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Flug verpasst, Koffer weg "Nichts hat funktioniert": Reisende berichten, was sie am Flughafen erlebten

Gundula (links) und Rainer Rieck (Mitte) mit ihrer Reisegruppe am Hauptstadtflughafen BER
Gundula (links) und Rainer Rieck (Mitte) mit ihrer Reisegruppe am Hauptstadtflughafen BER
© privat
An vielen Flughäfen herrscht zum Start der Reisesaison Chaos. Urlauber haben dem stern von ihren Erfahrungen berichtet - von verpassten Flügen, stehen gelassenen Koffern und unfreiwilligen Umwegen.

Die Deutschen wollen wieder reisen, doch der Start in die Urlaubssaison sorgt an vielen Flughäfen für Chaos. Lange Schlangen am Check-in und den Sicherheitsschleusen sorgen dafür, dass Urlauber ihren Flug verpassen. Koffer bleiben auf dem Rollfeld stehen. Flüge fallen kurzfristig ganz aus. Oftmals fehlt es schlicht am Personal (die Hintergründe zur Misere lesen Sie in unserer aktuellen Titelgeschichte). Der stern hat mit Reisenden über ihre jüngsten Erlebnisse gesprochen, hier sind ihre Geschichten.

Ehepaar Rieck: Karibikreise mit Hindernissen

Gundula und Rainer Rieck waren extra früh aufgestanden, um ihren Flug in die Karibik nicht zu verpassen. Anlässlich ihrer Silberhochzeit sollte es in die Dominikanische Republik gehen. Vor Ort wollten sie auch noch den 50. Geburtstag eines Freundes feiern, der sie ebenso wie ein befreundetes Ehepaar begleitete. 

Um 5:45 Uhr stand die fünfköpfige Reisegruppe aus Brandenburg am Berliner Flughafen parat – erst vier Stunden später sollte der Flieger abheben. "Aber beim Check-in hat nichts funktioniert, wie es sollte", erzählt Gundula Rieck. Zuerst musste die Gruppe zwei Stunden warten, bis endlich ein Schalter aufmachte. Anders als vom Reisebüro im Vorfeld angegeben, sollten die Koffer dort plötzlich mit einer Zuzahlung von 65 Euro je Stück aufgegeben werden. Das wiederum verursachte technische Probleme, Quittungen konnten nicht ausgestellt werden, Airline-Mitarbeiter telefonierten ratlos herum. 

Als das Problem endlich gelöst war, war es schon kurz vor knapp – und die Schlange beim anschließenden Sicherheitscheck mehrere Hundert Meter lang. Mit Verweis auf den nahenden Abflugtermin fragte die Gruppe einen Bundespolizisten und einen Flughafen-Mitarbeiter, wo sie sich anstellen sollten und wurde ans Ende der langen Schlange verwiesen. Um den Flug nicht zu verpassen, bat die Gruppe anschließend andere Reisende, sie vorzulassen, was diese auch gewährten. Doch vorne angekommen, schickte die Bundespolizistin am Sicherheitscheck sie wieder nach hinten. "Wir haben darum gebeten, vorgelassen zu werden, aber die Bundespolizei hat uns wieder ans Ende der Schlange geschickt", sagt Rieck. Dann war der Flieger weg. 

Für über 6000 Euro bucht die Gruppe einen Ersatzflug für abends 20:30 Uhr. "Wir haben unseren kompletten ersten Urlaubstag am BER verbracht – und mussten dann noch beim Zwischenstopp in Zürich übernachten, weil es erst am nächsten Tag mittags weiterging", sagt Rieck. "Am Ende mussten wir auch noch einen Tag früher zurückfliegen, da wir gezwungen wurden, auch einen neuen Rückflug zu buchen." Immerhin: Nach der Rückkehr sicherte der Reiseveranstalter den Karibik-Urlaubern zu, wegen des Chaos beim Check-in die Kosten für den Ersatzflug und die nicht genutzten Hotel-Übernachtungen zu erstatten. 

Mussten ihre Reise abblasen: Dirk Gondesen und seine Frau Muriel
Mussten ihre Reise abblasen: Dirk Gondesen und seine Frau Muriel
© privat

Familie Gondesen: Flieger verpasst, Reise abgeblasen

Der Flughafen in Düsseldorf wurde über das Pfingstwochenende zum Symbol für Chaos: Lange Wartezeiten stellten die Nerven unzähliger Fluggäste auf die Probe. Zwei von ihnen waren Dirk Gondesen und seine Frau Muriel. "Da waren unsortierte Schlangen und keine ordnende Hand", erinnert sich Dirk Gondesen (63). Das Ehepaar hatte am Pfingstsamstag einen Flug über Warschau nach Budapest gebucht. Von dort sollte die Reise mit dem Zug bis in die Slowakei gehen, wo Gondesens Schwägerin ein Kulturprojekt betreut.

Um 5:30 Uhr standen die beiden vor dem Terminal A des Düsseldorfer Flughafens, etwa zwei Stunden vor Abflug. Eingecheckt haben sie schon am Vortag online, die personellen Engpässe im Security-Bereich gingen bereits durch die Presse. "Das war ja absehbar", sagt Gondesen, "aber so etwas haben wir noch nie erlebt". Nach einer Stunde der Zugangskontrolle zum Terminal folgten weitere 40 Minuten vor der Sicherheitskontrolle. Zum Flugsteig seien sie dann gerannt – nur um den Transferbus zu ihrem Flugzeug gerade noch wegfahren zu sehen. "Wir standen da völlig hilflos und alleingelassen."

Deshalb beschloss Ehepaar Gondesen, auf ihre Reise zu verzichten und stattdessen eine Beschwerde an den Flughafen zu schreiben sowie an die Bundespolizei, die für die Sicherheitskontrollen zuständig ist. Zurückbekommen hat Dirk Gondesen bislang nur eine Antwort des Flughafen-Feedbackteams ("das übliche Marketing-Bla-Bla") und eine Gutschrift über 128 Euro von seinem Buchungsportal. Den restlichen Schaden von 334 Euro stellt er der Bundespolizei in Rechnung. 

Frau Block: Ohne Koffer auf Fuerteventura

Dass es an den Flughäfen auch an Personal für die Koffer mangelt, bekam Andrea Block aus Aachen bei ihrer Fuerteventura-Reise zu spüren. Mit eineinhalb Stunden Verspätung stand ihr Condor-Flieger endlich abflugbereit auf dem Düsseldorfer Rollfeld, alle Passagiere waren an Bord, nur das Gepäck nicht. "Von meinem Fensterplatz aus konnte ich sehen, wie endlich die Koffer eingeladen wurden", berichtet Block. "Auf einmal gab jemand den Gepäckarbeitern mit Handzeichen zu verstehen, dass jetzt Stopp sei, obwohl noch jede Menge Koffer auf dem Rollfeld herumstanden."

Offenbar hatte der Pilot entschieden, lieber ohne einen Teil der Ladung abzuheben, als noch mehr Verspätung in Kauf zu nehmen. "Über Lautsprecher teilte der Pilot mit, dass er leider 66 Koffer zurückgelassen musste, weil er nicht länger hätte warten können", sagt Block. Auch ihr Koffer und die ihrer drei Reisebegleiter waren betroffen – alle randvoll mit Sportklamotten, denn die Gruppe hatte eine Sportreise mit täglichen Fitnesskursen gebucht.

Auf Fuerteventura wurden die Urlauber ins Hotel gebracht, ohne zu wissen, ob, wann und wie die Koffer den Weg noch zu ihnen finden würden. "Ich hatte nur die Klamotten, die ich am Leib trug und nichts zum Wechseln", sagt Block. "Also mussten wir uns erstmal ein paar Sachen kaufen: eine Zahnbürste, Zahnpasta, Unterwäsche, Bikini, eine kurze Hose…" Auch andere Mitreisende fragten sich, wie sie ohne ihre Turnschuhe am gebuchten Sportprogramm teilnehmen sollten. "Mein Koffer kam dann am nächsten Tag an, andere teilweise erst am übernächsten", erzählt die 43-Jährige. 

Der Urlaub sei dann trotzdem noch sehr schön geworden, erzählt Block. Sport, Sonne und Meer hätten die Laune schnell wieder gehoben. Und die Kosten für das unfreiwillige Urlaubsshopping versucht sie nun, vom Reiseanbieter erstattet zu bekommen. "Bisher haben wir aber leider nicht einmal eine Entschuldigung erhalten."

Übrigens: Auch nach der – natürlich verspäteten – Landung des Rückflugs am Düsseldorfer Flughafen tauchten die Koffer zunächst nicht auf. Zweieinhalb Stunden warteten Block und ihre Freunde an den leeren Gepäckbändern, Flughafen-Personal war zu später Stunde weit und breit nicht mehr zu sehen. "Um zwei Uhr nachts kamen die Koffer dann doch noch übers Band gerollt." 

Hendrik Hagemann (44) und seine Familie mussten spontan umdisponieren
Hendrik Hagemann (44) und seine Familie mussten spontan umdisponieren
© privat

Familie Hagemann: Umweg übers Erdbeerland

"Ich hatte eh schon ein schlechtes Gefühl an diesem Tag", sagt Julia Hagemann. Gemeinsam mit ihren Töchtern Charlotte (6) und Johanna (3) wollte sie zu ihrem Onkel fliegen, der auf Ibiza wohnt. Die Kinder haben ihn seit Jahren nicht zu Gesicht bekommen. Den ganzen Tag seien sie schon "super aufgeregt" gewesen, erzählt ihr Mann Hendrik, der sie zum neuen Flughafen Berlin-Brandenburg fahren sollte. Abflug: 14:50 Uhr. Schon knapp vier Stunden früher ist Familie Hagemann vor ihrer Haustür in Prenzlauer Berg losgefahren, dabei dauert die Fahrt nur etwa eine Stunde.

"Fuck. Wir haben ein Problem", sagt Julia Hagemann um 11:32 Uhr. Gerade ist eine SMS gekommen: Es tut uns wirklich leid, dass Ihr easyJet-Flug 5007 am 28-05-2022 annulliert wurde. Keine Erklärung, kein Hinweis auf eine Entschädigung. "Ich war gar nicht so geschockt", sagt Julia Hagemann: "Wir waren aus den Medien schon informiert, dass es schwierig werden könnte, weil das Bodenpersonal zu wenig besetzt ist." Ganz anders fiel die Reaktion ihrer Kinder aus: "Meine Älteste ist aus allen Wolken gefallen", sagt Hendrik Hagemann. "Versprochen gebrochen. Das ist für eine 6-Jährige schon hart."

Jetzt war elterliche Kreativität gefragt. Die rettende Idee: Ein Vergnügungspark im Erdbeer-Look. Große Begeisterung bei den Kindern, Zeit für eine neue Flugsuche für die Eltern. Noch auf der Fahrt sind drei Flugtickets für den nächsten Abend gebucht. Gesamtpreis: 567,95 Euro. Auf eine Entschädigung wartet Familie Hagemann bis heute. Zumindest wurde aus dem geplanten Flug noch ein spontaner Familienausflug.


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