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Andere Urlaubsformen: Lazarettschiff statt Kreuzfahrt

Viola und Liane verbringen ihre Ferien als Freiwillige in Afrika. Was bewegt immer mehr Deutsche im Urlaub nicht zu faulenzen, sondern zu arbeiten und Gutes zu tun?

Von Roland Brockmann

Liberia ist nicht gerade das, was man ein Urlaubsparadies nennt. Vierzehn Jahre Bürgerkrieg haben das westafrikanische Land ruiniert: Auf Reisende warten statt der "Big Five" - Büffel, Elefant, Nashorn, Leopard und Löwe - eher die drei symbolischen "K" des Kontinents: Krankheit, Krieg und Katastrophe. Aber Safaris in der Savanne hatten Viola und Liane auch nicht im Sinn, als sie Ihr Flugticket buchten.

Stattdessen heuerten die beiden Berliner Krankenschwestern auf der "Africa Mercy" an: Die liegt zurzeit an der Pier von Liberias Hauptstadt Monrovia. Kein Kreuzfahrtschiff, sondern das größte zivile Krankenhausschiff der Welt: eine Art schwimmender Multikulti-Kosmos der Nächstenliebe. Denn vom amerikanischen Internisten bis zur Küchenhilfe aus Australien - alle hier arbeiten freiwillig und kostenlos. Rund 250 Menschen aus 30 Nationen, die helfen wollen.

"Nächstenliebe praktisch leben, auch mal etwas abgeben", sagen die beiden. Das klingt zunächst nach Kirchentag, beschreibt aber tatsächlich einen neuen Tourismustrend. "Warum nicht einfach mal 'was zurückgeben?" So werben auch professionelle Anbieter von Freiwilligendiensten: Von www.social-services.net über www.activeabroad.de bis zu www.travelworks.de - immer mehr Agenturen locken mit einer "Herausforderung, die dein zukünftiges Leben bereichern wird", so die Homepage des American Institute For Foreign Study (AIFS) in Bonn.

Entbehrung als Reiseprogramm

Egal ob als Lehrer an einer südafrikanischen Dorfschule oder als Erntehelfer in Indien - die gewonnenen Erfahrungen würden auch die "persönliche Entwicklung und beruflichen Perspektiven" verbessern. Befristet kann der Urlauber gar zum "Fußballtrainer für Kinder in einem Township" mutieren - alles sehr sozial und dazu mit dem nötigen Spaßfaktor. Natürlich wird man in wenigen Wochen nicht die Welt verändern. Und allzu bequem wird der Einsatz auch nicht werden: Als Freiwilliger in einem fremden Land zu arbeiten, heißt auch eine Weile auf "gewohnte Standards" zu verzichten. So ehrlich sind Reiseveranstalter eher selten.

Aber vielleicht ist die Entbehrung ja auch Teil des Reiseprogramms. Um am wahren Leben in der Ferne teilzuhaben, übernachtet der Sinnsuchende gerne auch auf einer pakistanischen Bastmatte oder im Schlafsaal der kenianischen Missionsstation. Ein paar Wochen nicht nur Besucher sein, sondern Teil der fremden Welt. Man kann das auch zynisch sehen: Arbeit in Armutsregionen als Selbsterfahrungstrip.

So sehen Viola und Liane ihren Freiwilligendienst natürlich nicht. Zwar spüren auch sie spätestens beim Landgang den Unterschied zwischen den Lebensumständen von Liberia und der perfekten Welt des Hospitalschiffs mit Klimaanlage und Internet. "Das beschäftigt uns natürlich", sagt Viola. Aber wenn man leben würde wie die Einheimischen, könne man als Europäer einfach keine gute Arbeit leisten. "Dann wäre man doch viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt."

Wenn Kreuzfahrerstimmung aufkommt

Tatsächlich seien die Bedingungen auf der "Africa Mercy" sogar besser als in Berliner Kliniken. Statt zwölf Patienten pro Stationszimmer kämen an Bord nur rund sechs auf eine Krankenschwester. Da mache auch die Arbeit mehr Spaß. Dazu das internationale Teamwork. Nein, als selbstlos empfinden sich die beiden nicht.

Gegen 17 Uhr versinkt die Äquatorsonne im Atlantik. Unten auf der Pier warten noch immer Patienten in Zelten: Sie müssen erst durch ein Art Schleusensystem - vor allem damit sie sich nicht gleich erkälten in der kühlen Schiffswelt mit Klimaanlage. Viola und Liane haben dienstfrei, und auf dem obersten Deck der "Mercy Ship" warten zwei freie Liegestühle. Nun kommt doch noch etwas Kreuzfahrtstimmung auf. Einen Stewart gibt es allerdings nicht. Und auch keinen Sundowner - Alkohol ist nicht erlaubt auf dem christlichen Schiff der Barmherzigkeit.

Weitere Volunteer-Organisationen

www.mercyships.orgwww.aifs.de www.travelworks.dewww.realgap.dewww.social-services.netwww.ifrevolunteers.orgwww.activeabroad.de

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