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Costa Rica: Grüne Welle im Dschungel

Natur, Natur und noch mal Natur - die Öko-Lodge Lapa Rios auf der Halbinsel Osa in Costa Rica ist der absolute Gegenentwurf zu all-inclusive. Eine geplünderte Region wurde wiederbelebt und zu einem Vorzeigeprojekt für umweltfreundlichen Tourismus

Von Jan Christoph Wiechmann

Die Halbinsel Osa war eine Idylle. Ein Wunder der Natur, wie es auf der Welt kaum mehr zu sehen war. Ein Schauspiel des Artenreichtums, wie Gott es nur an seinem freien Tag schaffen konnte, so sagten die Einheimischen. In den Kronen des Urwalds tobten Klammeraffen, durch sternklare Nächte zogen Jaguare, und draußen vor der pazifischen Küste paarten sich Buckelwale, die im November aus Kanada kamen und im Mai aus Argentinien. Dann strömten Fremde auf die Halbinsel, Konsortien aus Nordamerika. Sie suchten nach Gold, vergifteten die Flüsse und rodeten das edle Holz des Regenwaldes. Aus dem Dschungel machten sie Weideland und aus Flusstälern eine Mondlandschaft. Wilderer jagten Jaguare als Trophäen sowie Boas aus Spaß und verkauften Schildkröteneier als Aphrodisiakum. Der Regenwald im Süden Costa Ricas war ein Selbstbedienungsladen, der Rohstoff fürs Ausland, bis es nicht mehr viel zu plündern gab.

Dann kamen andere Fremde, Biologen aus Nordamerika. Sie kauften vor 20 Jahren große Gebiete des Regenwaldes auf und erklärten sie zum Naturreservat. Sie forsteten kahle Flächen wieder auf, stellten Parkwächter ein und gaben Wilderern Jobs. Sie schützten die Gewässer, belebten die Natur und schufen inmitten des Regenwaldes eines der ambitioniertesten Tourismusprojekte der Gegenwart: die Öko-Lodge Lapa Rios.

Der Tag in Lapa Rios beginnt mit einem Schrei. Dem lauten, lustvollen Schrei eines Brüllaffen. Dann folgen das Krächzen der Tukane und Rasseln der Zikaden und Singen der Kolibris, und irgendwann um fünf Uhr früh ist es in Fülle erwacht: das Orchester des Dschungels, das klangvolle Leben auf der Halbinsel Osa. Dann kommt die Sonne. Zügig steigt sie auf zwischen den Bergkuppen des Inlands und den stillenden Buckelwalen des Golfo Dulce. Sie lässt rote Aras in den Wipfeln erleuchten und blaue Riesenschmetterlinge in den Hängen und den grünen Pfeilgiftfrosch am Wasserfall, und irgendwann um sechs ist es in Fülle erblüht: das Potpourri des Urwalds, die ganze Farbenpracht der Tropen.

Orchester des Dschungels sind die Tiere

Dann beginnt das Abenteuer. Die Gäste gehen nur ein paar Schritte in den Regenwald hinein und erspähen Hellrote Aras auf Bäumen und Affenbabys bei ihrem ersten Kletterversuch. Sie entdecken pelzige Taranteln unter Steinen und Faultiere auf Ästen, mit etwas Glück eine Boa Constrictor und mit sehr viel Glück einen Tapir: die Exotik des Dschungels, die fragile Fauna Costa Ricas. Die Öko-Lodge Lapa Rios liegt am schönsten Punkt der Halbinsel Osa mit Blick auf den Pazifik und den tropischen Fjord Golfo Dulce. Liegt versteckt im Dickicht zwischen 300 Jahre alten Bäumen, sodass man sie kaum sieht. Ist nur über holprige Staubpisten erreichbar, sodass die Massen fernbleiben. Wurde ausgezeichnet von Condoleezza Rice mit dem "Corporate Excellence Award" und besucht von Gästen wie Hollywoodstar Charlize Theron und Senator John McCain und vielen Hobbybiologen, die auf der Suche sind nach den letzten Paradiesen der Erde.

Aber Lapa Rios ist mehr als eine noble Bambus-Lodge mit 16 Bungalows. Sie ist eine Philosophie. Eine gute Nachricht inmitten der Apokalypse. Eine Erfolgsgeschichte in der kollabierenden Welt. Urlaub machen und dabei ein bisschen die Welt retten. Das Gewissen beruhigen und die Seele entspannen. Es gibt in Lapa Rios kein Internet und keinen Fernseher, kein Telefon und kein Plastik und in den Bungalows nur eine feste Wand, die wenig Schutz bietet vor Skorpionen und Schlangen und dem Sound der Natur. Die Seife ist biologisch abbaubar und das Licht stets gedimmt. Die Einrichtung ist aus lokalem Holz - übliche Kriterien des sanften Tourismus. Aber dann beginnen die Unterschiede. Die Köche kommen aus der Nachbarschaft und waren früher Wilderer. Das Essen wird gekocht mit Methangas, erzeugt aus dem Kot der Schweine, die wiederum die Speisereste der Lodge verzehren. Die Kinder des Dorfes werden unterrichtet in Naturschutz und Klimawandel. Die Angestellten erhalten Zuschüsse fürs Studium. Der Müll wird gewogen, stetig reduziert und im Computer erfasst. Als Coca-Cola Plastikflaschen einführen wollte, organisierten sie einen Boykott in der Region und zwangen den Giganten in die Knie.

Grüne Oase im Dschungel

Die Öko-Lodge Lapa Rios ist Vorreiter einer neuen Welle in Costa Rica: des "sustainable tourism", des sanften, nachhaltigen, umweltgerechten Tourismus. Sie ist der Gegenentwurf zu all-inclusive und dem Massentourismus der großen Konzerne. Costa Rica galt schon als Mutterland des Ökotourismus, als Öko noch ein Schimpfwort war und kein Marketinginstrument. Doch stand Öko nur für Ökologie, für viel Natur. Das Prädikat gab es umsonst, ohne Auflagen, und heimlich ließen die Hoteliers ihren Giftmüll in die Erde und machten Aras und Kapuzineraffen zu handzahmen Wesen. Nun hat sich das Tourismusinstitut ein Zertifizierungssystem geschaffen (CST) mit 153 Kriterien, die zu den strengsten der Welt gehören. Wer "eco" sein will, muss recyceln, kompostieren, muss Angestellte und Touristen im Umweltschutz schulen, muss Energie sparen, die Nachbarschaft fördern, Profite teilen, Global Warming bekämpfen, kurz: seinen Beitrag leisten zur Rettung der Welt. Das kleine Land zwischen Nicaragua und Panama hat sich nicht weniger vorgenommen, als das Reisen zu revolutionieren, seine Küsten zu retten, seine Mangroven, Trockenwälder, Regenwälder, Nebelwälder, in denen mehr Tier- und Pflanzenarten zu Hause sind als in ganz Europa.

Eine Welt aus "National Geographic"-Dokumentationen

Edwin Villareal kennt die Arten alle. Er ist Ranger in Lapa Rios und führt die Gäste auf schmalen Pfaden tief hinein in den Regenwald mit 700 verschiedenen Baumarten. Edwin war einst Goldschürfer, bevor er Kleinbauer wurde und Wilderer und schließlich arbeitslos. Als die Lodge nach Osa kam, gaben ihm die amerikanischen Besitzer einen Job als Reinigungskraft und schließlich als Naturführer. Jetzt steht er am Wasserfall und erklärt eine Welt, die die Gäste nur aus "National Geographic"-Dokumentationen kennen, löst etwas aus, was sie mit großen Worten belegen: Dschungel-Fieber, Regenwald-Rausch und Ökoekstase. Edwin findet Spezies, von denen kein Gast wusste, dass sie existierten: langblättrige Pflanzen namens Eselsohren, mit deren Saft Schlangenbisse kuriert werden. Jesus-Christus-Salamander, die übers Wasser laufen. Blumen mit Namen Weihnachtskerzen, in denen Kolibris tollen. "Ich habe mich um 180 Grad gewandelt", sagt Edwin. "Früher habe ich die Natur ausgeplündert, jetzt erziehe ich Touristen. Wenn die Erdtemperatur nur um ein Grad steigt, sterben mir Hunderte Arten aus. Die Goldene Kröte von Monteverde hat es schon getroffen. Sie starb an Global Warming."

Das Konzept des nachhaltigen Reisens ist nicht begrenzt auf den Regenwald. Es gibt Projekte an der Pazifikküste und am aktiven Vulkan Arenal, es gibt Ökohotels in der Hauptstadt San José, die jedes deutsche Recyclingsystem übertreffen und Ökogästevillen zwischen Kaffeeplantagen, die vom Tourismusinstitut die Höchstnote erhielten - fünf Blätter. Im Landesinnern, dort, wo sich die feuchten Winde der Karibik und die trockenen des Pazifiks treffen, liegt auf 1200 Meter Höhe im Nebelwald eines der sensibelsten Ökosysteme der Welt, die Lodge Villa Blanca. Sie ist geformt wie ein kleines Dorf aus dem 19. Jahrhundert mit einer herrschaftlichen Hacienda im Zentrum und kleinen Häusern drum herum, in denen die Gäste wohnen. Einst gehörte sie dem ehemaligen Staatspräsidenten Rodrigo Carazo, bis ein amerikanischer Filmproduzent sie übernahm. Er ließ die importierten Pflanzen durch einheimische ersetzen, führte Kompostierung ein und baute einen Kinosaal, in dem er jeden Abend "An Inconvenient Truth" zeigt, Al Gores gerade mit einem Oscar ausgezeichneten Dokumentarfilm über die Erderwärmung. Er kauft Lebensmittel nur bei Bauern der Umgebung, baut Dächer aus recycelten Bananenkisten und schickt seine Gäste durch den Nebelwald, zu Fuß, per Pferd oder per Canopy-Tour, einer Art Seilbahnfahrt von Wipfel zu Wipfel.

Der Nebelwald ist noch dichter bewachsen als der Regenwald. Man zieht durch Wolken, aus denen von Moos überwucherte Bäume auftauchen wie gespenstische Figuren. Man geht wie durch weiße Wände, und plötzlich erscheinen neun Tukane und attackieren das Nest eines Falken. Die Gäste erleben, wie eine Armee von Wanderameisen einen Skorpion angreift, Zikaden im Bauch der Kröten noch ihr gedämpftes Sterbelied singen und eine Affenbande durch den Wald tobt und mit Mandeln um sich wirft. Jeder Baum hier ist ein eigener Wald, mehr als 100 Pflanzenarten, die einander brauchen, leben auf ihm. Stirbt nur eine Moosart aus, so stirbt die Flechte, stirbt die Raupe, sterben Frosch und Kolibri, kollabiert der ganze Nebelwald, der nur zwei Prozent aller Waldflächen weltweit ausmacht. Die Gäste kehren heim und versprechen, keinen dicken Geländewagen mehr zu kaufen und ihre Klimaanlage abzuschaffen. So soll nachhaltiger Tourismus funktionieren: Er bewahrt die Natur und verändert die Menschen.

Kaum ein Land ist dafür so gut geeignet wie Costa Rica. Es ist so klein wie Niedersachsen und dabei so vielschichtig wie Brasilien. Es hat kein Öl, keinen Bergbau, keinen anderen Bodenschatz als die Schönheit der Natur. Über 25 Prozent des Landes stehen unter Naturschutz, 95 Prozent der Energie bezieht es aus Wasserkraft. Es ist sicher und stabil, hat keine Armee, aber mit Oscar Arias Sánchez einen Präsidenten, der Friedensnobelpreisträger ist. Für viele ist Costa Rica der sanfte Einstieg nach Lateinamerika. Schon vor langer Zeit erhielt es den Spitznamen die "Schweiz Zentralamerikas", ganz so, als bräuchte jedes Entwicklungsland immer ein europäisches Vorbild.

Vor fünf Jahren entdeckten die Amerikaner Costa Rica. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 haben sie begonnen, die Küsten aufzukaufen, sich ihr Altenteil in der Sonne zu sichern, nur vier Flugstunden von New York. Sie bauen ihre Wohnanlagen in die Hänge, die sie für acht Wochen im Jahr bewohnen, aber sie zahlen weder Steuern noch beschäftigen sie Arbeiter. Bucht um Bucht haben sie eingenommen, von der nicaraguanischen Grenze südwärts in ihrer Suche nach Golfplätzen und einer Rente mit Meerblick.

Bis vors Küstenstädtchen Nosara sind sie gekommen. Hier haben Betreiber des nachhaltigen Tourismus sie gestoppt. Hier, wo noch Schildkröten zu Tausenden am Strand brüten, haben diese eine Umweltbucht geschaffen. Haben Flächen aufgekauft, Parkwächter eingestellt, ein Recyclingsystem installiert und als Prellbock gegen den Massenansturm ein elegantes Surf-Hotel hingestellt mit Kompostierung, Würmerfarm und Coca-Cola-Verbot. Solarzellen heizen den Pool. Der Pool selbst hat kein Chlor. Am Morgen gehen die Gäste surfen, dann zum Yoga und zur Papaya-Massage, und am Abend forsten sie mit Schülern des Dorfes die Berghänge auf.

Pioniere der Bewegung sind Naturschützer aus Kalifornien und der Schwabe Hans Pfister. Er managt Lapa Rios und das Hotel in Nosara und sucht nach immer mehr Regionen, die er für die Nachwelt schützen will. Pfister ist der Antityp eines Ökos, ein pragmatischer Kopf, die nüchtern kalkulierende Waffe gegen zerstörerischen Massentourismus. "Mit Birkenstock und gutem Willen kommen wir nicht weit", sagt er. "Ich habe viele Projekte sterben sehen. Für mich ist es das Größte, wenn ich einen wie den Präsidentschaftskandidaten John McCain zusammenbringe mit einem ehemaligen Wilderer, der ihm im Regenwald die direkten Folgen des Klimawandels aufzeigt."

Hinter Nosara Richtung Süden folgen noch schönere, fast unberührte Buchten, Perlen am Pazifik, bereit zur Ausbeutung oder zum Schutz, für all-inclusive oder sanften Tourismus. Den schönsten Teil zwischen Mangrovenwäldern und der hoch aufsteigenden Meeresküste hat sich ein einheimischer Investor gesichert, Carlos Gutierrez. Er könnte hier ein Vermögen machen, ein Megaprojekt schaffen, für Tausende Gäste. Doch er hat sich mit Pfister für etwas anderes entschieden. Ein kleines Ökohotel für Surfer und Kajakfahrer und Hobbybiologen und Menschen, die nur einen Wunsch haben: mit den Affen aufzustehen und dem Sound des Dschungels zu Bett zu gehen.

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