HOME

Tourismus-Archiv: Reisen im Regal

Wen interessiert der Tui-Reisekatalog von 1983? Den Tourismusforscher Hasso Spode durchaus. Urlaub sei ein Spiegelbild der Gesellschaft. stern.de hat sich durch die Hinterlassenschaften der Urlaubsindustrie gewühlt.

Von Swantje Dake

Blaugetünchte Rauputzwände, Neonlicht erhellt den fensterlosen Raum. Hier lagern die touristischen Schätze der Republik: Zerfledderte Reisekataloge von 1895, Speisekarten vom Flug der Super Constellation im Februar 1961 von New York nach Frankfurt, Zeitungen für FKK-Freunde aus den 50er Jahren und selbst Werbebroschüren aus der Nazizeit mit dem Slogan "Kraft durch Freude". Wer sich im Keller des Gebäudes L auf dem Campus der Freien Universität Berlin in Lankwitz durch die Regalwände tastet, schreibt Doktorarbeiten über "Auslandsreiseverhalten der DDR-Bürger" oder Studienarbeiten über Seniorenbusreisen und kommt dafür aus der ganzen Welt angereist.

Bislang ist das Historische Archiv zum Tourismus (HAT) dem Willy-Scharnow-Institut für Tourismus angegliedert. Doch die Universität nimmt keine Studenten für die Fachrichtung mehr auf. Damit ist auch die Zukunft des 1988 gegründeten Archivs ungewiss. "Bei der praxisorientierten Ausbildung gibt es Alternativen an anderen Hochschulen, das Archiv ist hingegen nicht ersetzbar", sagt Spode. Er ist Professor für historische Soziologie an der Universität Hannover. Das Berliner Archiv betreut er mit drei Mitarbeitern. Spode sieht in dem Bestand einen "Kristallisationskern der kulturwissenschaftlichen Tourismusforschung". Einen einzelnen alten Reiseführer, einen Band über die FKK-Kultur, das könne man auch im Internet ersteigern oder per Zufall im Antiquariat finden, aber nicht in dieser Fülle und Systematik. "Die Sammlung ist einzigartig in Europa", so Spode." Der Tourismus mache acht bis zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus, sei aber vollkommen unterakademisiert und wenig erforscht.

Archiv als Dauerbaustelle

Spode will das Archiv in ein lebendiges Forschungszentrum verwandeln. Davon ist es derzeit noch weit entfernt. Alte Werbeplakate hängen schon, Holzskier stehen zur Abfahrt bereit. Aber Umzugskisten stapeln sich auf dem Linoleumboden, 400 Regalmeter sind voll. "So ein Archiv ist eine Dauerbaustelle." Spode hat keinen Archivar. Er weiß zwar, welche Bücher, Führer und Kataloge in den Regalen stehen, aber nicht unbedingt, was in ihnen steht. So kommt es beim Gang durch das Archiv zu spontanen Freudenausbrüchen. "Das ist ja Wahnsinn, dass wir das hier haben", ruft Spode und zieht aus einem blassbraunen Ordner Reisebroschüren über den Irak von 1962. Oder eine Speisekarte der Lufthansa von 1961: Auf dem Flug von New York nach Frankfurt mit einer Super Constellation gab es Rehrücken im Wacholdermantel, Duchesse-Kartoffeln und Maine-Hummer. "Mensch, das war noch eine ganz andere Art des Fliegens", sagt Spode. Der leicht ergraute Professor ist begeistert, wenn er in den Prospekten, Büchern und Katalogen blättert.

Aus drei großen Privatsammlungen und von Tourismusunternehmen wurde die Sammlung aufgebaut. Deutsche Verkehrsblätter von 1928 bis 1966 - darin erfährt man, dass 50 Kilometer Zugfahrt in der Holzklasse 1928 3,90 Reichsmark kosteten. Der Naturfreund wandte sich an die reisende Arbeiterklasse, das "Sonnige Land" war das Nachrichtenblatt der Freikörperkultur und kostete 1932 30 Pfennig. Das ist zwar 75 Jahre später durchaus erheiternd. Aber sonst? "Tourismus ist ein Spiegelbild der Gesellschaft, man kann an ihm viele politische und sozialhistorische Aspekte ablesen", sagt Spode, "und dazu braucht es ein zentrales Forschungsarchiv." Gerade in Deutschland, der Reisenation schlechthin, sei dieses Archiv richtig angesiedelt.

Weg vom Teutonengrill

Mit den Katalogen der letzten Jahrzehnte lässt sich laut Spode zeigen, dass der Tourismus entortet wurde. "Die Prospekte zeigen nur noch winzige Bilder mit den Hotels", sagt Spode. Seine These: Die Entwicklung wird sich wieder umkehren. Die Destinationen müssen sich wieder stärker profilieren. "Weg vom Teutonengrill in Rimmini, hin zu Florenz und Rom." Fragestellungen wie diese könne man an Hand des Archivs nachvollziehen. Spodes Traum: Ständig Doktoranden im Archiv zu haben, die ihre Arbeiten mit Hilfe des Materials schreiben.

Neben den offiziellen Broschüren und Katalogen gibt es aber auch Spenden von Privatleuten. Ein Däne, der Deutschland Mitte der 30er Jahre bereiste und sämtliche Sehenswürdigkeiten im immer gleichen Fotoformat abbildete, dazu Stadtpläne abpauschte. Und als der Berliner Senat nicht mehr wusste, wohin mit seinen Gastgeschenken, war das Archiv ebenfalls ein dankbarer Abnehmer. Wer weiß, welche Forscher einen Pappaufsteller aus Oberammergau, eine asiatische Schatulle oder einen russischen Wimpel dereinst für ihre Arbeit auswerten können?

Ein Bäckerehepaar hat Fotos, Postkarten, Eintrittstickets aus ihren Urlauben gesammelt, feinsäuberlich in Alben geklebt und mit schnörkliger Schrift betextet. Die Salowskys hatten keine Kinder, dafür Zeit und Geld zum Reisen. Nun steht ihr Urlaubsleben hier in Lankwitz. Mit dem Archiv würde ein Teil der deutschen Reisekultur verschwinden. Dessen ist sich die Freie Universität offensichtlich bewusst. Nachdem die Schließung des Archivs bereits im Raum stand, hat man bekundet, dass man gewillt ist, ein Forschungszentrum aufzubauen. Allerdings sind der Ort und die Finanzierung noch ungeklärt.

Wissenscommunity