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Terror-Sommer in Frankreich Sonne, Strand, Soldaten

Polizisten zwischen Badegästen
Polizisten mit schussbereiten Waffen patrouillieren am Strand von Cannes
© Sebastien Nogier/DPA
Frankreichs Regierung lässt die Strände des Landes von schwer bewaffneten Spezialeinheiten sichern. Doch die Terrorangst bleibt nicht nur an der Côte d'Azur, sondern auch bei Urlaubern an der Atlantikküste und in den Großstädten.
Von Iris Hartl

Wer dieser Tage an der Côte d’Azur Badeurlaub macht, muss ungewöhnliche Regeln beachten. Etwa in Cannes. Hier trägt man Handtuch, Klappliege, Sonnenschirm und die Wasserpistolen der Kinder am besten lose zum Strand. Denn große Strandtaschen und Gepäck, „das blickdicht oder groß genug ist, um Gefahrgut, Waffen oder Sprengstoff zu verbergen“, ist seit Ende vergangener Woche verboten. 

Der Erlass des Bürgermeisters der 70.000-Einwohner-Stadt 25 Kilometer südwestlich von Nizza ist noch eine der diskreteren Terrorabwehrmaßnahmen, mit denen die französischen Behörden versuchen, an den Küsten des Landes ein Gefühl von Sicherheit zu verbreiten. Über den Strand des Nachbarorts Saint-Tropez stapften diesen Montag Mitglieder der GIGN, einer Spezialeinheit der Gendarmerie, das Äquivalent der deutschen GSG9. Im ganzen Land sind Hunderte Polizisten in Schutzwesten zusätzlich zum Bademeisterdienst abgestellt.

Schrille Töne

So bizarr die Bilder schwer bewaffneter Soldaten vor der Kulisse spärlich bekleideter Badegäste wirken mag: Sie lassen ahnen, wie groß die Sorge der Behörden vor einem neuen, großen Anschlag ist. Schon seit Monaten macht ein sehr konkretes Albtraumszenario den Behörden zu schaffen. Sie treibt die Sorge um, diesen Sommer werde der IS in Europa versuchen, was einem Attentäter 2015 im tunesischen Badeort Sousse gelang: ein Terroranschlag auf Touristen am Strand in der Hauptferienzeit.

Wer kann noch für unsere Sicherheit sorgen? Mit jeder neuen Attacke islamistischer Terroristen wird diese Frage akuter. Auch weil Frankreichs tief gespaltene politische Klasse mit immer schrilleren Tönen auf die eskalierende Lage reagiert. Marion Maréchal-Le Pen, Nichte von Front-National-Chefin Marine Le Pen, sieht Frankreich am Rande eines Religionskriegs. „Wenn man die Franzosen nicht mehr schützt, dann werden sie sich leider selbst schützen müssen“, warnte sie nach dem Anschlag auf die Kirche Saint-Étienne-du-Rouvray bei Rouen, bei dem zwei Attentäter einen 85-jährigen Priester ermordeten. Sie wolle sich den Reservisten anschließen, um sich an der Verteidigung ihres Landes persönlich zu beteiligen.

Neue Nationalgarde aus Reservisten

Auch Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, der auf eine erneute Kandidatur im kommenden Jahr hofft, erklärte martialisch: „Unser Feind kennt keine Tabus, keine Grenzen und keine Moral. Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren.“ Die Popularität des amtierenden Staatsoberhaupts François Hollande erreicht derweil neue Tiefstände.

Laut einer aktuellen Umfrage wollen 85 Prozent der Franzosen nicht, dass er erneut zur Präsidentschaftswahl antritt. Eine Mehrheit hat das Gefühl, die Regierung habe längst die Kontrolle verloren und stehe dem islamistischen Terror machtlos gegenüber. Die Ankündigung Hollandes, eine neue Nationalgarde aus Reservisten aufzustellen, die zusätzlichen Schutz bei Großveranstaltungen bieten soll, ändert daran kaum etwas.

Solidarität in Saint-Étienne-du-Rouvray

Immer öfter schlägt die kollektive Frustration der Bürger in Aggression um. Auf der Straße werden Muslime, insbesondere Frauen mit Kopftuch, angefeindet. In Nizza wurde selbst die Tochter eines muslimischen Opfers der Terrornacht vom 14. Juli aufs Übelste beleidigt.

In einem Gastbeitrag in der Zeitung „Le Monde“ sah der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun wiederum vor allem die Muslime in der Pflicht, Stellung zu beziehen. Denn mit dem Anschlag auf eine Kirche sei eine „rote Linie überschritten worden“, und die Muslime befänden sich im Sog des „Orkans der Barbarei“, ihre „Religion des Friedens“ sei verraten worden. Es gelte jetzt, Flagge gegen den IS zu zeigen.

In Saint-Étienne-du-Rouvray versuchen sie das bereits auf ihre Weise. Die dortige Pfarrei pflegt schon lange ein gutes Verhältnis zur örtlichen islamischen Gemeinde. Nach dem Anschlag erschienen zahlreiche Muslime des Ortes zum Gedenkgottesdienst für den ermordeten Pfarrer. Der Imam wies darauf hin, dass die Attentäter nicht aus seiner Gemeinde kamen. Doch solche Zeichen der Solidarität gehen zusehends unter in der aufgeheizten Stimmung dieses Terror-Sommers.


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