Sommerferien 2020 freuen, weil keiner weiß, wie und wo sie stattfinden werden. Nur eines steht fest: Die meisten warten mit Buchungen noch ab. Auf alle Fälle wird der Urlaub anders werden – Abstandsregeln all inclusive.

Zwar gibt es endlich eine Perspektive, dass sich die Grenzen ab Mitte Juni wieder öffnen werden. Doch sicher ist das nicht. Eine zweite Ansteckungswelle mit erneutem Lockdown kann alle Hoffnungen genauso schnell durchkreuzen, wie jetzt plötzlich wieder Restaurants eröffnen dürfen.

Unklar bleibt nach wie vor, ob der bereits vor vielen Monaten geplante Badeurlaub am Mittelmeer oder die gebuchte Kreuzfahrt überhaupt stattfinden werden. Die großen Reiseveranstalter üben sich im Zweckoptimismus und wiederholen gebetsmühlenartig, dass alles gut sei: "Es gibt keinen guten Grund, warum die Deutschen auf ihren verdienten Urlaub verzichten müssen", sagt Tui-Chef Friedrich Joussen.

Die Mega-Pleite vor sieben Monaten

Doch das Vertrauen gerade in die Pauschalreise hat in den letzten Monaten sehr gelitten, aus zwei Gründen: Zum einen sind Zehntausende allein in Deutschland im vergangenen Herbst und Winter um ihren Urlaub gebracht worden, die bei Thomas-Cook-, Neckermann-, Bucher-Reisen, Vital Touristik oder Öger Tours gebucht und bezahlt hatten. Das Undenkbare war eingetreten: Mit der Pleite des zweitgrößten Reiseveranstalters Europas hatte kein Kunde gerechnet.

Das Vertrauen in die Pauschalreise war mit einem Schlag erst einmal dahin. Denn in der Folge zeigte sich, dass der viel gepriesene Insolvenzschutz nicht viel taugt, weil die Versicherungssumme gar nicht reicht. In Deutschland muss nun der Staat - sprich: der Steuerzahler - einspringen, um den geprellten Kunden die Differenz zu erstatten, die ihr Geld von der Zurich-Versicherung nur zu einem Teil zurückerhalten haben.

Noch eine zweite Lehre ist aus der Thomas-Cook-Pleite zu ziehen: Der finanziell angeschlagene Reisekonzern betrieb über Jahre ein riskantes Geschäftsmodell und spielte auf Zeit. Die Hoteliers an den Urlaubsorten wurden oft erst bezahlt, nachdem die Kunden schon wieder abgereist waren. Hingegen wurden die Gehälter der Mitarbeiter des Veranstalters aus den laufenden Einnahmen finanziert, also aus den Anzahlungen der Kunden der noch gar nicht angetretenen Reisen.

Dieses Modell konnte und kann nicht gutgehen und wird leider kein Einzelfall bleiben. Dadurch häufen sich immer zum Ende der Hochsaison die Pleiten im Tourismus: Im September werden die Zahlungen an die Leistungsträger fällig. Gleichzeitig geht der Cashflow durch die gesunkene Anzahl von Neubuchungen zurück. Somit hat sich der September auch zum Pleitemonat für Airlines entwickelt.

Gutscheinlösung als Allheilmittel?

Mit der Coronakrise wird das Vertrauen zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit auf die Probe gestellt.

Die Großen der Reisebranche haben mit ihrer gesamten Lobbykraft in Berlin und Brüssel auf eine Gutscheinlösung gesetzt - ohne über einen Plan B nachzudenken.

Doch die kundenunfreundliche Lösung wurde abgeschmettert. Kein Wunder: Was nützt einem ein zwei Jahre gültiger Gutschein, wenn die Fluglinie in naher Zukunft vom Markt verschwunden ist, um es vorsichtig auszudrücken. Das Geld ist dann für immer weg.

Diese Verunsicherung trägt dazu bei, dass Reisende sich mit Buchungen bei Veranstaltern und Airlines zurückhalten. Es zeigt sich wie nach jeder Airline-Pleite erneut das Dilemma: Bis heute gibt es nicht den seit Jahren von Verbraucherschützern geforderten Sicherungsschein auch bei Flugbuchungen.

Sommerferien 2020: Wie die Reiseindustrie zum zweiten Mal Urlauber verprellt

Die Platzhirsche der Reisebranche denken kaum langfristig und nachhaltig, sondern schreien am lautesten nach Staatsgeldern. Tui hat 1,8 Milliarden Euro von der KfW-Förderbank erhalten, kündigte aber diese Woche an, dennoch 8000 Stellen zu streichen.

EU-Verkehrskommissarin Adina Valean hat klar gesagt, dass europäische Verbraucher neben Reise-Gutscheinen weiterhin das Recht auf Erstattung haben. Nun rächt es sich, dass in Deutschland immer noch kein Plan B von der Reiseindustrie auf dem Tisch liegt.

Durch das wochenlange Tauziehen um die Gutscheinlösung ging wertvolle Zeit verloren. Für Markus Tressel, tourismuspolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagfraktion, war die Diskussion ein "kommunikatives Fiasko".

Um das verloren gegangene Vertrauen der Verbraucher wiederzugewinnen, benötigt die Branche neben einem Rettungsfonds für Reisebüros und kleinere Veranstalter auch endlich einen Absicherungsfonds für eingezahlte Kundengelder und eine staatliche Garantie für die Reisegutscheine.

Ferienhaus statt Fernreise

Für diesen Sommer sind Reisen zu weiter entfernten Zielen erst einmal out. Keiner hat große Lust mit einer Maske stundenlang im Flugzeug zu sitzen und so eingeschränkt auf die Malediven zu fliegen. Wir müssen auf große Ortswechsel verzichten. Statt aufwendiger Pauschalreisen buchen viele vermutlich eher eine Unterkunft am Meer, in den Bergen oder den deutschen Mittelgebirgen. Für so eine Ferienhütte benötigt man nicht unbedingt die Tui. Ferienhäuser statt Fernreisen sind jetzt angesagt.

Der Urlaub im eigenen Land wird immer populärer, ebenso in den Lieblingsländern der deutschen Urlauber: Spanier und Italiener werden an ihren eigenen Stränden die Ferien verbringen. Das hat für alle Beteiligten auch den Vorteil, dass das Geld ohne Umwege über Veranstalter dort ankommt, wo es seit zwei Monaten fehlt: in den heimischen Hotels und Restaurants, die ums Überleben bangen.

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