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Städtereisen Berlin: Der Mauer auf der Spur

Der 9. November 1989 hat die Welt verändert. 20 Jahre später steht Berlin ganz im Zeichen des Mauerfalls, von ungewöhnlichen Ausstellungen bis zum großen "Fest der Freiheit" am Brandenburger Tor.

Von Ulrike Wiebrecht

An keinem Ort lässt sich die Wende so gut ablesen wie in Berlin, die sich von einer geteilten Stadt in eine europäische Metropole verwandelt hat. Wie aber ist dieser Wandel genau vonstatten gegangen? Wo ist die Stadt zusammengewachsen, wo sind Spuren der Teilung geblieben?

Das Ausstellungsspektrum reicht von historischen Fotoausstellungen bis zu Spezialthemen wie "Geteilt - Vereint. Zwei Berliner Feuerwehren". Auch wird die East Side Gallery, die längste verbliebene und bemalte Mauerzeile, bis zum November renoviert sein.

Von Mai bis November wandert eine rote Infobox durch die Stadt. An wechselnden Schauplätzen wird sie im Themenjahr auf die Veränderungen seit dem Mauerfall aufmerksam machen. Ein überdimensionaler, mit Helium gefüllter roter Pfeil schwebt über dem jeweiligen Ort. Die Open-Air-Ausstellung dient gleichzeitig als Informationszentrum und ist Ausgangspunkt für ortsbezogene Führungen.

Jeder Berlin-Tourist kann im prallen Veranstaltungskalender der offiziellen Website www.mauerfall09.de das für ihn Passende finden. Warum sich nicht beim nächsten Hauptstadt-Besuch auf eine Spurensuche begeben? Der einstige Mauererlauf lässt sich zu Fuß, mit einem gemieteten Fahrrad, per GPS-Mauer-Guide oder bei einer Stadtführung finden.

Wo ist sie denn, die Mauer?

Es ist Sonntagmorgen, 11 Uhr. Eine kleine Gruppe hat sich auf dem Pariser Platz versammelt. Ringsum rahmen Botschafts- und Bankgebäude, Cafés und das Hotel Adlon die "gute Stube" der Hauptstadt ein. Hier werden Feste gefeiert, Kundgebungen abgehalten. Die Touristen posieren fürs Erinnerungsfoto. Als wäre das alles ganz selbstverständlich. Dabei durfte vor 20 Jahren kein normaler Mensch einen Fuß hierher setzen. Jahrzehntelang lang war das Brandenburger Tor unpassierbar und Symbol der deutschen Teilung. Aber wer kann sich das heute noch vorstellen?

Da ist es gut, wenn einem ein Stadtführer wie Thomas Burghardt von "Stadtreisen Berlin" auf die Sprünge hilft. Er kennt nicht nur die Fakten und weiß allerlei Anekdoten rund um die Mauer zu erzählen. Er bringt auch für jeden einen MP3-Player mit, sodass wir allerlei O-Töne aus den letzten 20 Jahren hören können. "Endlich sehen wir uns wieder", drückt da ein Berliner kurz nach der Maueröffnung seine Erleichterung darüber aus, dass er nicht mehr von seinen Verwandten getrennt ist. "Nein, diese Demütigungen mussten einfach ein Ende haben!"

Mauerspechte im Ohr

Nach der akustischen Einstimmung gibt es etwas Geschichtsunterricht. Denn nicht jeder weiß, wie es überhaupt zum Mauerbau gekommen ist und wie die Grenzanlagen aussahen. Und dass die DDR sie euphemistisch als "Gesundungsgürtel" bezeichnete. Nachdem das eine oder andere geklärt ist, machen wir uns auf den Weg zur Mauer. Aber wo stand sie denn? Aus dem Stadtbild ist sie weitgehend verschwunden, nur doppeltes Kopfsteinpflaster zeigt ihren früheren Verlauf an. So müssen wir eine ganze Weile gehen, bis wir die ersten Relikte zu Gesicht bekommen. Ein echtes 200 Meter langes Stück an authentischem Ort steht bei der Gedenkstätte "Topographie des Terrors" gegenüber vom Preußischen Landtag. Unzählige Menschen haben sich darauf verewigt. Andere - die so genannten Mauerspechte, deren Hacken kurz in unseren Kopfhörern anklingt - haben dagegen so manches Loch hinterlassen.

Besonders poppig bemalt sind die Wandstücke, die ein paar Schritte weiter an der Zimmerstraße in Kreuzberg stehen. So sehr wir die farbenprächtigen Teile bestaunen - es handelt sich bloß um künstliche Touristenattraktionen. Ebenso wie die Trabis, die dort zu mieten sind. Auch das Kontrollhäuschen am Checkpoint Charlie mit den davor aufgestapelten Sandsäcken sind nicht echt. Und erst recht nicht die Soldaten, die davor Wache halten. Bei ihnen handelt es sich um Schauspieler oder Studenten, die sich jedes Foto mit einem Euro bezahlen lassen. Darüber mag man schmunzeln.

Gedenken an die Opfer der Mauer

Aber gar nicht zum Schmunzeln ist uns zumute, als wir in der Zimmerstraße an der Gedenksäule für Peter Fechter ankommen. "…er wollte nur die Freiheit", steht da geschrieben. Wir erfahren, dass der 18-Jährige beim Überklettern der Mauer von Grenzsoldaten erwischt und mit 26 Schüssen niedergestreckt wurde. Die Westberliner Polizisten mussten hilflos mit ansehen, wie er starb. Nachdem die Geschichte durch die Weltpresse ging, wurde Fechters Tod zum Symbol für das menschenverachtende Regime der DDR.

Wir erfahren von spektakulären Mauerdurchbrüchen und tränenreichen Abschieden am "Tränenpalast", dem ehemaligen Grenzübergang Friedrichstraße. StattReisen Berlin ist nicht der einzige Veranstalter dieser Rundgänge. Mehr als ein Dutzend Institutionen bietet Führungen zum Thema Mauer an. Außerdem gibt es spezielle Touren für Schulklassen, Schüler-Rallys oder solche per Fahrrad. Besonders spannend sind die Führungen des Vereins "Berliner Unterwelten", bei denen unter der Erde nach "Mauerdurchbrüchen - unterirdischen Fluchten von Berlin nach Berlin" geforscht wird.

Wer sich lieber auf eigene Faust auf den Weg macht, kann sich an verschiedenen Stellen einen GPS-Mauer-Guide ausleihen, auf dem neben Informativem auch historische Tondokumente zu hören sind. Wem läuft nicht eine Gänsehaut über den Rücken, wenn er hört, wie Günther Schabowski auf einer Pressekonferenz mehr oder weniger aus Versehen die Reisefreiheit für die Ostdeutschen verkündet? Und erst recht, wenn er an der Bornholmer Straße hört, dass hier am 9. November 1989 ein Grenzbeamter mit den Worten "Wir fluten jetzt" den Grenzübergang für die sich hinter ihm drängenden 17.000 Menschen öffnete. Wollte er ihnen die Freiheit schenken oder hatte er nur Angst, dass seine 125 Kugeln Munition nicht ausreichen würden?

Wie durch ein Wunder ist alles unblutig verlaufen, und so konnten sich noch am 9. November 1989 die Menschen aus Ost und West in die Arme fallen. 20 Jahre ist das her und heute längst Geschichte. Aber durch die Mauertouren wird sie wieder lebendig.

Weitere Infos
Die wichtigsten Veranstaltungen zum Mauerfall-Jubiläum:
Wanderausstellung "Schauplätze - Berlin im Wandel", an unterschiedlichen Schauplätzen in der Stadt, Startpunkt Infobox am Potsdamer Platz, "Friedliche Revolution 1989/90", Open-Air-Ausstellung auf dem Alexanderplatz, 7.5.-14.11., Freiheit und Einheit - Bürgerfest "60 Jahre Bundesrepublik Deutschland", Fanmeile zwischen Großem Stern und Brandenburger Tor, 22.-24.5., "Das Jahr 1989", Fotoausstellung im Deutschen Historischen Museum, 1.6.-30.8., Fest der Einheit, Symbolischer Mauerfall, Konzerte und Straßenfest am Brandenburger Tor, 7.-9.11. mit anschließender Eröffnung des neuen Informationspavillons der Gedenkstätte Berliner Mauer.
Mauertouren: Unzählige Veranstalter bieten Stadtführungen zum Thema Mauer an. Die Kulturprojekte Berlin GmbH (Tel. 030/24749888, www.kulturprojekte-berlin.de), StattReisen Berlin (Tel. 030/4553028, www.stattreisenberlin.de),"Berlin entdecken" (Tel. 0179/7487225) oder das "Kulturbüro Stadtverführung" (Tel. 0176/50269090, www.stadtverfuehrung.de). Der Veranstalter "Grenzgänge"bietet auch englischsprachige "Berlin Wall Walks" (Tel. 0178/3035321, www.berlinwalltours.de) an. Andere wie "Berlin on bike"(Tel. 030/43739999, www.berlinonbike.de, machen sich mit dem Fahrrad auf den Weg. Hochinteressant sind die Touren des Vereins "Berliner Unterwelten" (Tel. 030/49910517, www.berliner-unterwelten.de), die unter der Erde nach "Mauerdurchbrüchen - unterirdischen Fluchten von Berlin nach Berlin" forschen. Spezielle Führungen für Schulklassen und Schüler-Rallys bietet das vom Berliner Senat geförderte Projekt "20 Jahre Mauerfall" an (Tel. 030/24749888, www.mauerfall09.de) an.
Wer sich auf eigene Faust auf Spurensuche begeben will, kann sich dabei von einem GPS-Mauerguide mit historischen Tonaufnahmen unterstützen lassen, den man täglich von 10-18 Uhr an verschiedenen Orten ausleihen kann (Tel. 030/88713624, www.mauerguide.com).
Alle Informationen zu Ausstellungen und Führungen sind auf der Website www.mauerfall09.de zu finden.
Hoteltipps: Viele Hotels bietet spezielle Pauschalen zum Gedenkjahr an, zum Beispiel das Concorde Berlin, in dem zwei Übernachtungen, ein Menü in der Brasserie Le Faubourg, eine private Stadtführung mit Limousine oder im Trabi für zwei Personen ab 260 Euro pro Person im DZ kosten (Tel. 030/80099925, www.concorde-hotels.com). Im Adina Apartment Hotel Checkpoint Charlie enthält das „Mauer-Package“ zwei Übernachtungen mit Frühstück, Eintritt für das Museum am Checkpoint Charlie, Bootsfahrt auf der Spree und einer CD "The Wall" von Pink Floyd. Gültig vom 1. Mai bis 31. August, pro Person im Apartment 197,50 Euro. Buchbar unter: www.adina.eu. Das Mauer-Arrangement des Ritz-Carlton beinhaltet eine Übernachtung, Frühstücksbuffet, Eintritt für das Mauermuseum und ein Original-Mauerstück. Außerdem steht auf dem Zimmer eine Piccoloflasche Rotkäppchen Sekt, eine Packung Knusperflocken von Zetti und die DVD „Goodbye Lenin“. Das Arrangement kostet ab 265 Euro. Reservierungen unter Tel. 030/337776300, oder unter www.ritzcarlton.com. In den A&O Hotels und Hostels gibt es im Mauerpaket "Immer an der Wand lang" zwei Übernachtungen, ein Willkommensgetränk, Eintritt ins DDR-Museum, Mietfahrrad für einen Tag, mit vierstündiger Tour ab 119 Euro. Buchbar bei der Berlin Tourismus Marketing GmbH unter Tel. 030/250025, www.visitberlin.de - wie auch viele andere Hotels.

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