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Urlaub: Willkommen im Club

Wer an Land, Leuten und Kultur interessiert ist, wird hier wohl einen Kollaps kriegen. Cluburlaub funktioniert nach dem Motto: Wir sind gut drauf und sagen Du. Und vor allem machen wir Dinge, für die wir uns zu Hause schämen würden.

Von Stéphanie Souron und Peter Pursche

Der Berg wankt. Er ist fünf Meter hoch, besteht aus Gummi und dümpelt in einem riesigen Pool auf Fuerteventura. Über seine Nordflanke kämpfen sich zwei Männer nach oben - ein schlanker, der viel Ellenbogen einsetzt, und ein dicker mit roter Badehose. Die beiden ächzen, das Publikum johlt - rund um den Pool haben sich die Sonnenanbeter von den Liegen erhoben und feuern ihren Favoriten an.

Kurz vorm Höhepunkt geht ein dürftig bekleideter Mann mit einer launigen Ansage dazwischen: "An der Bar gibt es jetzt Pfannkuchen für alle!" Propellermäßig lässt er ein Handtuch über seinem Kopf kreisen und wirbelt den Duft unter die Leute. Stimmt, es riecht nach angebranntem Pfannkuchen. "Wie in der Sauna", ruft der Mann aufgekratzt, "wir machen jetzt Pfannkuchenaufguss, habt ihr das schon mal erlebt?" Nein, so was ausgemacht Lustiges hat die Welt noch nicht gesehen. Unter dem Jubel der Zuschauer erklimmt der Dicke als Erster den Gummiberg. Supadupa! Und dann: Pfannkuchen für alle. Ausgemachter Wahnsinn ist das hier. Der Frohsinns-Gipfel!

Willkommen im Club! Willkommen in der Welt der Gummiberge und dauerlustige Animateure, wo der Tag wahlweise aus Sport, aus ungebremster Kalorienaufnahme, aus lustigen Spielen rund um den Pool, aus komplettem Nichtstun oder einer Mischung aus allem besteht. Willkommen an einem Ort, wo die Löcher jeden Tag 24 Stunden lang aus dem Käse fliegen, der geneigte Gast aber - all inclusive - auch Yogastunden nehmen, nach innen gucken und einfach mal die Klappe halten kann.

Kein "aggressives Entertainment"

"Eher extrovertiert" nennt der Clubchef seine Klientel. Andreas Oltrogge, 50, den auf Fuerteventura alle nur Olli nennen, hat schon 1979 hier im Robinson Club Jandia Playa als Animateur gearbeitet. Heute führt er eine allzeit spaßbereite Mannschaft aus Animateuren, Köchen, Gärtnern und Zimmerpersonal. Dazwischen liegen 29 Jahre, in denen er im blauweißen Dress abwechselnd in Griechenland, Italien und Spanien mit Gästen Volleyball spielte, in unzähligen Abendshows auftrat - und eine Doktorarbeit mit dem Titel "Der animationsgesteuerte Cluburlaub" schrieb. Oltrogge kennt sich also aus mit den Ansprüchen der Cluburlauber: "Die Zeiten, als die Animateure die Menschen von ihren Liegen rissen, sind vorbei. Die Leute wollen kein aggressives Entertainment mehr." Heute wollen sie ausgezeichnetes Sportmaterial, geschulte Trainer, gutes Essen und ein schickes Zimmer. Vier-Sterne-Standard oder mehr, inklusive lockerer Scherzkeks- und Pappnasen- Atmosphäre mit Spielen, Verkleiden und Tänzchen.

Etwa 1,5 Millionen Deutsche verbringen die schönsten Wochen des Jahres in einem Club, die meisten sind zwischen 30 und 49 Jahre alt. Sie haben in der Regel eine gute Ausbildung, mindestens ein Kind sowie ein überdurchschnittlich hohes Einkommen. Was auch besser ist, denn der Urlaub im All-inclusive-Schlaraffenland geht mächtig ins Geld. Eine Familie mit zwei Kindern, die von Hamburg in den Aldiana Club im türkischen Side reist, zahlt für 14 Tage 5260 Euro, bei Robinson Esquinzo Playa auf der Kanareninsel Fuerteventura sind es 6550 Euro.

"Cluburlauber besitzen die typische Manager-Mentalität", sagt der Münchner Tourismusforscher Jürgen Kagelmann. "Sie zahlen viel, sie erwarten viel, und sie kriegen auch viel." Da spielt es kaum eine Rolle, in welchem Club man seine Ferien bucht. Die Konkurrenten unterscheiden sich nur in Details: Die Tui-Tochter Robinson - mit 22 Anlagen größter Anbieter in Deutschland - und das Thomas-Cook- Unternehmen Aldiana bedienen vorwiegend die deutschen Besserverdiener, der französische Club Med die internationale Oberschicht - und Magic Life kümmert sich um die durstigen Youngsters. Die Idee ist jedoch weitgehend identisch: An einem paradiesähnlichen Ort soll sich der Urlauber im Rundum-sorglos-Paket entspannen. Überraschungen bleiben vor dem Clubtor, das Gastland, seine Kultur, seine Menschen meistens auch.

Cluburlauber sind Wiederholungstäter

Es ist zehn Uhr morgens, und unten am Pool von Aldiana Side läuft schon die Disco. Aus den Boxen dröhnt "Das singende, springende Känguru", dazu tanzt eine wimmelnde Gruppe dreijähriger Kinder im Kreis. In diesem Club sind mehr als ein Drittel der Gäste jünger als 18 Jahre, und wer ohne Nachwuchs anreist, dem gehen bei Tisch schnell die Themen aus. Die Eltern lieben den "Flipper Club", weil ihnen dort kinderliebes Personal die Bespaßung ihrer Kleinen abnimmt. Das Programm startet morgens um neun Uhr und endet erst zwölf Stunden später. Zwischen Gurkenwettessen am Morgen und Seifenrutschen am Abend spannt sich der Tag wie ein ewiger Kindergeburtstag. "Sind die Kleinen zufrieden, ist der Urlaub auch für die Eltern gelungen", sagt Michael Homann, 26, der die Kinderbetreuung leitet. Er sitzt im Kinderrestaurant auf einer Bank, um ihn herum lernen gerade 15 Kinder im Grundschulalter, wie man sich im Restaurant benimmt - und wie nicht. Die meisten sind noch nass von der vorangegangenen Wasserschlacht am Pool. "Man soll nicht pupsen", ruft Leon, 7, in die Runde. "Und nicht das Messer in den Mund stecken", pflichtet ihm Marie, 6, bei. An der Wand hängt das Abendmenü für die Kinder: "Salatauswahl, Hühnchen mit Zitronensauce, Eisbombe". Auch der Nachwuchs ist anspruchsvoller geworden - mit Pommes und Wiener Würstchen lässt er sich nicht mehr abspeisen. Lachs mit Pesto zum Beispiel kommt gut an.

Cluburlauber sind Wiederholungstäter. "Es herrscht totale Markentreue", sagt der Hamburger Freizeitforscher Ulrich Reinhardt. Roland Zorn ist so eine treue Seele. Der Sportjournalist aus Frankfurt ist seit Anfang der 1990er Jahre mindestens 30 Mal im Robinson Club auf Fuerteventura gewesen. Manchmal sogar dreimal im Jahr. "Ich habe aufgehört zu zählen", sagt Zorn, 63. Er sitzt beim Frühstück, vor ihm dampft der Kaffee, und Zorn plant seinen Tag: Er will am Strand spazieren und später mit einem Personal Trainer seine Rückenmuskulatur lockern. Genau das Gleiche hat er gestern auch schon gemacht. Er sagt, im Grunde sei Cluburlaub total spießig. "Man isst jeden Tag das Gleiche, und man macht jeden Tag das Gleiche." Aber genau diese Eintönigkeit vermisse er in seinem Alltag, wo er viel unterwegs ist und selten regelmäßig zum Essen kommt. "Da brauche ich nicht noch Abenteuer im Urlaub." Seine Kollegen machen sich oft lustig über seine ewigen Ausflüge nach Jandia, aber Zorn sagt, er stehe darüber. Er hat schon seinen nächsten Urlaub gebucht: Im Oktober will er wieder herkommen, für drei Wochen.

Club Med

"Wir schlafen wie die Wilden und speisen wie die Fürsten" - mit diesem provozierenden Motto eröffnete der Belgier Gérard Blitz 1950 am Strand von Alcúdia auf Mallorca einen Ferienclub, den er Club Méditerranée nannte. Frei von Konventionen und Ungleichheit, in einer Art "Marxismus auf Zeit", wohnten die Gäste in großen Zelten und sollten die Möglichkeit haben, die Sportarten der Reichen zu betreiben. Das Angebot des Belgiers war so verlockend wie revolutionär: Zum Preis von damals 16.800 Franc, rund 285 Euro, konnte man zwei Wochen unter Palmen segeln, Wasserski laufen, harpunieren und Strandvolleyball spielen. Tagsüber band man sich den Pareo um die Hüften, jenes dünne Stofftuch, das sich bei passender Gelegenheit ruck, zuck ausziehen ließ. Bezahlt wurde mit bunten Perlen, gegessen in immer wechselnder Besetzung an Achtertischen, geschlafen in Gemeinschaftszelten. Das neue Urlaubskonzept schlug bombengleich ein: Schon im ersten Sommer buchten sich 2300 Menschen in das Zeltdorf mit dem Pfadfindercharme ein, zehntausend musste Blitz absagen. Aus der bestechend simplen Idee wurde ein Weltkonzern: Mit 80 Resorts weltweit macht der Club Med mittlerweile eine knappe Milliarde Euro Umsatz pro Jahr.

Vieles, was in Ferienclubs heute Standard ist, entstand in den Dörfern des Club Med: die bargeldlose Zahlung an der Bar, die Gemeinschaftstische im Restaurant, das "Du", das Fremde innerhalb von Sekunden zu Bekannten macht, der Sport als Eckpfeiler des Clubprogramms.

Alle 14 Tage spielen die Gäste der zwei Robinson-Clubs auf Fuerteventura gegeneinander Volleyball. Jede Mannschaft hat dann einen Schlachtruf, die Fans sind geschminkt, die Animateure verkleidet, und es gibt eiskalte Sangria und heiße Würstchen vom Grill. Aus den Boxen wummern Discobässe. Wer diesem Spektakel zuschaut, muss denken, Cluburlauber hätten einen kollektiven Knall.

Sachen, die man daheim nie machen würde

Dazu trägt auch Dabdoub bei, der am Strand steht mit einem engen Top und einer weiten, bunten Hose und das Spiel kommentiert. "Was ist der Unterschied zwischen dem Club von Jandia und dem Esquinzo?", fragt der Animateur gerade ins Publikum. "Im Jandia werden die Kinder gemacht, im Esquinzo bewacht." Die Gäste beömmeln sich. Jandia ist als Single-Club bekannt, Esquinzo als Familienoase.

Dabdoub sagt, es sei nicht wichtig, wer am Ende das Volleyballspiel gewinne. Wichtig sei, dass die Menschen ein Bild mit nach Hause nähmen: Der kilometerlange weiße Sandstrand von Fuerteventura, das türkisblaue Meer und diese bunte, jubelnde Menge um das Feld herum. "Daran werden sie sich noch in ein paar Jahren erinnern. Und auch daran, wie glücklich sie in diesem Augenblick waren."

Dabdoub, 36, hat funkelnde Augen und ein warmes Lachen. Der Tunesier war in den vergangenen 16 Jahren Animateur in verschiedenen Clubs. Er braucht kein Mikrofon, um die Menschen zu begeistern. Wenn Dabdoub auftritt, tanzen die Gäste mit ihm Wasserballett oder spielen Eierlauf. Oder machen sich beim Schwanenseeballett zum Affen.

So ist das im Cluburlaub: Man macht Sachen, die man daheim nie machen würde, mit Leuten, die man nie kennenlernen würde. Man dümpelt fröhlich vor sich hin, trifft schwere Entscheidungen am Büfett und amüsiert sich bisweilen weit unter seinem Niveau. Cluburlaub ist wie eine Kreuzfahrt ohne Schiff. Man pflügt durch die Spaßwellen, die Sonne scheint, das Essen schmeckt. Manchmal rappelt man sich hoch, um einen Gummiberg zu bezwingen.

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